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Im Projekttheater vermischte "Utopia" Freiheit und Chaos in Wort und Musik

Im Projekttheater vermischte "Utopia" Freiheit und Chaos in Wort und Musik

Freiheit ist nicht nur ein Thema für Pfaffen aus Rostock. Freiheit geht jeden was an. Im Theater zum Beispiel ging es schon immer auch um die Freiheit der Kunst.

Oft genug leider auch um die Freiheit von ihr. Dann kann es vorkommen, dass sich das Publikum etwas unfreiwillig in Mithaftung genommen fühlt. Aber so spürt es hautnah, dass von Freiheit meist dann am lautesten die Rede ist, wenn sie infrage gestellt wird. Solche Gefahren drohen immer wieder; darauf aufmerksam zu machen, ist eine hohe Aufgabe der Künste.

Bei der neuesten Produktion am Projekttheater in der Louisenstraße wird das Thema Freiheit reichlich zwei Stunden lang durchdekliniert. Sexuelle Freiheit, durchaus kein Randgebiet im menschlichen Miteinander, wird dabei nur haarscharf gestreift. Vor allem geht es um die Verquickungen von Groß und Klein, von privatem Glück und gesellschaftlichen Zwängen, von Anpassung und Anarchie, von staatlichem Reglement, das rasch in Überregulierung ausartet, und dem Widerstand dagegen dank wacher Vernunft. "Utopia" ist der Titel dieses Projekts, das möglicherweise die tagtägliche Unzufriedenheit mit der Bevormundung des Individuums durch den allgegenwärtigen Beamtenapparat als ursprüngliche Antriebsfeder hat.

Ein "Bruttoinlandsglück-Erfassungsbogen", der dem Programmheft beigefügt ist, stellt die Frage "Wie viele Beamte sind Ihrer Ansicht nach korrupt?" Wahrscheinlich hätte da auch gefragt werden können, wie viele Schimmel denn weiß seien. Während der ersten Stunde dieses Stückes von Michael Hiemke, einem aus dem Rheinland stammenden Absolventen der Kompositionsklasse an der Dresdner Musikhochschule, wird in ziemlich großer Besetzung durch die Zeitgeschichte der Freiheit gepilgert. Das ist kaum interaktives Handlungstheater, sondern mehr Deklamation. Die aber gerät packend, modern, ein klein wenig willkürlich (was bei dem Thema kein Manko sein muss) und wagt einen Streifzug von Luther über Bakunin bis hin zu Brecht.

Der Weber-Stipendiat Hiemke, der auch Regie führte und für den Vortrag eines originellen Briefes an einen nie antwortenden Polizisten gar mal selbst auf die Bühne ging, hat Unmengen an Material zusammengeklaubt, das er sehr raffiniert mit musikalischen Einfällen gewürzt hat. Daraus entsteht vor den Augen und Ohren des Publikums ein kleiner Kosmos von den Tiefen der griechischen Tragödie bis ins oberflächlich kurzatmige Heute hinein. Eine rasche Abfolge kleiner Szenen referiert über die Unmöglichkeit hundertprozentiger Freiheit und die Alternative des Chaos', dafür sind unterhaltsame Spielideen gefunden worden, die auf Nachdenklichkeit ebenso setzen wie auf Klamauk und Vergnügen.

Als nach gut einer Stunde überraschend das Licht ausgedreht und dieses eigenwillige Stück Musiktheater heftig beklatscht und völlig zu Recht lautstark bejubelt wurde, kippte die Farce plötzlich in Langatmigkeit um. Denn nun erging die Aufforderung ans Publikum, eine "Einverständniserklärung betr. Freigabe Ihrer Utopien" zu unterzeichnen, sich Mensch für Mensch einer persönlichen Untersuchung hinter dem schwarzen Vorhang auszusetzen und am Ende nach langem Warten ohne zusätzlichen Nutzen von "Utopia" wieder in die Dresdner Realität entlassen zu werden. Da wäre etwas weniger womöglich wesentlich mehr gewesen. Theatralischer Perfektionismus ist aber auch nur eine Idee, also eine Art freiheitlicher Utopie. Wäre doch mal ein Thema für den Pastor im Bundespräsidialamt?

Nächster Termin: 7.7., 21 Uhr

www.projekttheater.de.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.07.2012

Michael Ernst

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