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Im Stadtmuseum Dresden wird der Künstler Sascha Schneider wiederentdeckt

Im Stadtmuseum Dresden wird der Künstler Sascha Schneider wiederentdeckt

Die blaue Blume ist ein zentrales Symbol der Romantik, steht für Sehnsucht und Liebe und für das metaphysische Streben nach dem Unendlichen. Später wurde die blaue Blume auch ein Sinnbild der Sehnsucht nach der Ferne und ein Symbol der Wanderschaft.

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"Nackter Jüngling mit Speer und Kakadu", es spricht einiges dafür, dass das Gemälde von Sascha Schneider stammt.

Quelle: Städtische Galerie Dresden, Franz Zadnicek

Als reale Vorbilder werden die Kornblume oder auch die Wegwarte angesehen; der Dichter Novalis spricht vom blauen Heliotrop. Auf einem Gemälde des Dresdner Stadtmuseums ist es - mal abgesehen von einem nackten Mann - ein blauer Ara oder Kakadu, der die Blicke auf sich zieht. Ein solches Tier von blauer Federfarbe ist, wie die Recherchen von Mitarbeitern des Hauses ergaben, ein Symbol für Homosexualität.

Geschaffen hat das Werk vermutlich Rudolph Karl Alexander gen. Sascha Schneider, der 1870 in St. Petersburg geboren wur- de und 1927 im pommerschen Swinemünde starb, nachdem er versehentlich beim Trinken zu einer Flasche giftigen Fleckenwassers gegriffen hatte. Schneider gilt als eine der schillernd- sten Figuren der deutschen bzw. europäischen Kunst- und Kulturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts. Sein Werk ist ziemlich in Vergessenheit geraten, wird derzeit aber wiederentdeckt. Dieses Werk umfasst gattungsübergreifend Malerei, Bildhauerei und Grafik, aber auch theoretisierende Ausführungen. Es kann gemeinhin dem Symbolismus zugerechnet werden, weist aber auch neo-klassizistische Anklänge auf. Der Künstler ent- wickelte zunächst einen komplexen und individuell verrätselten Kosmos, wofür er auf die christliche Religion, die germanische und griechische Mythologie sowie auf die Schriften des Philosophen Friedrich Nietzsche zurückgriff.

Nach dem Tod des Vaters war die Familie nach Dresden gezogen, wo Schneider das Kreuzgymnasium besuchte. Nachdem er das Abitur abgelegt hatte, begann Schneider 1889 ein Studium an der Dresdner Kunstaka- demie. Ab 1894 bestritt er Ausstellungen. Sein eigenes Atelier eröffnete er 1900 in Meißen, in dessen (heutigem) Stadtteil Cölln er in der Johanniskirche ein Fresko gestaltete. Vorrangig schuf Schneider Bilder, überliefert sind aber auch einige Plastiken, die die Idealvorstellungen und homoerotischen Fantasien des Künstlers vom physisch kraftvollen, schönen jungen Mann ver- sinnbildlichen.

1903 lernte Schneider Karl May kennen, der bei ihm im Oktober 1903 das Wandgemälde "Der Chodem" in Auftrag gab. Ein halbes Jahr später beschloss May, seine Reiseerzählungen im Verlag Friedrich Ernst Fehsenfeld mit neuen symbolistischen Deckelbildern von Sascha Schneider (Sascha-Schneider-Ausgabe) ausstatten zu lassen. Schneider vertraute Karl May seine homosexuelle Orientierung an. Dies hinderte May nicht daran, eine Serie von neuen Titelbildern bei Schneider zu ordern (z.B. "Durch die Wüste", "Durchs wilde Kurdistan). Unter dem Druck der Verleger wurden diese Darstellungen jedoch schon anlässlich der nächsten Auflage ausgewechselt und in kleine Kunstmappen verbannt. 1904 wechselte Schneider als Professor an die Großherzoglich-Sächsische Kunstschule in Weimar. Wohlgelitten war er bei vielen Zeitgenossen nicht. Für den Schöngeist Harry Graf Kessler etwa schien Schneider ein tumber, rudimentär veranlagter Zeitgenosse zu sein, ein "Caliban", der der Weiblichkeit seiner Maillol-Figur keinen ergötzlichen Zug abzugewinnen im Stande war.

Das Stadtmuseum Dresden besitzt etliche Werke Schneiders. Ob das unsignierte Gemälde "Nackter Jüngling mit Speer und Kakadu" ein solches ist, ist nicht ganz gesichert, aber es spricht vieles dafür, wie Gisbert Porstmann, Direktor der Städtischen Museen Dresden, gegenüber den DNN sagt. "Das Sujet passt. Die Technik passt. Der Figurentypus passt. Und auch der Speer taucht auf vielen Werken Schneiders auf", erklärt Porstmann. Das Werk könnte mal Wandpanel für eine Raumdekoration gewesen sein. Das Bild ist 129,5 mal 184,5 Zentimeter groß und kam 1988 ins Stadtmuseum Dresden. Es wurde damals vom Stadtmuseum Meißen übernommen, zusammen mit vier anderen Werken, wie die Museologin Christin Gäbler mitteilt. Da man damals die Depoträume auf der Albrechtsburg aufgab, kam es im Meißner Stadtmuseum zu einer Art "Bestandsbereinigung".

Das Bild "Nackter Jüngling mit Speer und Kakadu" war angeschmutzt - und es war übersät mit zahlreichen kleinen, über die Rückwand erfolgten Einstichen. Es lässt sich nicht klären, wie all die Löcher ins Bild kamen. Die beiden Restauratoren, die das Gemälde peu à peu in den letzten Monaten restaurierten, mutmaßen, ob da nicht auf der Rückwand des Gemäldes eine Dartscheibe angebracht gewesen war. Überhaupt ist die Rückseite interessant, offenbart eine regelrechte Biografie. So findet sich ein Aufkleber der II. Deutschen Künstlerbund-Ausstellung 1905 in Berlin. Das Werk trug die Einlieferungsnummer 258, ist aber leider im Katalog nicht aufgeführt, so dass auch darüber nicht geklärt werden kann, wer denn nun der Maler ist. Der alte Rahmen wurde belassen. "Um die historische Identität zu erhalten", wie Porstmann wissen lässt.

Möglich wurde die Restaurierung aus Mitteln der, so Porstmann, "großzügigen Spende der Commerzbank in Höhe von insgesamt 500 000 Euro, die ausdrücklich für restauratorische Aufgaben gedacht war." Nach einjähriger Arbeit hat man wieder ein "ausstellungsfähiges Bild", das sich in den Symbolismus-Bestand des Hauses vortrefflich einfügt.

Es gibt übrigens, wie Gäbler verrät, noch weitere Bilder im Bestand des Stadtmuseums, die ungewöhnliche Beschädigungen aufweisen. So wird hausintern von den sogenannten "Wodka-Bildern" gesprochen. Sie stammen aus dem Schloss Hermsdorf und müssen wohl 1945 - womöglich bei einem Gelage im Siegestaumel - mit hochprozentigem Wässerchen bespritzt worden sein.

Die Galerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden besitzt auch zwei Werke Schneiders. Zum einen das Gemälde "Judas Ischariot", erworben 1926 vom Künstler. Zum anderen "Um die Freiheit" aus dem Jahr 1894, das 1963 im Albertinum aufgefunden wurde und 2007 als "Vom Sächsischen Kunstverein erhalten ... 4.5.1928" identifiziert werden konnte.

Christian Ruf

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.10.2013

Christian Ruf

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