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Interview mit Aaron Dessner von "The National"

Interview mit Aaron Dessner von "The National"

Aaron Dessner muss nicht lange überlegen: "Die Scheune? Da ist doch ein indisches Restaurant unten drin." Immerhin war es vor elf Jahren, als der Gitarrist und Komponist zusammen mit der US-amerikanischen Rockband The National das erste Konzert in Dresden gespielt hat.

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Aron Dessner (2.v.l.) mit seinen Bandkollegen von "The National" mit denen er seit eineinhalb Jahrzehnten auf der Bühne steht.

Quelle: Beggars Banquet

Ein zweites folgte 2005 im Star Club. The National mit Matt Berninger und den Brüdern Aaron und Bryce Dessner sowie Bryan und Scott Devendorf waren damals in der internationalen Szene eine längst verehrte, aber weit unter Wert geschlagene Independent-Band. Erst seit ihrem Album "High Violet" (2010) spielen sie vor Tausenden. Auch Präsident Barack Obama ist Fan und konnte auf ihre Unterstützung in seinen Wahlkämpfen zählen. Nach Dresden kamen The National nicht wieder, aber man arbeitet daran. Anne Daun traf Aaron Dessner für DNN.

Mr. Dessner, The National wurden beständig größer und größer. Könnte es bald zu groß werden für die Band?

Wir sind extrem selbstkontrolliert und immer auf die Musik fokussiert, nicht auf den kommerziellen Aspekt. Diese Art des Größerwerdens ist organisch und schützt uns vor dem Ausverkauf. Nur manchmal fühlen wir etwas Druck und fragen uns, ob das Ganze jetzt schon größer ist als wir selbst. Im Grunde aber sind wir immer noch irgendwo zwischen Underground und Mainstream.

Was bedeutet "independent" für The National?

Unabhängigkeit bedeutet, dass wir für eine Plattenfirma keine Singles kreieren müssen, die in vier Radiominuten funktionieren sollen.

Sie und ihr Bruder Bryce sind in vielen Projekten neben The National beschäftigt. Bryce arbeitet u.a. mit dem Kronos Quartet, Steve Reich und Philip Glass mit Ihnen als Gitarrist. Zudem produzieren Sie Kollegen, kuratieren Festivals. Hat es mit Balance zu tun?

Ja, denn wir beide haben das Bedürfnis, immer wieder aus der eher konventionellen Box auszubrechen und nicht nur Typen in einer Rockband zu sein. Die Menschen begreifen uns mehr und mehr als komplexe Musiker, was schwierig ist, denn wir bleiben ja die Dessners von The National. Dort sind wir bekannt geworden, da können wir uns mit dem anderen Material noch so mühen.

Wovon hängt Ihre Entscheidung für oder gegen ein "fremdes" Projekt ab?

Es hat zu tun mit Chemie, Leidenschaft und Inspiration, mit Lebenszeit und der Frage, ob ich mit meinen Möglichkeiten anderen wirklich substanziell helfen kann.

Wie sehen Sie sich als Produzent?

Als einen, der beim Aufnehmen einer Platte nach der Magie des Moments sucht, und sei es nur die Illusion davon. Manchmal ist es allein das Verschieben einer brillanten Melodie, die so speziell ist, dass sie keine Eingriffe nötig hat. Manchmal aber wird die Veränderung dramatisch. Das ist übrigens bei The National nicht anders. Oft sieht es aus, als würden wir unsere Lieder unter Steinen finden. Da sind sie noch dreckig, hässlich und nackt. Danach suchen wir nach dem bestmöglichen Ausdruck, und der kann am Ende in einem einzigen Ton liegen.

Wie arbeiten Sie konkret als Komponist?

Ich schreibe ein ausgeformtes Stück als Song ohne Text, aber mit allem Drum und Dran, außer dem Schlagzeug-Part, weil Bryan Devendorf einen sehr eigenen formgebenden Stil hat. Dann sende ich die Entwürfe zu unserem Sänger Matt Berninger, auf dass er sie betextet. Erst nach einer Sammlung von solchen Songs schicken wir sie weiter an die anderen und kommen zusammen, um an ihnen zu arbeiten.

Beziehen Sie Einflüsse aus anderen Künsten?

Ich habe immer schon viel gelesen, aber definitiv kamen die meisten meiner Inspirationen und Ideen nach Filmen. "Harold and Maude" zum Beispiel mit dieser herrlichen Musik von Cat Stevens. Oder P.T. Andersons "Magnolia". Oft bleibt etwas davon, das du nicht beschreiben kannst. Manchmal stiehlst du sogar etwas, ohne es zu wissen.

