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Im Theater Bautzen hatte die internationale Gemeinschaftsproduktion "Verrücktes Blut" Premiere

Im Theater Bautzen hatte die internationale Gemeinschaftsproduktion "Verrücktes Blut" Premiere

Ja, es sei auch gegenüber deutschen Schülern schwierig, "klassische" Literatur- und Theaterstoffe zu vermitteln. So bestätigten es am Dienstagvormittag Lehrer, aber auch Schüler der besuchenden Schulklassen im Deutsch-Sorbischen Volkstheater Bautzen.

Wie schwer hat es Lehrerin Kelich, in Bautzen gespielt von der Südtirolerin mit ukrainischen Vorfahren Maria Kankelfitz, dann erst mit überwiegend muslimisch geprägten Schülern! Die im September 2010 bei der Ruhr-Triennale erstmals gezeigte Stückentwicklung "Verrücktes Blut" von Nurkan Erpulat und Jens Hillje nach dem Film "La journée de la jupe" treibt das Integrations- und Bildungsproblem von Migrantenkindern auf die Spitze.

Die nun drei Tage en suite in Bautzen laufende internationale Gemeinschaftsproduktion (Bautzen, Budapest, Bruneck) in der Regie von Claus Troeger bedient am Anfang etwas dick alle Klischees. Aggression, Gewalt, Sexismus und Fäkalsprache lassen einen Unterricht nicht ansatzweise zu. Die Deutschlehrerin wird ständig beleidigt, sogar körperlich attackiert und steht mit ihren Reclam-Büchern zu Schillers "Räubern" völlig auf verlorenem Posten.

Da fällt in einem Handgemenge plötzlich eine Pistole aus dem Rucksack des Schülers Musa. Die Szene kippt in ihr Gegenteil. Lehrerin Kelich greift zu und verschafft sich mit der Waffe endlich Autorität. Ein Streifschuss, den Musa beim Ringen abbekommen hat, und weitere Warnschüsse verdeutlichen der Klasse die Entschlossenheit der Lehrerin. Die kehrt den Terror um, nimmt die eigenen Schüler im Dienste ihrer Bildung zu Geiseln. "Ich will euch helfen, ich will euch etwas beibringen", beteuert sie, während sie die Klasse mit vorgehaltener Pistole zwingt, sich auf Schiller einzulassen. Auf dessen Schriften zur ästhetischen Erziehung des Menschen, auf die "Räuber", auf "Kabale und Liebe".

Unter diesem Diktat bewegt sich bei den jugendlichen Migranten tatsächlich etwas. Parallelen zwischen dem Stoff und ihren Prägungen zeigen sich, etwa bei der Diskussion um brutale Gewaltanwendung zwischen Räuberhauptmann Karl Moor und der Bande. Über die Demütigung Hakims entlarvt die Lehrerin dessen Frauenverachtung als Männlichkeitskomplex. Mariam, der Kopftuchträgerin, und dem völlig verklemmten Kurden Hasan verhilft sie zwangsweise zur Selbstbefreiung. Andere entdecken sich plötzlich selbst in Theaterrollen, in die sie gezwungen werden. Diktatur der Aufklärung und Zwangstherapie gleichermaßen.

Lehrerin Kelich outet sich in diesem gruppendynamischen Prozess allerdings auch in ihrem plötzlich aufbrechenden Hass auf die Ehrenmörder und Hassprediger, bevor klar wird, dass sie eigentlich türkische Wurzeln hat und Selbstverleugnung und Anpassungszwang an das deutsche Milieu ebenfalls eine Rolle spielen. Jetzt ist sie die Rasende. Fast kommt es zu einer Hinrichtung des zur Kriminalität neigenden Musa, da hindern die mittlerweile emanzipierten Schüler die Lehrerin mit deren eigenen gewaltfreien Argumenten an der Vollstreckung.

Die Uraufführung 2010 fiel mitten in die Debatte um Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab". Mehrfach preisgekrönt, wurde das Stück im Vorjahr zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Die drei beteiligten Bühnen haben jeweils mit Minderheiten zu tun. Auch wenn es in der Lausitz eine Ausländerproblematik in dieser krassen Form nicht gibt, kam die Zuspitzung beim jugendlichen Publikum an. So authentisch, aggressiv und verletzbar wie die gleichfalls jugendlichen Darsteller spielten, lässt sich eine Schuldfrage und ein Gut-Böse-Schema nicht eindeutig formulieren. An den Schluss hat diese Fassung zwar den apokalyptischen Traum Franz Moors gesetzt. Dennoch bleibt nach dem Applaus eher Optimismus: Das Gute im Menschen ist oft nur verschüttet unter biografischen und kollektiven Altlasten. Aber es kostet Arbeit, vielleicht sogar Zwang, es freizulegen.

heute, 10 Uhr auf der Hauptbühne

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.04.2012

Michael Bartsch

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