Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Google+
Interview mit Cornelius Meister vor seinem Dirigentendebüt "Lulu" in der Semperoper

Interview mit Cornelius Meister vor seinem Dirigentendebüt "Lulu" in der Semperoper

Februar hat Alban Bergs Oper "Lulu" in der vollendeten Fassung von Eberhard Kloke in der Regie von Stefan Herheim Premiere an der Sächsischen Staatsoper. Am Dirigentenpult in der Semperoper steht der 31-jährige Cornelius Meister, Generalmusikdirektor in Heidelberg und Chefdirigent des ORF-Radio-Symphonieorchesters Wien.

Voriger Artikel
Zeichen setzen zum Zehnjährigen: der Aufbaustudiengang KunstTherapie der HfBK Dresden
Nächster Artikel
Die Sächsische Akademie der Künste setzt auf Brückenschläge, Einmischung und Öffentlichkeit

Am Dirigentenpult in der Semperoper steht der 31-jährige Cornelius Meister.

Quelle: Rosa-Frank.com

Am 4. Meister gibt mit der "Lulu" sein Debüt in der Semperoper. Alexander Keuk sprach mit dem Dirigenten über die Entstehung der neuen Produktion.

Frage: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit der Sächsischen Staatsoper?

Cornelius Meister: Die Entscheidung, dass ich hier "Lulu" dirigieren werde, liegt schon gut zwei Jahre zurück. Es ist für mich etwas ganz Besonderes, nach meinen Erfahrungen in Hamburg, München und Berlin nun zum ersten Mal in der Semperoper zu dirigieren. Das Haus und die Staatskapelle spielen gleichermaßen auf Weltniveau.

Diese "Lulu"-Inszenierung ist eine Koproduktion mit der Oper in Kopenhagen, was ist das Besondere daran?

Koproduktionen sind dann sinnvoll, wenn man die dadurch gewonnene Zeit auch nutzt. Da in Kopenhagen der erste Teil dieser Koproduktion vor einem Jahr stattfand, gab es im Hinblick auf Bühne, Kostüme, Technik eine Basis. Dann wurden diese Erkenntnisse für die Neuproduktion in Dresden weiterentwickelt. Als "Lulu" in Kopenhagen lief, war ich auch gerade dort, um "Tristan und Isolde" zu dirigieren, so dass ich dort bereits mit dem Regisseur Stefan Herheim und seinem Team zusammentraf. Die Zusammenarbeit mit ihm hier in Dresden verläuft sehr inspirierend, sehr fruchtbar.

In Dresden singt aber nun eine andere Besetzung?

Ja, und es ist ein Kennzeichen der Semperoper, dass man in der Lage ist, auch große Partien hervorragend aus dem Ensemble zu besetzen. Einzelne Solopartien übernehmen Gäste - Gisela Stille verkörpert die Lulu, sie ist stimmlich und mit ihrer szenischen Präsenz eine herausragende Sängerdarstellerin. Darüber hinaus bin ich sehr glücklich, wie liebevoll man selbst die kleinsten Partien besetzt hat. Es wächst hier gerade ein sehr charakteristisches Lulu-Ensemble zusammen, das echte Typen vereint.

Wie wichtig ist bei diesem Werk der Austausch zwischen Regisseur und Dirigent?

Ein Stück wie "Lulu" könnte gar nicht auf höchstem Niveau auf die Bühne gebracht werden, wenn nicht alle Beteiligten der Produktion bis in Details am gleichen Strang ziehen würden. "Lulu" ist ja bereits vom Komponisten als Universalstück angelegt, zitiert in musikalischer Hinsicht mehrere Gattungen (Sonate, Gavotte, Choral usw.) und stellt den Anspruch, die gesamte Welt abzubilden. Das hat Auswirkungen auf die Zusammenarbeit im gesamten Team und das Ineinanderwirken von Szene und Musik. Bei "Lulu" ist auch das Libretto hervorragend. Berg verlangt diesen Text auf sechs verschiedene Arten hervorzubringen: singend, sprechend und noch auf vier Zwischenebenen. Im Idealfall führt das zu unmittelbar wirkungsvollem Theater, damit wird die Bedeutung der Musik nicht herabgesetzt, im Gegenteil.

Wie viele Proben braucht man eigentlich für dieses komplexe Werk?

"Lulu" ist zunächst einmal ein langes und sehr anspruchsvolles Werk, allein deshalb gibt es viel zu tun. Zum anderen ist "Lulu" vor rund zwanzig Jahren zum letzten Mal hier gelaufen, d.h. nur wenige am Haus kennen das Stück aus eigener praktischer Erfahrung. Das ist aber auch sehr schön: Wir arbeiten an einer wirklich neuen Produktion, die den Namen auch verdient. Generell ist die Sächsische Staatsoper ein sehr verantwortungsvolles Haus, was die Produktionsbedingungen anbelangt. Und hier sind alle voll dabei, man ringt um die Dinge und ich habe den Eindruck, alle wollen gemeinsam das beste Ergebnis erreichen. Auch die Zusammenarbeit mit der Bühnentechnik macht mich sehr glücklich. Bei dieser "Lulu"-Produktion sind wir schon allein wegen der Drehbühne total aufeinander angewiesen. Wenn ich an einem Abend ein anderes Tempo wählte, würden die Kollegen der Technik enorme Probleme bekommen.

