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In "Nipple Jesus" blickt ein kleiner Mann im Kleinen Haus auf die große Kunst

In "Nipple Jesus" blickt ein kleiner Mann im Kleinen Haus auf die große Kunst

Die Rezeption von Kunst oder dessen, was dafür gehalten werden möchte, ist ein zeitloses Thema. Der britische Erfolgsautor Nick Hornby spottet in seiner 2001 erschienenen Kurzgeschichte "Nipple Jesus" über die kalkulierten Provokationen des Kunstbetriebes und die immergleichen Reaktionen des Weltspießertums.

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Wachmann Dave alias Sascha Göpel.

Quelle: David Baltzer

Ein Monolog, der sich hervorragend für die Bühne eignet und an verschiedenen Theatern auf dem Spielplan stand.

Geschickt lässt Hornby einen unbefangenen, eher schlichten Typen auf die Szene blicken, den Wachmann Dave. Eine Stunde lang plaudert Dave über die Erfahrungen in seinem neuen Job als Museumswächter. Ein bisschen geregelter als die belastende Arbeit zuvor als Rausschmeißer in einem Club. Im Dresdner Kleinen Haus mimt Sascha Göpel ganz unaufdringlich typische Körperhaltungen dieses Gewerbes, breitbeinig, den Oberkörper aufgereckt, mit unterhalb des Nabels zusammengelegten Händen steht er da. Oder macht ein paar disziplinierte Bewegungen im Raum.

Diesen Raum hat Julia-Elisabeth Beyer sparsam wie ein Museum der Moderne ausstaffiert, obschon die Projektion "Ceci n'est pas un musée" das Gegenteil behauptet. Ein Zwiebelhaufen in der Ecke, nachdem Zwie-bel-Installationen den Besucher schon im Theaterhof empfingen, ein auf Andy Warhol anspielendes Plakat mit lauter Zwiebelbüchsen, eine futuristische Vase, eine Schrott-Installation.

Das zentrale Objekt, das Bild des Anstoßes aber sieht man nicht. Dave beschreibt es als ein Jesusbild, das sich beim näheren Hinsehen als ein Mosaik aus lauter Mini-Bildchen ausgeschnittener Brüste und Brustwarzen entpuppt. Aha, ein Seitenhieb auf die amerikanische Nipplemania. Ein Schild am Eingang zum gesonderten Ausstellungsraum weist auf die "Gefährlichkeit" des Bildes hin. Was dennoch passiert, lässt sich absehen: Bigotte Frömmler, die sich in Wahrheit an seinen Details delektieren, attackieren das Werk.

Interessant ist, was mit Dave passiert. Ihm ist egal, ob und was Kunst ist, "Hauptsache, es ist nicht langweilig". Zunächst regt sich wohlerzogene Ablehnung. Durch die tägliche Nähe aber wird ihm das Bild vertrauter, erst recht, nachdem er zur Vernissage die Künstlerin kennengelernt hat. Und die "Spinner" und all die Bornierten, die er aufrichtig verachtet, lassen ihn zum Verteidiger des Bildes werden. In dem beachtlichen Monolog von Sascha Göpel und in der Regie des jungen David Lenard geschieht dies auf angenehm natürliche und ungekünstelte Weise. Das hat noch etwas von sympathischer proletarischer Direktheit, und es gab ja mal eine Zeit, die die Arbeiterklasse mit mehr oder weniger Nachdruck an die Kunst, freilich eher an die konfliktfreie, heranführen wollte.

Wie weit es mit Postulaten der Kunstfreiheit, ja der Freiheit überhaupt auch in unserer Zeit her ist, entlarvt Wachmann Dave auf die unbefangenste Weise. Plumpe Verdikte sind durch ungeschriebene Regeln der Correctness ersetzt worden, der Fanatismus der Mitte setzt Normen.

Dabei wird alles berechenbar, auch die Publikumsreaktionen. Dave ist bitter enttäuscht, als er erfährt, dass Künstlerin Nora diese Reaktionen einschließlich der Zerstörung des Bildes gefilmt hat. Diese Aufzeichnung soll als die eigentliche Performance dienen. Für Dave aber bricht die gerade erst entdeckte Welt vermeintlich ehrlicher Kunst wieder zusammen.

Herzlicher Beifall für ein provozierendes Stück und eine sympathische schauspielerische Einzelleistung.

Michael Bartsch

nächste Aufführungen: 3. & 7.6., jeweils 20 Uhr

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.06.2012

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