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In memoriam Walter Henn: ein Buch des Thelem-Verlages über den Dresdner Architektur-Professor

In memoriam Walter Henn: ein Buch des Thelem-Verlages über den Dresdner Architektur-Professor

In dem Buch "Walter Henn - die Ästhetik des Funktionalen", herausgegeben von Susann Buttolo und Hans Georg Lippert, wird das Lebenswerk eines Architekten beschrieben, der zu den erfolgreichsten und interessantesten Persönlichkeiten auf dem Gebiet der Baukultur der Nachkriegszeit gezählt wird.

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Walter Henn bei einer seiner Vorlesungen.

Quelle: Wilfried Dechau

Während meines Architekturstudiums an der Technischen Hochschule in Dresden in den Jahren 1949 bis 1955 konnte ich Walter Henn als Professor für Industriebau, Baukonstruktionen und Bautenschutz erleben. Es war die Zeit des Aufbruchs in eine neue Zeit nach dem verheerenden Krieg. Die Stadt Dresden lag in Trümmern, es herrschte Mangel an allem Nötigen, aber wir waren erfüllt von einer Zuversicht, die uns unsere Professoren vermittelten. Als erster neu berufener Professor der Architekturabteilung in der Fakultät Bauwesen war damals erst 33-jährige Walter Henn wesentlich daran beteiligt, hervorragende Fachleute für die zu besetzenden Lehrstühle zu gewinnen.

Neben dem Aufbau und der Profilierung der Architekturabteilung hat sich Walter Henn mit einem zweiten Großvorhaben in besonderer Weise verdient gemacht. Es war die Generalplanung für die gesamte Hochschule. Mit großer strategischer Klugheit hat er es verstanden, für die künftige Entwicklung der Alma Mater riesige Erweiterungsflächen für den Campus zu requirieren und vor dem zuständigen Offizier der sowjetischen Besatzungsmacht mit Erfolg zu begründen und zu verteidigen. Dem Plan wurde zugestimmt. Damit hatte Henn die Voraussetzungen geschaffen, die vielen notwendigen Hochschulbauten der kommenden Jahre Wirklichkeit werden zu lassen.

Es war ein großer Gewinn für die Studenten, hautnah mitzuerleben, wie diese Bauten entstanden: Walter Henn baute das botanische Institut und die Mathematisch-Physikalischen Institute am Zelleschen Weg, die Fakultät für Verkehrswissenschaften an der Hettnerstraße, das Institut für metallische Werkstoffe an der Nöthnitzer Straße, Karl Wilhelm Ochs das Rektoratsgebäude und die Mensa an der Mommsenstraße sowie den Barkhausenbau an der Helmholtzstraße, Heinrich Rettig die Studentenwohnheime am Zelleschen Weg und Wolfgang Rauda die Studentenwohnheime an der Fritz-Löffler-Straße und der Güntzstraße.

Diese schaffensfrohe Zeit wurde jedoch überschattet von einer ideologischen Kampagne, dem sogenannten Nationalen Kulturerbe. Die Rückbesinnung auf vergangene baugeschichtliche Epoche sollte fortan die Architektur bereichern. Die Hochschulbauten der Professoren in ihrer klaren, sachlichen Formensprache gerieten in die Kritik der Bauakademie in Berlin unter Führung von Kurt Liebknecht, und auch die örtlichen Baubehörden beugten sich den verordneten Gestaltungsprinzipien. Es gab öffentliche Auseinandersetzungen, aber die Professoren verteidigten konsequent ihre Auffassungen von zeitgemäßer Architektur. Jedoch in Einigen - auch in Walter Henn - reifte der Entschluss, die DDR zu verlassen, um in der Bundesrepublik ein von Bevormundungen freies Schaffen neu zu beginnen.

Dieser Substanzverlust (dazu gehörten neben Henn die Professoren Hartl, Ochs, Röcke und Rauda) war folgenschwer. Die Technische Hochschule hätte damals das Potential gehabt, für die Architektenausbildung eine Dresdner Schule zu begründen, so wie es z.B. in Stuttgart und in Braunschweig gelungen war.

Das vorliegende Buch zeichnet sich aus durch die Betrachtungsweisen des Lebenswerkes und der Persönlichkeit Walter Henns aus dem Blickwinkel verschiedener Autoren. Mit großer Gründlichkeit werden in sieben Essays die Schaffenszeiträume in Dresden und in Braunschweig behandelt. Besonders aufschlussreich ist das große Interview, das Susann Buttolo und Robert Gärling mit seinen ehemaligen Partnern und Mitarbeitern sowie seinen Kindern geführt haben. Einen guten, durch viele Abbildungen anschaulich gestalteten Einblick in Henns umfangreiches architektonisches Werk gibt der Abschnitt über seine Bauten, während die Zusammenstellung seiner Vorträge seine besondere Neigung zu historischen Bauten und deren Sicherung erkennen lässt. Seine Empfehlungen für den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche gaben Hans Nadler die Anregung, einen "archäologischen Wiederaufbau" zu postulieren.

Von besonderer Bedeutung war das Zusammenwirken mit den führenden Professoren Friedrich Wilhelm Krämer und Dieter Österlen an der Hochschule in Braunschweig. Weit über die Grenzen Deutschlands hinaus hat die Architektenausbildung in dieser Stadt einen einzigartigen Ruf erlangt, an dem Walter Henn maßgeblich beteiligt war. Auf Grund seiner persönlichen Ausstrahlung und seiner unanfechtbaren Kompetenz gelang es ihm immer wieder, große Projekte in Angriff zu nehmen und sie als Spiritus Rector mit zahlreichen tüchtigen und begabten Mitarbeitern erfolgreich zu bewältigen. Die meisten seiner Werke konnten wir im geteilten Deutschland in der Fachliteratur bewundern. In allen Büros gehörten seine Bücher über Industriebau zur Standardliteratur. Sie wurden in viele Sprachen übersetzt und errangen damit internationale Beachtung.

Meine letzte Begegnung mit Walter Henn hatte ich anlässlich seiner Ehrenpromotion an der TU Dresden im Jahr 1995. Unvergessen sein Festvortrag, in dem er in einer von Emotionen getragenen freien Rede seine Zeit an dieser Alma Mater noch einmal herauf beschwor.

Walter Henn hat sehr viele Ehrungen erfahren. Drei Universitäten (Wien, Dresden und Krakau) verliehen ihm die Würde eines Ehrendoktors, und er war Mitglied zahlreicher Akademien und wissenschaftlicher Institutionen. Seinen Lebensabend verbrachte er in seinem schönen Wohnhaus in Murnau am Staffelsee mit faszinierendem Blick auf die Alpen. Dort verstarb Walter Henn am 13. August des Jahres 2006.

Susann Buttolo, Hans-Georg Lippert (Hrsg.): Walter Henn - Die Ästhetik des Funktionalen. Thelem 2012, Klappenbroschur, 304 S., mit zahlreichen s/w-Abbildungen, 39,80 Euro, ISBN 978-3-942411-79-0,

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.03.2014

Manfred Zumpe

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Von Redakteur Michael Zumpe

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