Auf der Bühne wirken The National oft wie entfesselt und bearbeiten überraschend rabiat ihre so eleganten Lieder. Passiert auch das wegen der Balance?

Ja, und wir haben lange daran gearbeitet. Seit 2010 schneiden wir jedes Konzert mit und sammeln Material, packen rare Songs in die Spiellisten. Es war lange Zeit eine absolute Notwendigkeit, oft und lange auf Tour zu gehen, weil wir überleben mussten. Das steht jetzt nicht mehr so im Mittelpunkt. Ich glaube, dass The National immer schon gute Platten gemacht haben, dass wir aber eine viel bessere Live-Band geworden sind.

Mögen Sie persönliche Einflüsse auf Ihre Art, Musik zu machen, benennen?

Unser Vater war Jazzdrummer. Er spielte Fusion-Jazz, und wir hörten beim Aufwachsen natürlich viel von seiner Musik. Zugleich waren unsere Eltern aber auch Hippies und hatten eine enorme Vinylsammlung aus dieser Zeit, so dass wir alle Klassiker aufgesogen haben. Die Art, Gitarre zu spielen, haben wir beide also eher von den Beatles, Simon & Garfunkel, Leonard Cohen und Cat Stevens. All das traditionelle Fingerpicking war unser Fundament. Erst in der High School wurde es bei uns allmählich cooler, da spielten wir dann Punk und Pixies. Schließlich haben wir beide klassische Musik studiert, was noch einmal eine völlig neue Perspektive ergab.

Ist es heute eher der Flirt mit beiden Seiten, der Horizonte öffnet?

Für einen klassischen Musiker ist es hart, aus der Form auszubrechen. Es gibt unglaubliche Könner, grandiose Techniker, die Repertoire spielen, wie wir es niemals könnten. Aber sie sind begrenzt in ihren Möglichkeiten. Es fällt ihnen schwer, einfach zu entspannen und sich auf neue, freie Musik einzulassen. Umgekehrt gibt es diese Beispiele natürlich auch. Bryce hat viel mehr Erfahrungen auf diesem Gebiet, weil er diese großen klassischen Stücke schreibt, bei denen ich nur mitspiele. Für mich ist ein Orchester etwas angsteinflößender, weil sein Puls viel gewaltiger ist als der einer Band.

Von außen wird gern viel in die Tatsache hineininterpretiert, dass bei The National zwei Brüderpaare spielen. Was bedeutet es für die Dessners?

Die Art wie wir miteinander spielen und proben, hat allein damit zu tun, dass wir Brüder sind. Wenn Bryce auf meine unfertigen Songs sieht und sie dann beendet, geht es nur so, weil wir es sind. Das scheint sehr simpel, aber es laufen ziemlich komplexe Dinge zwischen uns ab, die man mit anderen nicht imitieren kann. Wir und die Devenports sind zudem wichtig für die Stabilität auf Tour. Es ist wunderbar, jemanden aus der Familie dabeizuhaben, gerade wenn es mal hart wird und du deine Frau vermisst, dein Kind, das Zuhause.

Sie und Bryce sind sogar Zwillinge -

Und diese Tatsache führte fast zwangsläufig dazu, dass wir von Beginn an aufeinander gesehen haben. Wir sind geborene Kollaborateure, wir lieben den gemeinsamen Prozess und brauchen keine Führung im handwerklichen Sinne, höchstens wenn es darum geht, Ideen zu formen. Wir haben schnell voneinander gelernt. Das wiederum erleichtert mir das Zusammenspiel mit anderen. Ich muss keine großen Sachen erzählt bekommen, ich höre einfach hin und sehe zu.

Zurzeit läuft im Kino die sehr launige Dokumentation "Mistaken for Strangers". Matt Berningers Bruder Tom war eigentlich als Assistent auf Tour engagiert, hat dann aber vor allem 200 Stunden lang gefilmt ...

Und wurde rausgeschmissen, ja. Aber es war schön für Matt, dass auch er endlich das Gefühl kennenlernen durfte, wie es ist, einen Bruder an seiner Seite zu haben. Denn er hat im Bandkontext am ehesten soziale Schwierigkeiten, was nicht dramatisch, aber spürbar ist.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.07.2014

Anne Daun

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