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In der Comödie Dresden gibt’s in der Revue „Ganz großes Kino“ Filmklassiker am laufenden Band

Premiere In der Comödie Dresden gibt’s in der Revue „Ganz großes Kino“ Filmklassiker am laufenden Band

Christian Kühn, der künstlerische Leiter der Comödie Dresden, verspricht in seiner neuen Comedy-Revue mit dem Titel „Ganz großes Kino“ die „besten Filme aller Zeiten in zwei Stunden“. Und das Stück hält, was Kühn verspricht. Jetzt war Premiere.

Szenenfoto aus „Ganz großes Kino“ in der Comödie Dresden mit Konrad Schöpe, Dorothea Kriegl und Christian Kühn (v.l.)

Quelle: Robert Jentzsch

Dresden. Wir leben in schnellen Zeiten. Die Leute nehmen einen Kaffee To Go mit auf den Weg, pfeifen sich Fast Food und (vielleicht!) nicht ganz so junkiges Street Food rein, schieben eine schnelle Nummer, wenn sich die Gelegenheit bietet... Auch im Kulturbetrieb hat man die Zeichen der Zeit erkannt. Im Regietheater wird bekanntlich gern in Texten rumgestrichen und auf Nebenfiguren wie Logik verzichtet. Und was dem Puppentheater des TJG recht ist, nämlich mit der Inszenierung „Klassiker, sämtliche“ die großen Dramen der Weltliteratur in 83 Minuten runterzuspielen, das ist Christian Kühn, dem künstlerischen Leiter der Comödie Dresden, nur billig – jedenfalls verspricht er einem in seiner Comedy-Revue mit dem Titel „Ganz großes Kino“ die „besten Filme aller Zeiten in zwei Stunden“.

Die Ausgangsstory: Das Team des Kinos „Gloria“ (gespielt von vier Akteuren der Band „The Firebirds“) steht vor der Schließung, die Leute gehen lieber in das neueröffnete Multiplex um die Ecke. Dort locken Dolby Surround, iSens®, Großleinwand… Mit einem Knalleffekt, einer fulminanten letzten Filmnacht, bei der die Kassenknüller der vergangenen Jahrzehnte gezeigt werden, will man sich verabschieden. Doch sie haben keine Lizenz zum Abspulen, die Verleihe stellen sich quer. Zum Glück haben Danilo (Christian Kühn), ein arbeitsscheuer Loser, und Viola (Dorothea Kriegl), die im Nagelstudio nebenan landete, statt wie einst erträumt im Filmstudio, eine Idee. Sie wollen, zusammen mit den vier Jungs vom Gloria, die Filme selber spielen. Die Sache erinnert ein bisschen an Michel Gondrys Film „Abgedreht“, diese wilde Parodie auf das Prinzip des Making-of, in der Jack Black zusammen mit Mos Def Filme nachdrehte. Jedenfalls beginnt eine aufregende Probenwoche – und man sollte es sich nicht entgehen lassen, da praktisch Mäuslein spielen zu dürfen.

Nach furiosem Auftakt mit Showtreppe, bei der Kühn und Kriegl sich als Conférenciers betätigen, braucht es ein – kleines – bisschen, bis die Sache in die Gänge kommt. Die Rahmenhandlung ist ein bisschen dünn, aber dann überschlagen sich geradezu die Ereignisse, fügt sich eins überzeugend ans und ins andere. Zwar haben die beteiligten Akteure unterschiedliche Auffassungen, was nun nachgespielt wird, ob es ausschließlich Action oder vielleicht nicht doch auch ein bisschen romantische Liebeskomödie sein darf, aber letztlich fügt sich selbst Danilo ins Unvermeidliche und ermuntert seine männlichen Mitstreiter mit den Worten: „Okay, kitscht es ein, bis es trieft!“

