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In Hoppes Hoftheater hatte Rolf Schneiders "Besuch bei Wilhelm Busch" Premiere

In Hoppes Hoftheater hatte Rolf Schneiders "Besuch bei Wilhelm Busch" Premiere

Schwerfällig sitzt dieser alte Mann mit Rauschebart und übergroßem schwarzen Hut auf einem Klappstuhl vor einer Staffelei und malt, ganz in sich versunken. Er versucht eine Birke im Bild festzuhalten, als wolle er den Beweis antreten, dass nicht nur der Russe einer ist, der Birken liebt.

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Der Meister bei der Arbeit: Szene mit Julia Klawonn, Jochen Kretschmer und Helga Werner (v.l.).

Quelle: M. Mosler

Der jungen Frau namens Nanda Keßler, die plötzlich auftaucht und ihn anspricht, antwortet er erst mal nicht. Er sei an einem Gespräch nicht interessiert, lässt er sich schließlich brummig einen Satz abpressen. Der olle Griesgram ist, wie sich rasch herausstellt, Wilhelm Busch, der geistige Vater von "Max und Moritz", "Hans Huckebein", "Der frommen Helene" oder auch "Fips, dem Affen". Berühmt und durchaus auch wohlhabend geworden ist er mit seinen Bildergeschichten; andere Texte, etwa sein Buch "Kritik des Herzens", fanden zu seinem Verdruss deutlich weniger Anklang beim Lese-Publikum.

Ins Jahr 1901 und die ländliche Provinz führt das Stück "Besuch in Mechtshausen oder Herstellung eines Bildes" des bekannten Autors Rolf Schneider, das unter dem Titel "Besuch bei Wilhelm Busch" nun von Hausautor Helfried Schöbel an Hoppes Hoftheater in Szene gesetzt wurde. Die beiden tragenden Rollen in der insbesondere auch atmosphärisch gelungenen Inszenierung werden überzeugend von Jochen Kretschmer und Julia Klawonn gespielt, gelegentlich hat Helga Werner als Buschs verwitwete Schwester Fanny Nöldecke einen Auftritt. Das Bühnenbild ist spartanisch, vier angedeutete Birkenstämme, eine grüne Leinwand im Hintergrund, eingespieltes Vogelgezwitscher - mehr braucht es nicht, um Landleben zu vermitteln (Bühnenbild und Kostüme: Marlit Mosler).

Nach dem ersten Disput zwischen der aus Frankfurt angereisten Journalistin Keßler und Wilhelm Busch über Kunst, darüber etwa, ob der Künstler das Recht hat, die Natur zu korrigieren, stellt sich rasch heraus, dass der Alte ein ziemlich pessimistisches Menschenbild hat, nicht nur - was die Gesellschaft noch durchgehen lassen würde - Lehrer ablehnt. Selbstständigkeit der Frau? "Scheußliche Erfindung", grummelt Busch, der ahnt, dass seiner Sicht der Dinge nicht die Zukunft gehören wird.

Aber spielt er den Menschenfeind vielleicht nur? Zumindest in seinen Gedichten sei er nachsichtiger mit den Menschen, manchmal sogar zärtlich, wie Nanda konstatiert, die auch Buschs nicht ganz so bekannte Verse aus eben jenem Werk "Kritik des Herzens" durchaus parat hat und bei Bedarf rezitieren kann. Mit Spannung und zunehmend innerer Anteilnahme verfolgt man in diesem Kammerspiel, wie Busch den aus Gründen des Selbstschutzes angelegten Misanthropen-Panzer wie auch seinen Zynismus ablegt, sich vorsichtig öffnet. Irgendwann wird klar, dass der Hagestolz nur deswegen unverheiratet blieb, weil er sich in die falsche - weil schon verheiratete - Frau verliebte. Eine dieser Flammen, vielleicht die große Liebe seines Lebens, war Nandas Mutter. Sie, verheiratet mit einem Bankier, gab ihm einen Korb. Ihm blieb sein wundes Herz und der Rückzug in die Kunst. Warum er male, wenn die Bilder doch nur im Keller landen würden? "Damit ich weiß, dass ich lebe", lässt Busch Nanda wissen. Bald drängt sich die Frage auf, ob diese Nanda Keßler, die ihrer Mutter ähnlich sieht und wie diese einen Sinn für die Kunst und ein Herz für die Künstler hat, vielleicht sogar Buschs Tochter ist. Die Frage bleibt in Schneiders psychologisch stimmigem Stück im Raum stehen, es gibt Indizien, die dafür sprechen, aber manchmal ist es tatsächlich besser, nicht auf den letzten Grund der Dinge zu gehen.

P.S.: Schneiders Stück wird an Hoppes Hoftheater mit einer Art Prolog angereichert: Helga Werner rezitiert in Bänkelsänger-Jahrmarkt-Manier die eine oder andere vergleichsweise unbekannte Bildergeschichte von Busch, Zeilen wie "Vergebens ist die Kraftentfaltung, / der Zahn verharrt in seiner Haltung". Das Gelächter war groß, insofern offenbart sich, dass Buschs Verse und Witz noch immer den Geschmack der Leute treffen. Aber irgendwie führt dieser Prolog nicht wirklich in die Geschichte, wirkt wie ein aufgesetzter Fremdkörper, auf den man deshalb gut und gerne verzichten könnte.

nächste Vorstellung: Sonntag, 16 Uhr, Karten unter Tel. 0351 2506150

www.hoftheater-dresden.com

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.06.2015

Christian Ruf

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