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In den Tentakeln der braunen Krake: Uraufführung "Cherryman jagt Mr. White" am TJG in Dresden

In den Tentakeln der braunen Krake: Uraufführung "Cherryman jagt Mr. White" am TJG in Dresden

Nein, diese Nazi-Typen habe Autor Jakob Arjouni nicht erfunden, bestätigen Fünfzehn- und Sechzehnjährige am Rande der Premiere im Theater Junge Generation. Sie lernen in einer Pirnaer Schule und haben mit erstaunlich klaren Meinungen und Hinweisen den Probenprozess der Bühnenfassung von "Cherryman jagt Mr.

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Nahuel Häfliger spielt den 18-jährigen Rick

Quelle: Klaus Gigga

White" begleitet. "In der Großstadt trifft man sie vielleicht weniger, aber in der Sächsischen Schweiz kennen wir sie", sprechen sie aus Erfahrung. Es ist aber auch eine beängstigende Clique, in deren Abhängigkeit der 18-jährige Rick im Stück gerät. Das sensible Waisenkind ist am Rande Berlins im fiktiven Ort Storlitz bei seiner gutmütig-handfesten Tante Bambusch aufgewachsen.

Er sucht nicht nur eine Lehrstelle, sondern Anschluss. "Bin so müde, allein -" hat ihm Regisseurin Ania Michaelis, die auch die TJG-Textfassung besorgte, ein Lied geschrieben. So, wie ihn Nahuel Häfliger auf einnehmende Weise spielt, begegnet Rick den Zuschauern ab 14 Jahren nicht nur als ein Suchender, sondern auch mit Selbstbewusstsein. Er verarbeitet und kompensiert seine Lebenseindrücke zwar mit phantasievollen Comic-Zeichnungen und stellt so seine Seelenbalance wieder her. Dort jagt er als "Cherryman" jenen Mr.White, in den sich Nazi-Peiniger Pascal in seinem Kopf verwandelt.

Diese Videos von Conny Klar, an die weiße und als Guckkasten betonte Bühne geworfen, sind ein Ereignis für sich. Aber Rick erscheint uns eigentlich nur als bedingt verführbar, sucht zugleich Verantwortung und will nicht als Opfer problematischer Familienverhältnisse dastehen. Diese Resistenz lässt ihn nie vor dem braunen Netz kapitulieren, in das er gerät, führt letztlich aber auch zu dem Kettensägenmassaker an seinen Erpressern, mit dem er sich gewaltsam befreit.

Weniger drastische Szenen als vielmehr das Dilemma des Nicht-Aussteigen-Könnens fesseln den Zuschauer

Das Anwerbemuster dieser Nazis gleicht dem von Spitzelorganisationen oder Sekten zu allen Zeiten. Eine Hand wäscht die andere, eine Lehrstelle als Gärtner gegen Berichte für den "Heimatschutz", schließlich sogar ein Attentatsauftrag gegen den benachbarten jüdischen Kindergarten. Psychoterror und Erpressung. Das Gehabe des Trios, das ihn einfängt, meint man tatsächlich zu kennen. Julian Trostdorf als Vladimir gibt den Wortführer, zynisch, voll kalter Aggressivität. Die Tine von Nadine Boske ist sein deutsches Mädel, und Florian Rast als der labile, primitive und stets besoffene Robert erregt beim Publikum eine Mischung aus Abscheu und Erbarmen. Typen sind das, aber keine Stereotypen, trotz bekannter Accessoires nicht plakativ überzeichnet und deshalb so lebensnah wirkend. Das zeichnet die gesamte Inszenierung aus, die mit der ausgestellten Normalität des patriotischen Wahns eine überzeugendere Wirkung erzielt als mit agitatorischen Ambitionen.

Und es gilt insbesondere für die beiden wirklich gefährlichen Hintermänner. Pascal wird von Alexander Peiler als der glatte, schmierige Salonnazi gespielt, der noble Drahtzieher, der sich selbst nicht schmutzig macht. Fein beobachtet sind die typischen Gesten bis hin zu den vor dem Bauch zusammengelegten Händen des "Führers", in dessen hysterisches Gebrüll er dann doch an einer Stelle verfällt. Und beim kumpelhaften Gärtner Dircksen, eine treffliche Rolle für Roland Florstedt, tappen nicht nur Rick, sondern auch die Zuschauer in eine Falle. Den Straßenkämpfer der ersten wilden Nachwende-Jahre vermutet man zunächst nicht in ihm. Das sind keine Extremisten, wie sie lebensferne Theoretiker zu definieren versuchen, das sind Leute aus der Mitte.

Gegen diese Krakenarme hat Rick nicht nur sein mühsam errungenes Ich, sondern auch seine Tante, den kleinen Ninu aus dem Kindergarten und die anrührende erste Liebe Marylin zu verteidigen. Denn mit Drohungen gegen alle, die ihm lieb geworden sind, wird er zu weiteren Heimatschutz-Diensten erpresst. Völlige Fremdbestimmung droht. Weniger drastische Szenen als vielmehr dieses Dilemma des Nicht-Aussteigen-Könnens fesseln den Zuschauer. Ein Konflikt, der mit dem nur mit Lichteffekten und Blutlachen-Folien angedeuteten Massaker an seinen Peinigern nicht zu Ende ist. Rick reflektiert im Gefängnis seinen Zwang, schuldig werden zu müssen. Mündlich und nicht in der Briefform des Romans, wie die Hauptfigur überhaupt sehr nachvollziehbar zwischen Szene und verarbeitendem inneren Monolog wechselt.

Die an sich schon bemerkenswerte Romanvorlage von 2011 hat das Dresdner TJG in klarer und geradezu unerbittlich stringenter Weise auf die Studiobühne gebracht. Begleitet von umfangreichem theaterpädagogischem Material, denn diese Uraufführung wird kein Nischendasein führen, sondern der offensiven Diskussion mit Schülern dienen. Der mit nur 49 Jahren im Januar dieses Jahres in Berlin verstorbene Jakob Arjouni konnte die Probenarbeit leider nicht mehr begleiten.

Aufführungen: 25., 26., 27. März; 29., 30. April; 2., 3., 24., 27. und 28. Mai

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.03.2013

Michael Bartsch

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