Der Abend frei nach dem Motto „Kitsch as Kitsch can“ ist ein rundes Gesamtpaket, an dem nicht nur eingefleischte Cineasten ihre helle Freude haben. Die Gagdichte ist unglaublich hoch, nur die üblichen verdächtigen Hollywood-Verächter werden wohl rumnölen. Kühn & Co haben in dieser Comedy-Revue bis auf wenige Ausnahmen fast nur Filme verwurstet und verhackstückt (die beiden Worte mögen hier mal ausnahmsweise positiv besetzt sein), die made in USA sind. Produktionen aus Bollywood, Nollywood und welchem ...wood auch immer sind ebenso wenig in dieser Inszenierung zu finden wie deutsche oder französische Autorenfilme. Und es spielt bald keine Rolle mehr, ob man die Vorbildfilme kennt. Auch wer weder das Buch „Fifty Shades of Grey“ gelesen noch die Verfilmung des Bestsellers gesehen hat, wird zumindest fasziniert zur Kenntnis nehmen, welche ausgefeilte Bondage-Technik Kühn bei seinen Fesselspielen anzuwenden vermag.

Von „Blues Brothers“ zu „Men in Black“ ist nur ein kleiner Sprung. Das Gros der Filme wird nur angeschnitten, aber es gibt auch längere Spielszenen. Die werden in der Regel nicht 1:1 nachgespielt, sondern derart gegen den Strich gebürstet, geradezu parodiert und persifliert, dass es die helle Freude ist. Der Humor schlägt Kapriolen, und vom billigsten Brülleffekt bis zur feinsinnigsten Satire ist für jeden etwas dabei. Die Tanzstunde aus „Dirty Dancing“ mit Patrick Swayze und Jennifer Grey ist in dieser Inszenierung die reinste Schimpforgie, bei der auch nicht ein Hauch von Romanze in der Luft liegt. Oder die Szene, in der Kühn als Pretty Woman ihr buntes Sortiment an Kondomen vorführt. Das ist einerseits geradezu Transen-Trash, andererseits halt letztlich doch ganz großes Kino. Ganz tapfer sein müssen auch „Titanic“-Fans. Denn der Szene, in der Leonardo DiCaprio alias Jack Kate Winslet alias Rose zeichnet, wurde jegliche Romantik und Erotik ausgetrieben. Kühns Jack ist ein Prolet, und Kriegl als Rose werden nur jene als sexy erachten, die auf Frauen mit Rubens-Figur stehen. Kühn & Co ziehen alle Register. Sie sind sich für nichts zu schade, schlüpfen noch in den abstrusesten und schrägsten Fummel, wenn es der Sache dient. Sogar Firebird Guido Gentzel macht als Marilyn Monroe eine gute Figur, auch wenn Mann letztlich doch froh ist, dass er über keinen U-Bahn Lüftungsschacht geht wie das Original in „Das verflixte 7. Jahr“.

Fast jeder „Probentag“, bei dem man Augenzeuge sein darf, ist von der Machart her ein bisschen anders. So werden in einer längeren Szene diverse Filmzitate aneinandergereiht, die ein verblüffend in sich schlüssiges Ganzes ergeben – und dazu kann man auf einer Leinwand im Hintergrund die Zitate nachlesen und erfährt zudem, aus welchem Film sie stammen. Die Leinwand kommt auch zum Einsatz, als die Firebirds diverse Titelmelodien aus James-Bond-Filmen zu einem a cappella vorgetragenen Medley verrühren. Dazu tragen die Firebirds aparte Jacken mit einem großen Union Jack auf der breiten Heldenbrust. Man kann an den Briten mit all ihren Schrullen und Spleens so manches auszusetzen haben, aber dass sie dem Rest der Welt mit einer Marke wie 007 beglückten, reißt’s halt doch raus. Die Bond-Hommage war das Tüpfelchen auf dem i dieser Inszenierung, die einhält, was der Titel verspricht: Sie liefert ganz großes Kino.

Vorstellungen: bis 20. März täglich außer montags,

Karten unter: (0351) 866 410

Von Christian Ruf

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