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In der späten Blüte seiner Manneskraft: Verdis "Falstaff" als Hochschulinszenierung im Kleinen Haus in Dresden

In der späten Blüte seiner Manneskraft: Verdis "Falstaff" als Hochschulinszenierung im Kleinen Haus in Dresden

Die jüngste Opernproduktion der Musikhochschule und ihrer Partner wird wohl nicht die letzte Inszenierung Andreas Baumanns bleiben. Zwar wird er im nächsten Jahr 65 und muss dann aus seinem Amt als künstlerischer Leiter der Opernklasse der Hochschule für Musik Carl-Maria von Weber Dresden scheiden, aber Inszenierungen als Gast an anderen Orten sind jederzeit möglich und sicher auch wünschenswert.

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Szene mit Matthias Henneberg als Falstaff (vorn).

Quelle: HL Böhme

"Falstaff", Giuseppe Verdis letzte Oper, ist Baumanns letzte Produktion in seiner Funktion, die er seit 1991 im Professorenrang innehat. Damit geht für die Dresdner Hochschule mehr als eine Phase zu Ende; man möchte eher von einer Ära sprechen. Und die war durchgängig auf Zusammenarbeit mit anderen Partnern orientiert.

Die letzte Oper Verdis mit der Titelfigur eines älteren Manns, der mit seinen Absichten scheitert und nicht zum Ziel kommt - es wäre vermessen und unpassend, da nach psychologischen Parallelen zum Regisseur suchen zu wollen. Die Inszenierung ist völlig frei von Larmoyanz, Abschiedstrauer und Verzichtdenken. Baumann nimmt vor allem ernst, dass die Gattungsbezeichnung das Werk als Commedia lirica ausweist. "Falstaff" ist um eine ganze Größenordnung derber als Otto Nicolais Oper "Die lustigen Weiber von Windsor". Beide gehen auf das gleiche Original Shakespeares zurück.

Baumanns Falstaff ist kein impotenter Greis, sondern steht noch voll in der späten Blüte seiner Manneskraft, erinnert an einen drittklassigen Playboy oder einen Kämpfer im Stil des amerikanischen Wrestling. Er lebt nicht aus dem Vollen, sondern ist finanziell und moralisch abgewirtschaftet. Für diese große und anstrengende Partie hat Baumann nicht auf einen Studenten gesetzt. Kammersänger Matthias Henneberg ist ein in vielen Rollen gestählter Bassbariton und kann ausgedehnte Solopassagen voller Kraft, aber ohne Anstrengung singen. "L'onore! ladri" und "Va, vecchio John" drücken seine Illusionslosigkeit ebenso klar aus wie "Mondo ladro" seine Wut über die Gemeinheit der Welt. Diese Figur ist, anders als bei Nicolai, keine Karikatur, sondern ein Mensch, der sein Leben in vollen Zügen genießen möchte, aber mit allen Versuchen scheitert.

Vieles lässt Baumann schnell spielen, ohne dass dabei die Genauigkeit der sängerischen Präzision Schaden nähme. Farbigkeit und Leichtigkeit der Bühne und Kostüme (Sabine Mäder und Martina Lebert) kommen dem Grundprinzip der Regie entgegen - da ist nichts antiquiert oder künstlich bedeutsam gemacht. Die Figuren sind heutig, jegliche Historizität wird vermieden. Damit fällt auch jeder Anflug von Opernpathos weg. Man muss viel Erfahrung haben, um solche Leichtigkeit zu erreichen und auf die Sänger zu übertragen. Es sind fast immer zwei Personen, die in der Handlung zusammengehören: Alice Ford (Bomi Lee) und Meg Page (Eun Jung Lee), die sich stimmlich gut ergänzen und ihre Rollen kapriziös gestalten, Falstaffs Diener Bardolfo (Stephan Lin) und Pistola (Daniel Müller), die noch rabiater als ihr Chef sind, die jungen Liebenden Fenton (Jaesig Lee) und Nannetta (Jelena Josic), von denen bezaubernder Lyrismus ausgeht, daneben Mrs. Quickly (Christiane Johanna Gänßler), deren "Reverenza" zum Ohrwurm wird, Ford (Gunyong Na) und Dr. Cajus (Sie Hun Park), die ihre Stärken vor allem in Duetten zeigen. Die überproportional hohe Zahl von Sängern aus fernöstlichen Ländern ist dezidierte Absicht Baumanns.

Opernkomik ist anders als Alltagskomik. Man kommt da leicht ins Rutschen und verwechselt das eine mit dem anderen. Baumann bleibt konsequent, so dass die Commedia nie zur Klamotte wird. Ekkehard Klemm am Dirigentenpult unterstützt ihn da prächtig, überlässt der Szene den Primat und liefert trotzdem einen opulenten Verdi-Klang, bei dem man nicht spürt, dass viele Mitglieder des Hochschulsinfonieorchesters zum ersten Mal Musik des italienischen Jubilars spielen. Klemms Erfahrung mit Orchestern verschiedenster berufspraktischer und Qualitätsebenen setzt sich bei ihm immer wieder als staunenswerte Dauerleistung und Intensität um, so dass er auch Musiker mit geringer Erfahrung mitziehen kann.

Arrigo Boitos Text endet mit "Tutto nel mondo è burla" - Alles ist Spaß auf Erden. Baumann hat vieles geschaffen, wofür ihm Dank und hohes Lob gebühren. Eine Welt, in der alles Spaß ist, kann er uns aber nicht schaffen. So bleibt auch sein Theater letztlich Illusion. Schade.

Vorstellungen: 29. 5.; 2., 8., 14. und 22.6., Kleines Haus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.05.2013

Peter Zacher

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