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Interview: Olga Grjasnowa stellt ihren Debütroman in Dresden vor

Interview: Olga Grjasnowa stellt ihren Debütroman in Dresden vor

Selten nur schreiben sich junge Autoren gleich mit ihrem literarischen Debüt in die Schlagzeilen. Der 1984 in Baku geborenen Schriftstellerin Olga Grjasnowa ist dies gelungen.

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Olga Grjasnowa

Sie hatte bis 2011 am Leipziger Literaturinstitut studiert und lebt heute in Berlin. Ihr Roman-Erstling mit dem anspielungsreichen Titel "Der Russe ist einer, der Birken liebt" eroberte sich sofort sehr wohlwollende Kritik. Morgen liest sie in der Villa Augustin, vorab sprach sie mit Michael Ernst.

Frage: Ihr Buchtitel ist lang, erzeugt aber gleich eine Stimmung, als würden Sie mit Klischees spielen. Oder sollte nur die Nähe zwischen eigener Biografie und der Ihrer Ich-Erzählerin Mascha gebrochen werden? Die hat schwer traumatisiert die Auseinandersetzungen zwischen Aserbaidschanern und Armeniern überlebt, aber spricht nicht darüber.

Olga Grjasnowa: Weil sie das nicht möchte, sie hat kein Bedürfnis, das Trauma jedem zu erzählen, das ist für sie sehr privat, und sie ist davon gezeichnet. Ihr Freund verwechselt Intimität mit Vertraulichkeit, das verweigert sie. Eine Trotzhaltung, wenn man so will.

Die ohnehin angespannte Beziehung hält nicht lang, Mascha bleibt mit ihren Gefühlen allein, stürzt sich auf andere Menschen, in andere Länder, geht nach Israel. Als müsste sie von einem Trauma ins nächste fallen-

Es ist nicht so, dass ein neues Trauma hinzukommt, das alte kommt wieder hoch. Immer wieder das alte Kriegstrauma. Vor ihren Augen wurde eine Frau ermordet. Das ist es, woran sie immer wieder denken muss. Deswegen beschließt sie, nach Israel zu gehen.

Was für Menschen beschreiben Sie da, wurzellose, entwurzelte, nach Wurzeln suchende?

Die Leute sind weder entwurzelt noch heimatlos, das sind einfach Deutsche mit Migrationshintergrund, sie werden nur anders bezeichnet, als Nicht-Deutsche, als nicht Bio-Deutsche.

Woher man kommt, wieso man so gut Deutsch spricht, wie der komplizierte Name auszusprechen ist - das alles hat nichts mit suggerierter Heimatlosigkeit zu tun. Für mich ist das Rassismus und nicht Entwurzelung. Menschen sind doch keine Bäume, dass sie unbedingt Wurzeln brauchen. Das ist von einer rechtsgerichteten Asyl- und Innenpolitik, auch von der europäischen Außenpolitik so konstruiert worden.

Die von Ihnen beschriebenen Menschen haben kein Zuhause, keine Religion -,

Ja, zum Glück!

-sie scheinen aus ihrer Zeit, ihrer Geschichte gerissen zu sein.

Für mich handelt es sich beim Fehlen von Religion und Heimat nicht um einen Verlust. Ich bin antireligiös und finde es sehr positiv, wenn die Gesellschaft anfängt, das hinter sich zu lassen.

Begriffe wie Heimat und - viel schlimmer - Nation sind für mich keine glücklich gewählten Vokabeln, die werden nur als politische Instrumente und Konstrukte benutzt, um andere zu diskriminieren.

Deutschland nennt sich Einwanderungsland, aber wie wird hier mit Einwanderern umgegangen, unter welchen Bedingungen leben sie hier - das sind die Fragen, die mich interessieren, auch im Buch.

Ihre Protagonisten haben Sehnsüchte - doch Heimat, schreiben Sie, impliziere "stets den Pogrom."

Ja, sobald ein Begriff wie Heimat auftaucht, ist das gemeingefährlich. Das wird bei Russen wie bei Deutschen immer von rechtsgerichteten Parteien benutzt, ebenso wie in Israel oder in den arabischen Staaten.

Vertraute Orte sind was ganz anderes, wenn man wo eine Weile gelebt hat. Oder beispielsweise Italien und den Orient als ewige Sehnsuchtsorte sieht - Aber in der Realität geht es um den Zugang zu staatsbürgerlichen Rechten.

Aus meiner Sicht haben Sie auch ein Abbild Europas verfasst, in dem viel Leid des 20. Jahrhunderts nachweht und wenig Hoffnung gegenwärtig ist. Zum Schluss steht Mascha, die als Kind von ihrer jüdischen Großmutter versteckt werden musste, völlig allein mitten in Palästina, verletzt von israelischen Militärs.

Zuallererst wollte ich tatsächlich über die Pogrome von 1991 in Armenien schreiben, in Baku. Aber ich kenne viele Leute, die von Neonazis verprügelt wurden, die sofort nachvollziehen können, dass Pogrome jederzeit möglich sind. So etwas wie Rostock ist doch Beweis genug, dass es hier nicht so harmlos zugeht, wie es ausschaut.

Olga Grjasnowa: "Der Russe ist einer, der Birken liebt", Carl Hanser Verlag, 300 Seiten, 18,90 Euro

ISBN 978-3-446-23854-1

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.09.2012

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