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Im tjg-Puppentheater im Rundkino hatte Ania Michaelis' Fassung von "Aschenputtel" Premiere

Im tjg-Puppentheater im Rundkino hatte Ania Michaelis' Fassung von "Aschenputtel" Premiere

Es mag Märchen geben, in denen es völlig egal ist, welche Schuhe getragen werden. Erinnert sei an die Siebenmeilenstiefel, mit denen der kleine Däumling seine Abenteuer besteht, Schuhe, die einen mit sieben Schritten eine Meile um die Welt tragen, wobei sie, und das ist vielleicht noch ein viel größeres Wunder, auf jeden Fuß passen.

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Szene aus der Puppentheater-Aufführung "Aschenputtel".

Quelle: Dorit Günter

Der Schuh, den hingegen das schöne Aschenputtel kurz vor Mitternacht auf dem Ball im Schloss des Prinzen verliert, passt nicht auf jedes Laufwerk. Das müssen all jene heiratswilligen Frauen erfahren, die sich Hoffnungen gemacht haben, sich den Prinzen zu angeln. Der "Schuhbeauftragte des Prinzen" sieht ganz genau hin, erkennt, ob da Luft vorne im Schuh ist, weil der Fuß zu zierlich, oder Blut, weil der Fuß zu groß ist. Okay, einmal wird er schwach, wäre fast geneigt, ein Auge zuzudrücken, bei der Schuhfrage zu betrügen - als ihm nämlich eine Landsfrau mit einem ebenso starken französischän Akcon, wie er ihn selbs hat, schönä Augän macht. Aber non, der Stiefäl passt - parbleu! - einfach nicht.

Schuhbeauftragter? Stiefel? Wie, was, wird sich jetzt so mancher fragen, dem das Aschenputtel-Märchen ein bisschen anders in Erinnerung ist. Aber die Inszenierung des Klassikers, die am Sonnabend im Puppentheater im Rundkino Premiere hatte, zeugt von einem entspannten Verhältnis zu traditionellen Lesarten. Die Adaption der tjg-Oberspielleiterin Ania Michaelis für Kinder ab vier Jahren beruht auf drei verschiedenen Fassungen des Stoffes, vorzugsweise der Brüder Grimm natürlich, aber auch von Charles Perrault und Giambattista Basile. Soviel vorab: Alles wurde von Michaelis dezent interpretiert, dezent ironisiert, dezent modernisiert.

Das Bühnenbild erinnert an eine Art Rumpelkammer, einen staubigen Dachboden, vollgestellt mit Möbeln, inklusive Hollywood-Schaukel, auf der der Prinz auch mal herumturnt, und allerlei Stofftieren (Bühne, Kostüme und Puppen: Grit Dora von Zeschau). Die werden rasch lebendig, ein munteres Sidekick-Trio, bestehend aus Biber, Waschbär und Teddybär, erzählt - der Speicher ist eben kein Friedhof der Kuscheltiere - frei von der Stoffleber weg, wie die Sache mit Aschenputtel wirklich war.

Die Sympathien sind schnell verteilt. Schon der erste Auftritt, den die böse Stiefmutter und ihre zwei verwöhnten, nicht minder hundsgemeinen Gören von Töchtern hinlegen, lässt Jung und Alt vor Empörung beben. Wer hinge- gen kein Mitleid für das herumkommandierte und in einer Tour heruntergemachte Aschenputtel in seinem tristen grauen Kleid empfindet (die Aschen- puttel-Puppe entwarf Ulrike Langenbein), dem ist wohl nicht zu helfen, der wird wohl als Neoliberaler enden. Man kann natürlich monieren, dass die Fi- guren, gerade die bösen, nicht aus der Eindimensionalität geholt wurden, aber es muss ja nicht immer alles in eine po- litisch-korrekte Konsenssoße getunkt werden.

"Das Leben ist ungerecht", raunt die böse Stiefmutter Aschenputtel einmal höhnisch zu. Das ist schon wahr, die Erfahrungen, die man im Leben macht, bezeugen, dass in dem Spruch viel (zu viel) Wahrheit steckt. Aber hey, Aschenputtel wünscht man einfach nur, dass alles gut wird. Und es wird gut, auch weil sie im richtigen Moment mit Herz und Verstand ihr Lebensglück selbst in die Hand nimmt, aufbegehrt gegen das zugedachte Los als Dienstmagd. Sie verliert den Schuh nicht, sie legt ihn als Köder aus, auf dass die Suche überhaupt erst eingeleitet werden kann.

Die Inszenierung Michaelis' ist außerordentlich stimmig. Da passt so ziemlich alles: Angefangen von der mal peppig-flotten bis berührenden Musik von Enrico Wuttke über einen Konfetti-Regen bis hin zu den gelegentlich schlichtweg als "magisch" zu bezeichnenden Beleuchtungseffekten. Grandios, wie Anna Menzel, Christoph Levermann und Uwe Steinbach mit den Puppen agieren, ihnen Leben einhauchen. Die Fülle an Einfällen sorgt dafür, dass die 50 Minuten wie im Flug vergehen. Michaelis ist es gelungen, ganz eigene Akzente zu setzen, etwa wenn ein Plüschpferd zu Beginn öfter mal ein bekräftigendes "O Yeah" vom Stapel lässt.

So mancher Witz ist allerdings Kindern wohl eher nicht verständlich, etwa wenn die bösen Schwestern nach "Maniküre, Pediküre, Konfitüre" verlangen. Auch eine Songzeile wie "You are so beautiful to me" berührt die eigentliche Zielgruppe im Saal wohl eher nicht, es sei denn, die Kiddies wären native speakers und frühreif dazu. Aber die jüngeren Zuschauer kommen an anderen Stellen mehr als hinreichend auf ihre Kosten. Vielleicht einziges Manko: Der guten Fee, einer Eule, die bei einigen Worten die Wechstaben verbuchselt, die etwa Schankedöhn sagt, hätte man ein paar Auftritte mehr gewünscht.

nächste Vorstellungen: 2., 3. & 4. 12., jeweils 9 & 11 Uhr, 5.12., 10 Uhr

www.tjg-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.12.2014

Christian Ruf

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