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Im Labyrinth des Wollens: Eine Bestandsaufnahme zur Digitalisierung europäischen Kulturguts

Im Labyrinth des Wollens: Eine Bestandsaufnahme zur Digitalisierung europäischen Kulturguts

Als von Rettungsschirmen noch nicht die Rede war, hätte man die Öffentlichkeit mit dieser Summe beeindrucken können. Irgendwo zwischen Lehman Brothers und Griechenland hat sich das geändert.

100 Milliarden Euro.

Doch in diesem Fall geht es nicht um die Rettung einer Bank oder eines Staatswesens, sondern sogar um mehr, wenn man so will. Diese 100 Milliarden Euro sind die Größenordnung, die Experten für die Digitalisierung des kompletten europäischen Kulturguts veranschlagen. In einem EU-Papier mit dem schönen Titel "The new renaissance" wurde diese Schätzung zwar schon Anfang 2011 publik, aber dennoch kaum öffentlich bekannt. Zu digitalisieren sind demzufolge rund 510 Millionen Objekte: 77 Millionen Bücher, 358 Millionen Fotos, 75 Millionen Kunstwerke. Ach ja, und dazu kommen weitere gut zehn Milliarden Seiten aus Archivbeständen.

All das hört sich nach einer Sisyphus-Arbeit an. Es ist auch eine. Trotz verschiedener Schwierigkeiten ist sie aber äußerst notwendig. Schließlich geht es um zwei fundamentale Dinge: die zeitgemäße Aufbewahrung europäischer Wissens- und Kulturschätze und den jederzeit möglichen öffentlichen Zugriff auf dieses riesige Konvolut. Die Umsetzung des Projekts könnte also durchaus die Bezeichnung Renaissance rechtfertigen.

Auf europäischer Ebene sollen die digitalen Daten in der Europeana, einer virtuellen Bibliothek, zusammen abgelegt und via Internet zugänglich gemacht werden. Für jeden. Der deutsche Beitrag dazu ist die Deutsche Digitale Bibliothek (DDB), deren Gründung Ende 2009 von der Bundesregierung beschlossen wurde. In den DDB-Ausbau fließen mittlerweile jährlich 2,6 Millionen Euro, je zur Hälfte von Bund und Ländern, für zunächst fünf Jahre. Für ihre inhaltliche Bestückung sollen landesweit mehr als 30 000 Bibliotheken, Museen und Archive sorgen, die alle vor Ort digitalisierten Werke beisteuern.

Die DDB ist derzeit nach eigenen Angaben in einer Testphase, sie wird im ersten Halbjahr 2012 online noch nicht allgemein verfügbar sein. Doch Ute Schwens, Direktorin der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main und verantwortlich für den Aufbau der DDB, gibt sich optimistisch. "Insgesamt ist das System erfolgversprechend", schreibt sie per E-Mail - und gibt einen Ausblick: Wenn die Datenbank öffentlich zugänglich ist, sollen anfangs fünf bis sechs Millionen Objekte und deren Daten abrufbar sein. Diese Menge werde "sukzessive erweitert", kündigt sie an. Doch auch Probleme sind nicht weit. "Wir hoffen auf lückenlose Weitergabe in die Europeana", formuliert Schwens vorsichtig. Das liege aber auch an rechtlichen Fragen: "Nicht alle Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen wollen alle Informationen an die Europeana weitergeben, da sie die kommerzielle Nutzung, die die Europeana erlaubt, nicht gutheißen", räumt sie ein.

Nicht weniger Schwierigkeiten lauern woanders: bei den sogenannten verwaisten Werken. Bei ihnen sind die Rechteinhaber entweder unbekannt oder nicht zu ermitteln. Siegmund Ehrmann, der Sprecher der Arbeitsgruppe Kultur und Medien der SPD-Bundestagsfraktion, nannte in einem Beitrag für das Jahrbuch für Kulturpolitik 2011 der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. folgende Schätzungen: bis zu 40 Prozent aller urheberrechtlich geschützten Bücher seien verwaist, bei Fotografien sogar bis zu 90 Prozent. In diesen Fällen gibt es einfach niemanden, der die notwendige Freigabe zur Digitalisierung erteilen kann. Ergo ist eine gesetzliche Regelung bitter notwendig, sonst ist dieser riesigen Masse digital nicht beizukommen, ohne sich auf rechtlich ziemlich dünnes Eis zu begeben. Bleibt diese Regelung aber aus, droht langfristig ein Aderlass. Es fällt nicht schwer zu prognostizieren, dass Texte, Bilder und ähnliche Objekte - nicht nur aus Kunst und Wissenschaft - in ein paar Jahren aus dem kollektiven Gedächtnis zu verschwinden drohen, ohne es je recht dorthin geschafft zu haben, eben weil sie nur an einem bestimmten Ort realiter, aber nicht virtuell und online existieren. In Zeiten eines netzbasierten Informationsaustauschs jedoch gleicht fehlende Online-Verfügbarkeit der Lagerung in einem verriegelten Depot, dessen Schlüssel nicht mehr aufzufinden ist - oder, weitaus schlimmer, der bewusst versteckt wird.

Andererseits ist die Debatte um verwaiste Werke und das in jüngster Zeit (selten fundiert) rauf und runter diskutierte Urheberrecht wiederum nicht ohne einen Querverweis auf Google zu führen. 2004 begann der Suchmaschinen-Riese mit seinem Projekt "google books". Google selbst spricht von rund 15 Millionen Büchern, die bei diesem Vorhaben bis 2010 weltweit digitalisiert wurden - übrigens meist verwaiste Werke. Bis zum Ende der laufenden Dekade sollten eigentlich alle der existierenden rund 130 Millionen Buchtitel (eine Google-Berechnung) digital gesichert sein. Dem aber schob erst eine amerikanische Richterin einen Riegel vor. Und nach einer seit 2005 währenden Debatte sowie einem gescheiterten Vergleich machte Ende 2011 auch die Authors Guild, die amerikanische Autorenvereinigung, nicht mehr mit. Google versuche, mit Hilfe der gescannten Inhalte einen Wettbewerbsvorteil herauszuschlagen, lautete der wenig überraschende Vorwurf. Die Authors Guild klagte, der Ausgang dieses Streits ist offen. Das Vorpreschen des Branchenriesen hat aber vielleicht auch sein Gutes: Es beschleunigte eine Diskussion, die längst überfällig war. Dafür, dass das Internet seit nunmehr bald 20 Jahren unser Leben mehr und mehr beeinflusst, hinkt die daraus resultierende notwendige Angleichung zahlreicher Regelungen an grundlegend veränderte Sachlagen jenem Paradigmenwechsel bislang hoffnungslos hinterher.

Eine komplexe Sachlage mit einem klaren Aspekt: Digitalisierung von Kulturgut einerseits und Urheberrecht andererseits sind fest miteinander verzahnt. Paul Klimpel, Verwaltungsdirektor der Stiftung Deutsche Kinemathek, brachte das so auf den Punkt: "Das geltende Urheberrecht berücksichtigt die Interessen von Museen und Archiven nicht angemessen. Dies gilt insbesondere angesichts der Digitalisierung." Denn wer Rechteinhaber ist, hat dennoch keine Verpflichtung, die Trägermedien "seiner" Werke in ihrer Substanz zu erhalten. Das machen die Museen und Archive, darin besteht ja auch ihr öffentlicher Auftrag. Doch die aktuelle Rechtslage gefährde die Handlungsfähigkeit dieser Institutionen, so Klimpel. Das Urheberrecht sei immer stärker zum Wirtschaftsrecht geworden. Es gehe fast nur noch um den Erhalt der Werke, nicht mehr um ihre Erschließung oder den Zugang zu ihnen, kritisiert er. Letztere sind aber wichtige Aufgaben von Museen und Archiven. Diese Einrichtungen seien außerdem der Grund, warum verwaiste Werke noch existierten - sonst wären jene verschollen, argumentiert Klimpel. Ein nachvollziehbarer Gedankengang. Bekommt er in der Digitalisierungsdebatte genug Aufmerksamkeit? Zweifel sind angebracht.

Trotz all dieser aufschimmernden und größtenteils immer noch ungelösten Probleme zeichnet sich für das Projekt Europeana zumindest quantitativ ein gutes Zwischenergebnis ab. Etwa 20 Millionen Objekte sind bislang dort zu finden, bis 2015 sollen es 30 Millionen sein. Diese Marke dürfte, legt man die bisherigen Zuwächse zugrunde, wahrscheinlich schon vorher erreicht werden - auch wenn das nur ein kleiner Bruchteil der eingangs erwähnten Gesamtmenge ist. Das Gros der Beiträge lieferten bisher Frankreich und Deutschland, auch die Niederlande und Großbritannien. Andere Staaten stehen da wesentlich stärker in Bringeschuld. Übrigens geistert eine ähnliche Idee auch seit etwa zwei Jahren durch die USA. Das Gegenstück zur Europeana ist aber noch blanke Theorie und hört auf den Namen Digital Public Library of America. Die Probleme sind dabei ähnlicher Natur, auf beiden Seiten des Atlantiks. Und wohl auch der Ausgangsgedanke. Denn die Europeana entstand vor allem aus Angst vor "google books", das nun vorerst auf Eis liegt. Weiterdenken aber soll und muss man. Europa, USA - was dann? Die Idee einer globalen digitalen Bibliothek schimmert auf, auch wenn ihre Umsetzung sicher noch in sehr, sehr weiter Ferne liegt.

Nach dem großen Schwenk auf deutsche, europäische und amerikanische Befindlichkeiten schließlich noch ein Blick vor die Haustür. In Sachsen ist vor allem die Sächsische Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) in Dresden Vorreiter der Digitalisierung. Sie gehört zu den 13 DDB-Gründungsmitgliedern und ist nach der Bayerischen Staatsbibliothek der zweitgrößte deutsche "Zulieferer" für DDB und Europeana. Nach Angaben von SLUB-Vize-Generaldirektor Achim Bonte stellt sein Haus derzeit rund 40 000 Bücher, Handschriften und Notendrucke, 2000 digitale Tondokumente sowie mehr als eine Million Fotos, Karten und Zeichnungen bereit. Im Gegensatz zu Google digitalisieren die Bibliotheken übrigens laut Bonte sogenannte gemeinfreie Werke, die bis etwa 1900 erschienen sind. Sie unterliegen nicht mehr dem Urheberrecht oder haben das nie getan - wie bestimmte Gesetze, Verordnungen oder Erlasse.

Auch die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) haben in puncto digital einen Zwischenstand, der aufhorchen lässt. Rund 24 000 Objekte finden sich in der SKD Online Collection, dem öffentlichen Abbild dessen, was als sogenanntes Daphne-Projekt zur Provenienzforschung startete. Längerfristiges Ziel auch hier: all das in die Europeana fließen zu lassen. Doch eine Gesamtschau, wie viele Objekte an wie vielen Museen im Freistaat bereits digitalisiert wurden, ist nicht möglich. Eine auch nur annähernde Antwort auf diese Frage sei nicht zu geben, teilt die Sächsische Landesstelle für Museumswesen auf Anfrage mit. Die Einrichtung lässt auch wissen, dass ihrer Einschätzung zufolge urheber- und verwertungsrechtliche Gründe dagegen sprechen, dass viele Objekte in der Europeana sichtbar werden - eine Einschätzung ähnlich der von Ute Schwens. Geplant sei aber eine sächsische Objektdatenbank, wie sie schon als Interim über das BAM-Portal existiere, hieß es. BAM ist wiederum ein anderes Onlineprojekt und steht für ein gemeinsames Internetangebot von Bibliotheken, Archiven und Museen bundesweit.

Das Aufspreizen in verschiedene Vorhaben wie Europeana, DDB, BAM und andere regionale oder lokale Datenbanken steht der Idee einer zentralen Übersicht über Kunst- und Kulturgüter nicht so stark entgegen, wie es auf den ersten Blick scheint. Im Zeitalter der Verlinkung sollte ein sinnvolles Zusammenführen zumindest nicht das zentrale Problem sein. Das setzt aber ein Wollen aller Beteiligten voraus - und die schon angesprochene Rechtssicherheit.

Charakterisiert wird der Prozess der Digitalisierung jedenfalls, nicht nur in Deutschland, durch eine anhaltende Ungleichzeitigkeit. Jens Bove, Chef der Deutschen Fotothek, bilanziert das kurz: "In Deutschland und in Sachsen hat sich in den letzten Jahren vieles bewegt, allerdings mit sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten." Außerdem bleiben auch die finanziellen Unwägbarkeiten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft beziffert den jährlichen Bedarf für die Digitalisierung auf etwa 30 Millionen Euro hierzulande. Trotz gestiegener Kulturausgaben kein Selbstläufer. Sollte der Tag aber kommen, an dem die unglaubliche Datenmenge ihre digitale Verwandlung hinter sich hat, warten wieder andere Fragen auf Antworten. Zum Beispiel die, wie lange digitale Speichermedien halten oder wie entsprechende Langzeitspeicher beschaffen sein müssen. So gesehen, ist der derzeitige Weg zur Digitalisierung ein kurzer. Der lange Marsch in die virtuelle Ewigkeit, sollte sie denn existieren, steht noch bevor.

Buchtipp: Bullinger/Bretzel/Schmalfuß (Hrsg.): Urheberrechte in Museen und Archiven, Nomos Verlagsgesellschaft 2010, ca. 100 Seiten, 34 Euro

www.europeana.eu

www.deutsche-digitale-bibliothek.de

www.bam-portal.de

http://skd-online-collection.skd.museum/

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.05.2012

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