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In den Mythen das Menschliche: Malerei von Henri Deparade am Weißen Hirsch

In den Mythen das Menschliche: Malerei von Henri Deparade am Weißen Hirsch

Auf mannshohem Format agieren die Protagonisten wie auf einer Bühne, sich nach oben reckende, fast im Schweben befindliche Figuren, Männer und Frauen, oft in nackter Körperlichkeit, anatomisch reizvoll und korrekt und in sich verschobener Flächigkeit, transparent, mehrschichtig, sinnlich, Leute wie du und ich, im Gespräch oder in affektvoller Begegnung, die Zunge herausgestreckt, aggressiv oder verträumt, leidend, triumphierend.

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Henri Deparade: Medea, 2013, Ölfarbe auf Leinwand, 160 x 120 cm (im Besitz des Künstlers).

Quelle: Repro: Galerie

Das Gesicht schmerzhaft verzerrt, zum Schrei mit geöffnetem Mund. Man sieht ihnen nicht an, dass sie Götter sind, so menschlich hat sie Henri Deparade auf die Leinwand gebracht, ihnen Titel aus der Mythologie gegeben. Die Kunstgalerie am Weißen Hirsch zeigt unter dem Titel "Marsyas & Co" 13 Ölbilder des Dresdner Malers, darunter Szenen aus der antiken griechischen und christlichen Mythologie: Orpheus, Narziss, Medea, Daphne, Marsyas, Agamemnon, Glauke und die Atriden sowie eine Szene aus dem Alten Testament mit Judith und dem Kopf des Holofernes.

Unter dem Titel "Marsyas II" (2012) hat Deparade eine Figurengruppe gemalt, die den Phrygier Marsyas im Streitgespräch mit Apoll zeigt: aggressive Gesten und Gewalttätigkeit, Konfrontation ins Profil der Gesichter versenkt. Marsyas, der geniale Flötenspieler, hatte sich auf einen Wettstreit mit Apoll eingelassen, wer der bessere Musikant sei. Apoll erklärte sich selbst zum Sieger und ließ Marsyas die Haut abziehen. Seine Schreie fand der Gott Apoll "nicht schlecht". In der Mitte von Deparades Bild lagert eine schlafende Muse (vom Pathos des Aktes wohl ein Zitat eines Manieristen). Die Szene wird zum Gleichnis: Dort, wo Gewalt herrscht, wenden sich die kreativen Kräfte ab.

Seit etwa 15 Jahren beschäftigt sich Deparade in seiner Malerei besonders intensiv mit der Mythenwelt der Antike und ihrer Rezeption durch zeitgenössische Literatur, bildende Kunst und Theater. Vom Realismus kommend, bilden seine dramatischen Figureninszenierungen im Ölbild (auf Leinwand und Papier) den Mittelpunkt seines gegenwärtigen Schaffens. Der antike Mythos bleibt Mythos und wird zugleich zum Gleichnis für Menschliches, ist auf Heutiges bezogen, sprechen doch aus ihm vor allem Zeitlosigkeit und Urmenschliches. Neben der konkreten Geschichte ermöglicht Deparade dem Betrachter aber auch, eigene Vorstellungen beim Schauen einzubringen. Das ist gewollt und Ziel seiner Arbeit. Dabei entdeckt das interessierte Auge des Betrachters das Bild rückwärtsgewandt und vollzieht den Bildfindungsprozess für sich selbst.

Deparade setzt zuerst die farbigen Flächen ins Bild und geht dann immer wieder mit mehrfarbigen, oszillierenden Konturen über sie hinweg. Fläche und Kontur, Figur und Grund sind nicht deckungsgleich. Dabei entsteht eine besondere Plastizität, die die Figur in ihrer Dynamik zeigt und sie mit anderen verschmilzt. Bewegungsabläufe werden sichtbar, Überlagerungen, Spiegelungen, Formenechos, Verschlingungen, eine sehr sinnliche, fast tänzerische Leichtigkeit, die erzählt, was sich zwischen den Figuren ereignet.

In vielen seiner Arbeiten zitiert Deparade die Kunstgeschichte, darunter die Malerei der Renaissance, den Manierismus (besonders die venezianische Malerei) sowie die Moderne mit Picasso, Matisse, Bacon und Beckmann. Man spürt aber auch, dass der Künstler etwas Anderes daraus gemacht hat. Einigen seiner Bilder liegen kompositionelle Anregungen zugrunde, wie die Stanzen Raffaels im Vatikan oder Kompositionen Tintorettos, der Manieristen, die die Schönheit des Körperlichen im Pathos der Geste festgehalten haben. Die Farbigkeit seiner Bilder wird durch ein variierendes Violett bestimmt, daneben Blau und ein feines helles Gelb bis Rosé für das Inkarnat. Manche Bilder haben auch etwas Musikalisches an sich wie "Orpheus" (2015), einen seltsamen Zusammenklang zwischen Farben und Formen, ausgewogen und leicht vibrierend.

Henri Deparade studierte von 1972 bis 1977 an der HfKD Halle Burg Giebichenstein und war von 1983 bis 1985 Meisterschüler von Prof. Willi Sitte an der Akademie der Künste Berlin bzw. HfKD Halle. 1988 erhielt er wegen eines Ausreiseantrages Ausstellungsverbot. Seit 1992 hat er eine Professur für Zeichnen und Malen in der Architekturklasse der HTW Dresden. Er hat ein Atelier für Grafik und Malerei im Künstlerhaus Dresden-Loschwitz.

bis 6. Juni, Kunstgalerie am Weißen Hirsch, Luboldtstraße 12, geöffnet Mi-Fr 15-18, Sa 10-12 Uhr, Tel. 0152 53 46 29 02

www.galerie-weisserhirsch.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.05.2015

Heinz Weißflog

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