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Ingo Schulze über Sprache und ihren Gebrauch

Ingo Schulze über Sprache und ihren Gebrauch

"Mit den Worten, die ich benutze, mit der von mir gesprochenen und geschriebenen Sprache fallen Vorentscheidungen in meinem Fühlen, Denken und Handeln", lesen wir in einem Essay von Ingo Schulze, geschrieben 2009. Darin beschreibt er, wie das Wort "Verlierer" in unsere Sprachwelt kam und welche Vorstellungen es transportiert.

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Ingo Schulze

Äußerst erhellend, diese Überlegungen. Zu finden in dem Band "Was wollen wir?" (Berlin Verlag). So lautete auch der Titel des ersten Abends der neuen Reihe "Zur Person" in der Sächsischen Akademie der Künste, zu dem etwa 60 Zuhörer ins Blockhaus gekommen waren. Als Gesprächspartner von Akademiepräsident Peter Gülke auf dem Podium äußerte sich Akademiemitglied Ingo Schulze über Sprache und die Folgen ihres Gebrauchs.

Gülke, obzwar Dirigent und Musikwissenschaftler, zeigte sich auch in der Belletristik bestens belesen. So lief der Abend nicht als Frage-Antwort-Spiel, sondern Dialog, in dem beide ihre Ansichten darlegten. Hier und da widersprach Ingo Schulze vorsichtig. Für einen Streit lagen ihre Meinungen zu dicht beieinander. "Zur Perfektion unserer Gesellschaft gehört die Verdrängung", konstatierte Gülke. "Die Literatur aber unterminiert diesen pragmatischen Begriff von Wirklichkeit."

Worin Schulze die Verantwortung - nicht nur die des Künstlers, sondern des Bürgers - sieht: in Differenzierung. "Je genauer, konkreter etwas dargestellt wird, desto besser können wir uns der Sache stellen." Statt dessen aber hantierten Politiker mit Abstrakta, hätten keine Sprache mehr für die Realität.

Der Schriftsteller sieht sich fatal an die Partei- und Staatsführer der DDR kurz vor 1989 erinnert. Beispiel Börse. Deren Auf und Ab werde in Zeitung, Radio, Fernsehen wie ein Naturereignis dargestellt, eine Art Wetterbericht. "Nicht als von Menschen Gemachtes. Und ihre Wirkung wird nicht beschrieben." Dass beispielsweise hierzulande mit Rohstoffen spekuliert werde, was anderswo, in den Entwicklungsländern, Hungertote zur Folge habe.

Ingo Schulze sieht, wie Vieles als Selbstverständlichkeit geschluckt und nicht mehr in Frage gestellt wird. Privatisierung als Allheilmittel zum Beispiel oder Wirtschaftswachstum als eiserne Notwendigkeit. Von der zunehmenden Ökonomisierung nahezu aller Lebensbereiche sieht er die Demokratie gefährdet. Eine Aussage von Bundeskanzlerin Angela Merkel, es komme darauf an, "das Vertrauen der Märkte wiederzugewinnen", alarmiert ihn. Mit niedrigen Steuern für Unternehmen schwinden die Staatseinnahmen und damit die demokratischen Möglichkeiten des Eingreifens.

Helfen könnte für seine Begriffe auch ein kritischer Blick der Bürger: "Sich trauen, einfache Fragen zu stellen: Ist das für uns gut oder nicht? Was sind unsere Interessen?" Und: Nicht gedankenlos Sprachhülsen übernehmen. Eine eigene, genauere Sprache sprechen. Die Dinge historisch betrachten. "Substantive zu Verben machen." Tomas Gärtner

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.02.2012

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