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Interview: Lutz Hübner schrieb in 18 Jahren 38 Bühnenstücke, nun wird sein jüngstes Werk "Was tun" im Dresdner Schauspielhaus uraufgeführt

Interview: Lutz Hübner schrieb in 18 Jahren 38 Bühnenstücke, nun wird sein jüngstes Werk "Was tun" im Dresdner Schauspielhaus uraufgeführt

Am Dresdner Staatsschauspiel ist Lutz Hübner mittlerweile Dauergast. Seine Stücke "Frau Müller muss weg" und "Die Firma dankt" sind Publikumsrenner, "Blütenträume" weiter im Programm - und heute feiert "Was tun" Premiere.

Vorab sprach der überaus produktive Autor mit Torsten Klaus über die Geringschätzung der Komödie und das Mäkeln an eigenen Stücken.

Frage: Der Deutsche Bühnenverein listet Sie für 2010/2011 auf Platz zehn der meistgespielten Autoren in Deutschland, mit Abstand der am meisten gespielte Lebende...

Lutz Hübner:...Allein unter Toten...

So ungefähr. Ist das gänzlich uninteressant oder sagen Sie manchmal: "Gar nicht schlecht."?

Es wäre kokett zu sagen, dass man das komplett ignoriert. Aber wenn man manchmal vorgestellt wird, hat man das Gefühl wie bei einem Spitznamen aus der Kindheit, den man gern loswerden möchte. Ich freue mich im Stillen, aber ich laufe nicht durch die Gegend und präsentiere das wie einen Verdienstorden. Es ist eine Ermutigung, sie gibt einem bei allen Zweifeln immer wieder einen Ruhepunkt. Für die praktische Arbeit hat es aber keine Bedeutung.

Was dagegen Bedeutung hat, ist die Stabilität, mit der Sie arbeiten. "Was tun" ist Ihr 38. Stück, viele davon entstanden unter Mitwirkung Ihrer Koautorin Sarah Nemitz. Das alles innerhalb von 18 Jahren, also im Schnitt zwei Stücke pro Jahr. Wie hat das begonnen? Sie haben ja als Schauspieler und Regisseur angefangen.

Das Schreiben war tatsächlich zuerst da, im Rahmen von Kabarett und Schultheater. Man schreibt Leuten ein paar einfache Szenen, die sie schauspielerisch bewältigen können. Eine Art Hinterzimmerstraßentheater, Kneipentheater: zwei Stühle und ein Kasten Bier auf der Bühne. Das Schreiben habe ich an der Schauspielschule beiseite geschoben, das fing erst mit dem Anfängerengagement wieder an - um zusammen mit meiner Freundin tingeln gehen zu können.

Mit Blick auf die Anzahl Ihrer Stücke: Sind Sie ein Arbeitstier?

Das wird mir oft unterstellt. Manchmal erschrecke ich auch selbst, wie viele Stücke es schon sind. Aber im Prinzip mache ich ja nichts anderes. Zwei Stücke pro Jahr kann man eigentlich schaffen, ein großes und ein kleines. Bei zwei großen wird's wirklich eng. In den ersten Jahren, wenn man versucht, Handwerkliches herauszubilden, macht man auch mal drei Stücke. Aber das ist gesundheitlich nicht angenehm. Zwei sind dagegen gut für mich. Es ist ein Arbeitsrhythmus, mit dem ich klarkomme. Also Arbeitstier? Ich glaube, ich arbeite einfach gern.

Sie sagten einmal, dass die Komödie in Deutschland "nicht satisfaktionsfähig" sei. Die Komödie gilt als das Schwierigere gegenüber der Tragödie und bleibt dennoch unterbewertet gegenüber den großen dramatischen Stoffen.

