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Interview: Wolfgang Engel inszeniert "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus am Staatsschauspiel Dresden

Interview: Wolfgang Engel inszeniert "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus am Staatsschauspiel Dresden

Wolfgang Engel ist seit fünf Jahren wieder Stammgast im Dresdner Schauspielhaus, auch seine 100. Regiearbeit feierte er 2010 hier: die Uraufführung von Tellkamps "Der Turm".

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Der Regisseur Wolfgang Engel hat Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" auf eine 90-Seiten-Fassung reduziert.

Quelle: Matthias Horn

In der aktuellen Spielzeit 2013/14 stiftet er - der von 1980 bis 1991 in Dresden Hausregisseur war und von 1995 bis 2008 als Intendant des Leipziger Schauspiels wirkte - einen ganz neuen Zugang zu "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus. Engel bescherte Dresden schon etliche große Theaterabende. So anno 1987 mit der DDR-Erstaufführung von "Warten auf Godot", kurz nach der Wende mit dem doppelten "Faust" oder mit Leipziger Gastspielen wie Handkes "Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten" und Shakespeares "Kaufmann von Venedig". Vor der Dresdner Premiere sprach Andreas Herrmann mit Wolfgang Engel über seinen Umgang mit dem komplizierten Monumentalwerk von Karl Kraus.

Frage: Wir schreiben das Jahr 2014 - also hundert Jahren, nachdem Karl Kraus mit seiner Collage begann. Sind die Tage der Menschheit immer noch gezählt?

Wolfgang Engel: Das ist wie die Frage, ob das Glas halbvoll oder halbleer ist. Jeder wird diese Frage aufgrund seiner Erfahrungen selbst beantworten, je nachdem, ob er Optimist oder Pessimist ist. Ich habe mehrere Phasen in meinen Leben durchlebt, in dem ich durch Gespräche mit Freunden oder Kollegen über harte gesellschaftliche Umbrüche den Eindruck gewann, dass die Menschheit eigentlich ihre letzte Chance verspielt habe. Dennoch bin ich ein Optimist.

Die Menschheit hat also noch eine Chance?

Sie hat noch eine Chance - oder bekommt eine neue. Aber alles, was man global oder "unterm Strich" empfindet, zeigt natürlich, dass die Gesamtsituation viel schlimmer als vor hundert Jahren scheint. Wenn man sich nicht nur auf unseren kleinen, mitteleuropäischen Radius bezieht, dann ist die Kuh noch nicht vom Eis.

Was kann man tun?

I

ch will da nicht mit großen Überschriften arbeiten. Was habe ich denn für eine Chance? Ich habe nur eine Chance, auf meinen kleinen Umkreis und jene, die darin leben, einzuwirken.

Wenn man Ihr Publikum einbezieht, ist der Umkreis so klein nicht -

Ja, natürlich. Man hofft natürlich bei jeder Inszenierung, dass die Schauspieler die eigenen Gedanken so interpretieren, dass diese Chancen haben, vom Publikum angenommen zu werden. Doch das große Unbekannte - eigentlich das Wunderbare an unserem Beruf - ist ja, dass wir das bis zur Premiere nicht wissen. Aber: DAS Publikum gibt es sowieso nicht, jeder ist für sich allein im Theater. Selbst wenn dort achthundert Leute nur ein wenig klatschen, hört sich das nach viel Applaus an - obwohl jeder Einzelne nur ein wenig begeistert war oder aus Anstand klatscht.

Aber wenn - wie häufig bei Premieren - fünfzig frenetisch klatschen, klingt das doch auch toll?

Ja, aber es sind doch nur fünfzig. Man will es aber von allen achthundert. Also darf man nicht pauschalisieren: "Das Publikum" gibt es nicht!

Ist dieses Monumentalwerk denn ein Wunschstück von Ihnen?

Ich hatte diesen Text nicht auf meinem Schirm, aber Intendant Wilfried Schulz hat mich vor einem Jahr direkt danach gefragt. Das Theater hat sich überlegt: Was kann man zum 100. Jahrestag des Beginnes vom Ersten Weltkrieg machen. Dass die Dramaturgie dann auf die Idee mit Karl Kraus kommt, ist nicht ungewöhnlich. Aber man muss sich die Frage stellen: Schaffen wir es, uns mit diesem Monstertext auseinanderzusetzen. Denn dieser Text ist ja authentisch entstanden, es sind über siebenhundert Seiten reiner Theatertext und keine herkömmliche Geschichte, es sind einzelne Szenen mit weit über hundert Figuren.

