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Interview mit Regisseur Lachmann über das Stück „Unterwerfung“ im Kleinen Haus in Dresden

Religion als Ideologie Interview mit Regisseur Lachmann über das Stück „Unterwerfung“ im Kleinen Haus in Dresden

Der Jungregisseur Malte C. Lachmann ist eine der größten Nachwuchshoffnungen des Deutschen Theaters. Andreas Herrmann hat mit ihm über sein Inszenierung von Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ im Kleinen Haus gesprochen.

Christian Erdmann spielt den auf- wie abgeklärten Pariser Sorbonne-Professor Francois.

Quelle: david baltzer / bildbuehne.de

Dresden. Malte C. Lachmann als Senkrechtstarter zu bezeichnen, ist nicht sehr gewagt: Denn der Noch-26-Jährige ist sofort nach seinem Münchner Regiediplom deutschlandweit gefragt. Und bislang rechtfertigt er das Vertrauen, auch in Dresden, wo er vor knapp zwei Jahren die sehr dynamische deutsche Erstaufführung von Lollikes Disneydrama „Träume werden Wirklichkeit“ anbot. Nun inszeniert er für die Dachbühne im Kleinen Haus Houellebecqs „Unterwerfung“ – mit Christian Erdmann in der Hauptrolle – als Vier-Personen-Kammerspiel, für das schon vor der Premiere die Kartenfrage prekär gerät. Die Dresdner Neuesten Nachrichten unterhielten sich mit dem Hessen des Jahrganges 1989, der sofort nach Dresden mit „Leonce und Lena“ sein drittes Heimspiel in Gießen und kommenden Januar sein Semperoper-Debüt mit Mischa Spoliankys „Alles Schwindel“ feiern wird.


Herr Lachmann, woher kommt Ihre stringente Theatersozialisation?

Ich wurde 1989 in einem Dorf in der Nähe von Marburg geboren, habe über die Kirche angefangen, Theater zu spielen, und wurde schnell Mitglied einer semiprofessionellen Musicalgruppe. Als Jugendliche fuhren wir oft ins Marburger Theater. Nachdem ein Freund anfing, Schauspiel zu studieren, merkte ich, dass man das auch beruflich machen kann. So habe ich mich über Praktika sowie Schauspiel- und Gesangsstunden ans Theater herangetastet.

Und nach dem Abschluss ging es sofort scharf weiter?

Ja, ich bin jetzt seit vier Jahren freier Regisseur – und das ist meine 15. Inszenierung. „Disneydrama“ vor zwei Jahren hier am Staatsschauspiel Dresden war damals die sechste.

Wie kamen Sie auf Houellebecqs „Unterwerfung“?

Die Verabredung mit Dresden erfolgte kurz nach der Romanveröffentlichung. Ich habe das Buch gelesen und fand es großartig. Ich setze mich schon lange mit Religionen, insbesondere dem Islam, auseinander. Außerdem finde ich Gesellschaften, die vermeintlich anders funktionieren als die unsere, spannend. Deshalb war ich letztes Jahr im Iran und 2013 in Nordkorea. Bei Houellebecq übernimmt ein fiktiver, gemäßigter Islam per Wahl Frankreich. Ob die Grundausrichtung sunnitisch oder schiitisch ist, bleibt weitgehend offen – außer, dass die Sorbonne von Saudi-Arabien bezahlt wird. Das ist das eine. Das andere ist: Ich bin Katholik, wurde von der Bischöflichen Studienstiftung Cusanuswerk unterstützt, bin immer noch gut vernetzt – mich interessiert die Befassung mit Gott und Religion auch privat.

Welcher der drei jüngsten Päpste steht Ihnen am nächsten?

(Lacht.) Ich finde Franziskus am sympathischsten, auch wenn es sicher einiges an ihm zu kritisieren gibt. Er ist aber der Progressivste des Trios.

Wie kamen Sie zu Ihrer Textfassung?

Mir war es wichtig, „Unterwerfung“ nicht als Monolog auf die Bühne zu bringen, sondern als dialogisches Stück, in dem es einen klaren Protagonisten im Mittelpunkt gibt. Die Textfassung stammt im Grunde von Janine Ortiz, der Dramaturgin, und mir. Wir haben bereits öfter zusammengearbeitet – das hat Früchte getragen.

Und wie entstand die Festlegung auf die Rollen der Romanfiguren, die rings um François auftauchen?

Die wichtigste Frage angesichts der Figurenfülle in Houellebecqs Roman ist, welche davon die Hauptfigur am meisten beeinflussen. Und dann fragt man sich nach dem passenden Spielkonzept für die Umsetzung auf der Bühne. Wir sind auf vier Spieler gekommen: den Protagonisten, der den Abend erzählt. Dann zwei, die alle weiteren weiblichen und männlichen Rollen spielen, und eine Schlüsselfigur, die am Ende hinzukommt. Das wird der Uni-Präsident Rediger sein. Wir folgen dem Verlauf des Romans und verschränken die Erzählung mit Videoeinspielungen.

Vor knapp zwei Jahren, als sie hier „Disneydrama“ inszenierten, war die Dresdner Welt nach außen hin noch in Ordnung. Nun kommen Sie mit „Unterwerfung“ in die deutsche Hauptstadt der Angst vor Islamisierung – spielt das eine Rolle bei der Konzeption?

Ja, natürlich beschäftigte uns das im Probenprozess. Aber eigentlich geht es in Houellebecqs Roman nicht um den Islam, sondern um unsere Gesellschaft. Gibt es überhaupt so etwas wie westlich-abendländische Werte? Gibt es sie noch? Und wenn es sie gibt: Lohnt es sich, sie zu verteidigen? Wir haben keine direkten Anspielungen auf Dresden in unserem Abend, denn das würde den Stoff klein machen. Es geht um Verführung, wenn Religion als Ideologie fungiert.

Das sagen Sie als Katholik?

Ja, das sage ich als Katholik.

Sehen Sie die Gefahr, dass es der Gelehrtenwelt hierzulande genauso egal wäre und sie sich friedlich unterwerfen würden, solange ihre eigenen Rahmenbedingungen stimmen?

Das ist Problem doch: Es gibt keine tiefschürfenden Diskussionen darüber, was wirklich wichtig ist und was man dafür bereit ist, zu tun. Viele halten es mit François: „Ich bin für gar nichts.“ – Trotzdem ist mir wichtig zu betonen, dass Houellebecqs Roman ein französischer Stoff ist, viele seiner Thesen lassen sich nicht leicht auf Deutschland übertragen. Außerdem hat sich die Lage seit dem Erscheinen des Romans und den Anschlägen von Paris drastisch verändert.

Schade eigentlich, oder?

Ja.

Von Andreas Herrmann

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