Man sagt ja auch: die großen dramatischen Stoffe, wie Sie gerade. Aber man sagt nie: die großen komödiantischen Stoffe. Vom Handwerk ist die Komödie schwerer zu schreiben. Es hat viel mehr mit Timing, Engführung von Figuren, Überspitzung von Situationen zu tun - selbst wenn es schwer gegeneinander abzuwägen ist. Es gibt wohl das Vorurteil, dass es schwerer zu greifen ist, wenn es um die letzten Dinge geht: Krieg, Tod, Wahnsinn, Inzest. Ich selbst würde das so aber nicht sagen. Es ist einfach eine andere Form von Arbeit. Aber es heißt immer noch: Wenn man drüber lacht, kann's ja nicht so bedeutend sein. Oder anders ausgedrückt: Ich hab' mich amüsiert, aber es ist nicht "Hamlet". Ich glaube aber auch, dass man tragische Stoffe durch eine komödiantische Herangehensweise noch wuchtiger hinbekommen kann. Wenn ich irgendwo als Zuschauer sitze und sehe, es fängt hellgrau an und zehn Leichen später ist es dunkelgrau, wir enden nach der Pause in Schwarz - das führt bei mir dazu, dass ich irgendwann zumache und sage: Ist mal gut mit Heavy Metal. Geht man dagegen komödiantisch heran und hat bei den Leuten durchs Lachen erstmal den Mund aufgekriegt, dann bekommt man auch noch andere Sachen in sie rein. Also ist Komödie auf jeden Fall ein Mittel, um große Themen zu bearbeiten.

Warum bleibt es trotzdem bei der, nun ja, Geringschätzung der Komödie?

Das ist ein deutsches Phänomen, obwohl ich es mentalitätsgeschichtlich nicht erklären kann. In England hat, so weit ich die Theaterszene kenne, niemand ein Problem damit. Dieses Etikett "Kultur minderer Handelsgüte" ist etwas Deutsches. Ich weiß nicht, ob es aus einer bestimmten, der Klassik verhafteten Literaturgeschichte oder Rezeption kommt - oder aus dem spezifisch deutschen Geniekult.

Nach einigen Jahren ereilten auch Sie die Einladungen: Berliner Theatertreffen, Mülheimer Theatertage. Der Ritterschlag. Ging damit auch ein Perspektivwechsel von Seiten des Feuilletons auf Ihre Stücke einher?

Schwer zu sagen. Einerseits bekommt man in den Jahren die Konjunkturbögen mit. Es kann sein, dass man es ein halbes Jahr lang niemandem recht machen kann. Bei jeder Namenserwähnung bekommt man eine drüber. Dann gibt es wieder Phasen, wo alle einen gut finden. Ich kann nicht sagen, woraus sich das speist. Aber ich habe gelernt, es mit Distanz zu sehen.

Wann setzte die Zeit ein, als Sie nicht mehr das Gefühl hatten, ein Stück anpreisen zu müssen bei einem Verlag oder einem Intendanten, als sich das änderte zu: Was Neues von Hübner? Her damit!

Ich hatte das Glück, dass "Das Herz eines Boxers" nach seiner Uraufführung 1996 am Grips-Theater sehr schnell und sehr viel nachgespielt wurde. Dann kam "Gretchen 89ff", das übrigens für ein paar Jahre unauffindbar war, bis es eine Freundin bei einem Umzug wiederfand und das ich daraufhin beim Verlag einreichte, ebenfalls mit vielen Aufführungen in kurzer Zeit. Das war meine Basis, nicht mehr Klinken putzen zu müssen.

Gibt es einen Stoff, ein Thema, von dem Sie sagen: Das habe ich nicht gepackt?

Das Gefühl hat man eigentlich bei jedem Thema. Man freut sich zwar, wenn ein Stück funktioniert, aber man hat auch den Blick für das, was besser sein müsste. Man wird mäkelig. Bei neuen Stücken sehe ich mir die Uraufführung an, dann noch zwei oder drei Nachinszenierungen. Danach merke ich, der Querulant meiner eigenen Stücke zu werden. Das Gefühl zu haben: Ich bin zufrieden, das ist genau das, was ich wollte - das gibt es nicht. Es wäre auch unproduktiv.

Premiere: heute, 19.30 Uhr, Schauspielhaus

www.staatsschauspiel-dresden.de

- geboren 1964 in Heilbronn

- Studium der Germanistik, Philosophie und Soziologie, danach Schauspielausbildung, anschließend Arbeit an ­Theatern in Saarbrücken, Karlsruhe, Neuss und Magdeburg

- seit 1996 freiberuflicher Schriftsteller und Regisseur in Berlin, wo er mit seiner Familie lebt.

- 1998 Deutscher Jugendtheaterpreis für "Das Herz eines Boxers"

- 2005 Einladung seines Stücks "Hotel Paraiso" in der hannoverschen Inszenierung von Barbara Bürk zum Berliner Theatertreffen

- 2009 Einladung seines Stücks "Geisterfahrer" (ebenfalls Hannover, ebenfalls Bürk) zu den Mülheimer Theatertagen

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.10.2012

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