Sie haben dennoch sofort zugestimmt?

Ja. Denn das spannende an diesem Stück ist, dass weit mehr als zwei Drittel im Hinterland spielen. Es zeigt dort, anhand von ganz alltäglichen Bekundungen, wie sich im Laufe des Krieges die Persönlichkeiten und ihre Eigenschaften verändern. Das Tolle an Kraus ist seine Haltung: Im Krieg kommen alle in uns angelegten negativen Charaktermerkmale, die der Frieden sonst unterdrückt, plötzlich zum Ausbruch. Und daher, so Kraus' Folgerung, hat die Menschheit auch nichts mehr auf der Erde zu suchen, wenn sie nicht Frieden halten kann. Es gibt im ganzen Text nahezu keinen Protest gegen den Krieg.

Was hat Sie denn daran gereizt?

Der Kraus ist ja ein ungeheurer Satiriker, ja fasst schon Zyniker, der selbst bösartigst die ganze Bosheit in den einzelnen Szenen immer wieder hervorkitzelt. Das geht bis zur Perversion - wie gräuliches Kasperletheater! Das wird noch verstärkt, in dem wir geneigt sind, die Originaltexte für Parodien zu halten. Aber es sind wörtlich abgeschriebene Reden von Politikern, von denen wir heute, hundert Jahre später, sagen: Um Gottes Willen, das kann nur Kabarett sein - da hat er aber überzogen. Hat er aber nicht! Dieser schmale Grat zwischen Realität und Satire hat mich gereizt. Zudem sind die einzelnen Szenen höchst anspruchsvoll gebaut und formuliert. Man muss geschickt eine Balance finden, damit das Publikum folgen kann.

Der Autor hat aber höchstselbst vor einer Aufführung gewarnt ...

Naja, wenn es man komplett spielen würde, bräuchte man ja auch zehn Abende. Die Aufgabe liegt darin, aus dem Stück für uns heute etwas zu ziehen. So bin ich am Theater groß geworden. Egal, wie alt der Text ist, zu fragen: Wohin zeigen die Figuren? Zeigen Sie auf uns, dann wird es spannend.

Das heißt, Sie haben gemeinsam eine eigene Fassung erstellt, die mit den anderen Inszenierungen der Neuzeit überhaupt nicht übereinstimmt?

Ja natürlich, wir mussten Farbe bekennen. Es gibt eine völlig neue Dresdner Fassung, die auf einem ganz subjektiven Verständnis des Regisseurs, des Dramaturgen und der Schauspieler beruht. Mit den anderen Inszenierungen gibt es einzelne Überschneidungen, aber die kann man nicht als Schnittstellen bezeichnen. Da wir nicht über dreieinhalb Stunden Spielzeit kommen wollen, haben wir die anfängliche Fassung von 240 Seiten erst auf 120 und nun auf 90 Seiten reduziert. Lassen Sie sich überraschen - wir nennen es eine "bösartige Revue".

Sie haben neun Schauspieler - und spielen selbst mit. Warum?

Ich bin Schauspieler von Beruf. Aber es ist nicht lange und soll eine Überraschung sein - daher verrate ich nicht mehr.

Ein Wort zum Streit Ihrer beiden Nachfolger am Schauspiel Leipzig -

Nein, dazu sage ich gar nichts! Das wäre stillos.

Sind volle Theater schön?

Natürlich. Aber falls ein Theater mit seichter Unterhaltung voll wird, dann ist dieser Erfolg fraglich. Denn erstmal das Haus voll bekommen wollen und dann den Anspruch steigern - das funktioniert nicht. Theatermacher müssen das Publikum verführen wollen - das geht auch mit niveauvoller Unterhaltung. Aber für dummes Zeug gibt es das Fernsehen.

Doch alles, was ich sage, stimmt nur bis zu einem gewissen Punkt: Es gibt nämlich auch volle Theater bei tollen Aufführungen und leere Häuser bei miesen.

Premiere am Samstag im Dresdner Schauspielhaus (ausverkauft); weitere Termine: 20. Januar sowie 9. & 28. Februar

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.01.2014

Andreas Herrmann

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