Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Google+
Im Stadtmuseum Dresden wurde ein Buch über Personenkult im 20. und 21. Jahrhundert vorgestellt

Im Stadtmuseum Dresden wurde ein Buch über Personenkult im 20. und 21. Jahrhundert vorgestellt

An servilen Barden, die sein Lob sangen, fehlte es Nicolae Ceausescu nicht. Er wurde gepriesen als Erbauer von allem, was gut und gerecht ist, als "gloriose Eiche aus Scornicesti", als "Garant des Reichtums Rumäniens".

An sich war der Staatschef von 1974 bis 1989 natürlich Kommunist, aber der "Auserwählte" war er auch, "Sohn der Sonne" und "Jupiter der Karpaten". Am Ende wurde Ceausescu, der die Kulturszene laut dem regimekritischen Schriftsteller Mircea Dinescu zu einem "real existierenden Kafkaismus" gemacht hatte, dennoch gestürzt und standrechtlich erschossen. Damit war der Personenkult um den Conducâtor auch abrupt beendet, wie Thomas Kunze in dem mit Thomas Vogel herausgegebenen Band "Oh Du, geliebter Führer" vermittelt, der jetzt im Dresdner Stadtmuseum vorgestellt wurde. Mit auf dem Podium saßen zudem Mattias Rößler, Präsident des Sächsischen Landtags, und Günther Heydemann, Direktor des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung.

Das Buch stellt mehr als 20 Personen der Zeitgeschichte und den teilweise absurden Kult um sie vor: Ob Hitler oder Stalin oder Kaiser Bokassa oder Kim Jong Un - auf sie wurden Elogen gedichtet und Hymnen komponiert, nach ihnen wurden Straßen benannt, sie wurden in Statuen und auf Briefmarken und Gemälden verherrlicht. Politischer Personenkult treibt bizarre Blüten. Was heute absurd wirkt, war aber ernst. Das Buch zeigt auf, wie mal mehr, mal weniger charismatische Führer aufgrund fehlender demokratischer Legitimation einen Personenkult inszenierten, der helfen sollte, "dieses Defizit zu überspielen, ja zu überglänzen", wie Hedyemann erklärte. Um Biografien geht es, das zur Klarstellung, nur am Rande - vorrangig werden Mechanismen des Personenkultes aufgezeigt.

Nun ist Personenkult nicht gleich Personenkult. Auch demokratische Systeme kennen Kult um Menschen, seien es Politiker, Sportler oder Filmstars. Oder man denke nur an die Begeisterung um Prinz Charles und Lady Di einst und William und Kate heute. Der Unterschied: Der Kult um einen Diktator erfasst alle Gesellschaftsbereiche, wie Kunze meint. Jedenfalls findet sich in dem höchst interessanten Werk auch, was manche überrascht, ein Beitrag über Nelson Mandela, den "Speer der Nation". Ein Kapitel widmet sich explizit nicht Diktatoren, sondern Populisten sowie Kultfiguren. Da wird zum einen Kemal Atatürk gewürdigt, dessen Verdienste um die moderne Türkei gar nicht hoch genug eingeschätzt werden können, aber auch an Volksverführer wie den ewigen Revolutionär Fidel Castro und Hugo Chávez erinnert, die ihre Länder herunterwirtschafteten, noch immer aber ihre Anhänger haben, auch in der westlichen Welt. Aber grundsätzlich gibt es auch einen "positiv besetzten Personenkult". Und es gibt, gerade in Umbruchszeiten, ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Führung.

Deutlich wird, dass nicht jeder Kult endet, nur weil das Objekt der Verehrung das Zeitliche segnet. Da wäre etwa Khomeini, der wie später Mandela die kultische Verehrung seiner Person zwar nie beförderte, sich aber auch nie gegen die Titulierung als emam wehrte. Der Kult um den islamischen Revolutionsführer hält durchaus an, was damit erklärt werden könne, wie Arash Sarkohi in seinem Beitrag vermittelt, "dass zu keiner Zeit persönliche Verfehlungen von ihm bekannt geworden sind." Khomeinis Genügsamkeit in einem Rentierstaat, "wo nahezu alle Mitglieder der politischen Elite mit angehäuftem Reichtum und Korruption von sich reden machten", hatte Seltenheitswert und beflügelte den Kult um seine Person. Auch der Kult um Mao hält an, obwohl seine Herrschaft und Misswirtschaft mindestens 50 Millionen Chinesen das Leben kostete. Aber weil er - ähnlich wie Ho Chi Minh - eine staatsbildende Komponente hat, als Gesellschaftskitt noch immer gebraucht wird, wird der Große Vorsitzende nicht nur von Parteifunktionären noch immer in Ehren gehalten und wohl einstweilen weiterleben mit 22 Litern Formaldehyd im Bauchraum. Eine staatsbildende Funktion ist auch das Erfolgsgeheimnis von einem Autokraten wie Saparmurat Nijasow ("Turkmenbaschei") in Turkmenistan. Kunze bescheinigt ihm, dem Land Stabilität und seinen Bewohnern einen gewissen Wohlstand gebracht zu haben. Wenn die Systeme in Mittelasien stürzen sollten, dann wird es, da ist sich Kunze sicher, nicht besser werden, "was nachkommt ist die Unordnung." Kurze verweist auf die tragische Entwicklung des Arabischen Frühlings mit ganz demokratisch erzielten Wahlsiegen für die islamistischen Parteien, die nicht nur im Westen für Entsetzen sorgten.

Damit Diktatoren von den Massen verehrt werden, "müssen sie liefern", sagte Heydemann. Das würde durchaus Hitlers Popularität erklären. Es gab einen wirtschaftlichen (auch, aber nicht nur durch Aufrüstung bedingten) Aufschwung, den Rest besorgte die Propaganda, bei der modernste Mittel eingesetzt wurden. Ceausescu allerdings "lieferte" nicht, trotzdem hatte seine Herrschaft lange Bestand. Er wurde als alleiniger "Sündenbock" geopfert, während der Rest der Führungsclique um ihn nicht zur Rechenschaft gezogen wurde, ja sogar neue Karrieren hinlegte.

Thomas Kunze, Thomas Vogel (Hg.): Oh Du, geliebter Führer. Personenkult im 20. und 21. Jahrhundert. Ch. Links Verlag, 335 S., 19,90 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.03.2014

Christian Ruf

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr