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Im Strudel der Weltgeschichte: Heute erscheint Ken Folletts neuer Roman "Winter der Welt"

Im Strudel der Weltgeschichte: Heute erscheint Ken Folletts neuer Roman "Winter der Welt"

Wer als Schriftsteller nicht mehr oder weniger als eine Trilogie über das 20. Jahrhundert ankündigt und Erfolg haben will, der braucht mindestens eines: die Gewissheit, dass die Leser in Kenntnis der historischen Fakten nicht müde abwinken.

Und wie lässt sich Geschichte außerhalb wissenschaftlicher Expertisen am spannendsten abhandeln? Im Idealfall mit einem Personal-Tableau, das man in einem konkreten historischen Kontext auf den Leser loslässt. Mit all jenen Gefühlen, den kleinen und großen menschlichen Abgründen, Fehlern und Tragödien, die das Publikum aus eigenem Erleben kennt. Womit man unweigerlich bei Ken Follett landet. Der Meister der historischen Fiktion, der sich mit dem Mittelalter-Epos "Die Säulen der Erde" Weltruhm erschrieben hatte, nimmt das 20. Jahrhundert als stoffliche Hülle und erzählt das Schicksal von vier Familien.

Der 63-jährige Bestseller-Autor knüpft in seinem neuen Roman dort an, wo er bei Teil eins ("Der Sturz der Titanen") aufhörte. Es sind nun die Kinder jener Familien, der von Ulrichs aus Deutschland, der Fitzherberts und Williams' aus England, der Peschkows aus Amerika und Russland, deren miteinander verwobene Schicksale, schon den ersten Teil bestimmten. Diesmal wird die nächste Generation in den katastrophalen Strudel der Weltgeschichte gezogen. Krieg, Verrat, Vernichtung, Vertreibung, Vergewaltigung: Es ist ein gewaltiges Panorama, dicht entlang gestrickt an menschlichen Hoffnungen und Abgründen, das sich über die Zeitschiene vom Reichstagsbrand im Februar 1933 bis zum ersten erfolgreichen sowjetischen Atomtest, am 29. August 1949, zieht. Von den Anfängen der Nazi-Zeit bis zum Auftakt des Kalten Krieges, dazwischen sind die historischen Wendepunkte gesetzt: Spanien-Krieg, Hitler-Stalin-Pakt, Beginn des Zweiten Weltkriegs, Nazi-Überfall auf die Sowjetunion, Verwerfungen der Stalin-Zeit, japanischer Angriff auf Pearl Harbour, Bau der US-Atombombe, Landung der Alliierten in der Normandie, Sieg der Roten Armee mit der Eroberung Berlins und die beginnende Teilung Deutschlands. Das sind knapp 20 Jahre, die bei Historikern Regale füllen.

Auch Follett kleckert mit seinem Stoff nicht, er klotzt erneut stolze 1000 Seiten hin. Aber, und das macht ihn seit Jahrzehnten so erfolgreich, er weiß, wie man sein Publikum bei der Stange hält. Er wolle alles, nur nicht belehrend wirken, hat Follett über sein schreiberisches Credo verraten. Er sehe sich stattdessen als Unterhalter, als ein Autor, der Leser unbedingt dazu bringen will, dass sie das Buch nicht mehr aus Hand legen, weil sie wissen wollen, wie es mit den Hauptfiguren weitergeht. Dass ihm das gelingt, zeigen seine Millionen-Auflagen. Teil eins der Jahrhundert-Saga stand wochenlang oben auf den Bestseller-Listen, vom zweiten Teil wird ähnliches erwartet. Das muss man mit derartigen "Ziegelstein"-Romanen im Zeitalter von Twitter & Co. erst mal schaffen.

Folletts Strickmuster ist dabei so einfach wie schlüssig - keine Kapitel, die sich über dutzende Seiten hinziehen und damit Leser zum Einschlafen bringen. Stattdessen immer wieder jähe Wendungen. "Man kann nicht mehr als sechs Seiten schreiben, ohne einen Wendepunkt in die Story einzubauen, sonst langweilt sich der Leser." Diese zwar schlichte aber wirkungsvolle Dramaturgie ist freilich nur ein Geheimnis. Das andere ist Folletts geschichtliche Detailversessenheit. Natürlich sind auch diesmal Folletts Romanfiguren fiktiv. Aber er setzt sie in penibel recherchierte historische Ereignisse. Und diese Gemengelage gibt dem Leser immer das Gefühl, ja, genauso hätte es sein können. Auch daraus setzt sich ein Geschichtsbild zusammen, das spannend und einprägsam sein kann.

Zu den eindringlichsten Kapiteln gehören dabei die über den Verrat auf Seiten der Kommunisten im spanischen Bürgerkrieg. Ein brutaler Sowjetoberst lässt drei jugendliche Freiwillige aus den Reihen der Sozialisten hinrichten, weil sie angeblich seine Befehle nicht befolgt hätten. Die Lektion, die der junge Lloyd Williams daraus zieht, lässt sich als Folletts Motto gegen jegliche totalitäre Gesellschaftsformen interpretieren. "Wir müssen Kommunisten genauso hart bekämpfen wie die Faschisten. Beide sind schlecht." Sicher, hier und an anderen Stellen drückt der Labour-Sympathisant Follett an einigen Stellen zu dick auf die Sympathie-Tube für die Sozialdemokraten in England und Deutschland. Doch das sind Ausnahmen, ansonsten vermeidet Follett den holzschnittartigen Zuschnitt seiner Figuren. Das lässt auch auf Teil drei hoffen. In zwei Jahren soll er vorliegen. Dann will Follett das literarische Panorama vom Bau der Mauer bis zu deren Fall entwerfen. Kinder, die das erleben werden, sind in "Winter der Welt" in allen vier Familien reichlich geboren worden. Auch sie wird Follett leiden und lieben lassen. André Böhmer

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.09.2012

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