In Dresden erklingt eine besondere Fassung der "Lulu", Berg konnte ja den dritten Akt nicht mehr vollenden - was erwartet die Zuhörer?

Nach dem Tod von Alban Berg 1935 hat man meist die zwei vollendeten Akte gespielt und zwei sinfonische Stücke ergänzt. 1979 wurde in Paris die Vervollständigung des 3. Aktes von Friedrich Cerha uraufgeführt, und seither hatten die Opernhäuser die Möglichkeit, zwischen beiden Varianten zu wählen. Seit kurzem gibt es eine dritte Alternative: Der Komponist und Dirigent Eberhard Kloke bietet verschiedene Module an, die man verwenden kann, aber nicht muss, es ist eine Art Baukasten, aus dem man seine eigene Fassung des 3. Aktes herstellen kann. Jedes Theater, das die "Kloke-Fassung" spielt, kann aus diesem Angebot auswählen, es wird also selten dasselbe Stück sein. Generell kann man sagen, dass die Kloke-Fassung kürzer ist als die von Cerha, und sie konzentriert den Stoff noch stärker.

Stefan Herheim ist für eine starke Bildsprache bei seinen Inszenierungen bekannt - wie passt das zu Alban Bergs Musik, die ja ebenfalls sehr stark charakterisiert?

Es gibt zwei günstige Voraussetzungen: Stefan Herheim inszeniert aus der Partitur heraus, nicht aus dem Klavierauszug. Das ist ideal, weil "Lulu" von den Orchesterfarben und Orchesterkommentaren lebt. Häufig stellt ein Sänger auf der Bühne eine Frage, und die Antwort kommt vom Orchester, nicht aus dem Libretto. Es ist auch ein Missverständnis, dass "Lulu" reine Zwölftonmusik wäre. Es gibt viele Stellen, die nicht aus der Zwölftönigkeit komponiert sind, und es gibt auch Leitmotive, nicht nur melodisch, sondern auch als Orchester- und Instrumentalfarben. Die zweite günstige Voraussetzung: Die Staatskapelle Dresden ist berühmt für ihre spätromantische Tradition, hier hat sich eine direkte Verbindung zu Richard Strauss und seiner Zeit bewahrt. Und Alban Berg, bei aller Modernität und Pro-gressivität, ist von seiner Emotionalität her ein unverbesserlicher Romantiker. Es gibt größte Expressivität, Melo- die-Seligkeit, überhaupt keine Karg-heit oder Nüchternheit, eigentlich Überschwang, aber mit kompositorischen Mitteln, die weit in die Zukunft reichen. Das macht für mich die Genialität des Werkes aus, weil Berg gleichermaßen Emotionen aus einer gerade vergangenen Epoche hervorholt, aber mit seiner Kompositionstechnik Neues schafft.

"Lulu" ist längst ein gerne gespieltes Werk großer Häuser. Wo ist in ihr das spezifisch Moderne zu finden - was macht es zu einem aktuellen Stück?

Das ist schon im Stoff begründet - eine Frau, die sich heute herausnimmt, eine Lulu zu sein, das wäre nach wie vor ein Hingucker, ein Skandal. Die Anziehungskraft, die Lulu auf ihre Umgebung ausübt, das ist beeindruckend. Das Thema der Geschlechterverhältnisse ist zeitlos. Ebenso faszinierend ist die Doppeldeutigkeit des Librettos: Es gibt kaum einen Satz, der nur auf eine bestimmte Weise gelesen werden könnte. Zahlreiche Sätze kann man auch auf einer zweiten Ebene als Theaterkommentare lesen.

Was bietet dann die "Lulu" für einen Zuhörer, der sich unterhalten lassen will? Ergötzen wir uns am Grauen, das wir außerhalb des Theaters nicht ertragen?

Nein, es ist auch ein lustiges Stück, bei dem man lachen muss. Es ist Tragödie und Komödie zugleich. Das Stück beginnt mit der Partie des "Tierbändigers", er lädt ein: "Hereinspaziert in die Menagerie, Ihr stolzen Herrn, Ihr lebenslust'gen Frauen ..." und er erzählt, was er alles Tolles in seinem Zirkus vorführt. In vielen Szenen ist eine skurrile Komik zu beobachten. Diese Komik entsteht aus der Realität, Bergs Oper ist da ein hervorragendes Beispiel dafür. Die Oper bildet die ganze Welt ab: Schreckliches, Liebe, Lustiges. Will man nur einmal im Leben ins Theater gehen, dann sollte man zu "Lulu" gehen.

Premiere "Lulu" 4. Februar, 18 Uhr Semperoper, weitere Vorstellungen: 7./10. Februar, jeweils 19 Uhr

- geboren 1980 in Hannover

- mit 21 Jahren debütierte Meister an der Hamburgischen Staatsoper

- November 2008: Debüt als Dirigent bei der Dresdner Philharmonie

- seit 2010 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien.

- bis Sommer 2012 außerdem Generalmusikdirektor des Theater und Philharmonischen Orchesters Heidelberg

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 31.01.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr