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Im Königshainer Schloss bei Görlitz ist eine Werkschau des 80-jährigen Dresdner Malers Günter Tiedeken zu sehen

Im Königshainer Schloss bei Görlitz ist eine Werkschau des 80-jährigen Dresdner Malers Günter Tiedeken zu sehen

Es ist ein seltener Genuss, die malerischen Arbeiten des einstigen Dresdner Künstlers Günter Tiedeken, der heute in Dittelsdorf bei Zittau tätig ist, in den Räumen des Königshainer Schlosses zu erleben.

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Alle stehen unter dem Blauen Wunder. Aber auch was nicht verboten ist, ist noch lange nicht erlaubt.

Quelle: Repro: Katalog

Man muss es wohl so nennen, denn es handelt sich mitnichten um eine bloße Aneinanderreihung von Bildern in einer chronologischen Abfolge, sondern um eine Installation, die verdeutlichen soll, wie sich im Verlaufe des malerischen Schaffens von Günter Tiedeken die Sensibilität des Künstlers stetig verändert hat, die Realität einer ästhetischen Sensibilität, bedingt durch neue Techniken und die Integration neuer Sehweisen. In zehn durchgestalteten Räumen erfährt der Besucher der Ausstellung, wie der fragende und suchende Maler im Laufe von sechzig Jahren seinen Weg weitgehend außerhalb und gegen die Konvention geht, dabei alles rein Artistische vermeidend, alles Kleinliche und kosmetisch Geformte hinter sich lassend. Das ist vielleicht die Quintessenz, die sich ergibt, wenn man beim Durchschreiten der Räume das Summarische aufrechnet. Eine neue Sicht auf das Gesamtwerk Tiedekens, in überschaubarer und stilvoller Weise vom Künstler selbst und von H. Puchert, einem ehemaligen Schüler Tiedekens, wirkungsvoll in Szene gesetzt.

Es handelt sich gewissermaßen um eine seelische Inventaraufnahme, wenn man so will, die Günter Tiedeken im Königshainer Schloss vornimmt. Ein eigenes Kontinuum, in eigenen Zeiten und Räumen. Die Welt des Malers in großen Szenen formuliert, eigenen Gesetzmäßigkeiten folgend und einer eigenen Poesie verschrieben. Das zeigt sich bereits im Eingangsbereich. Das Treppenhaus beherrschen die Bilder "Ins Knie gebrochen" (1984, gewidmet dem Dichter Franz Fühmann) und "Daniel in der Röte des Feuerofens" (1990). Ein vieldeutiger Abschied, wie uns scheint. Die Berufung des Künstlers ist unsicher geworden, im Zwielicht des aus den Fugen geratenen Alltags und angesichts der Leere der Welt. Man irrte nicht, wenn man bei diesen Bildern von Weltschmerz und Verzweiflung sprechen kann. Sind es die Störungen des Humanen, wie in Werken von Francis Bacon oder Jean Dubuffet, die wir hier finden? Die Gewalttätigkeit der Form ist intuitiv und tritt uns herb frontal entgegen. Und dann keimen Triebhaftigkeit und rauschhafte Ekstase auf. Da sind wir nicht angehalten zu genießen oder gar elegante Formen zu bewundern. Expressionistisches kommt zur Geltung und eine Stimmung voller mystischer Elemente, in einer Welt der "Wirklichkeitszertrümmerung", um es mit einem Wort von Gottfried Benn zu benennen.

Die Anfänge des Malers Tiedeken sind freilich noch gänzlich anderer Art. "Die Siedlung Krasnogorsk im Märzschnee", das früheste Bild hier, von 1951. Etwas Mildes, Blauschimmerndes darin, wie bei Igor Grabar oder Isaak Lewitan. Der Künstler, seit 1952 an der Dresdner Akademie, ist lange Zeit noch sehr konsequent von der Natur inspiriert. Dann aber orientiert er sich zunehmend an Werken der Kunstgeschichte, am Beispiel Cézanne vor allem an den Fauves. Ein "Liegender Akt" von 1962 ist die Frucht einer glücklichen und sorglosen Eingebung, eine Apotheose an Matisse, so könnte man meinen.

Gegen 1980 führt seelisches Aufgewühltsein des Malers zu heftigeren Tönen in der Malerei und zu einer förmlich explosionsartigen Dynamik im Duktus. Bilder aus dem Konzertsaal oder ein Naturereignis, wie "Hurrikan in der Karibik", offenbaren, dass sich nunmehr in Tiedekens Schaffen die Farbe vom Gegenstand befreit und ein nervöser Pinselduktus dominant wird.

Die expressive Vitalität rührt an Visionen von Rouault oder Bacon. Sind sie womöglich Ausdruck der Epoche, in der vieles unsicher geworden ist und vieles zusammenbricht? Auch die Erscheinungsform des Körperlichen wird anders gesehen. Selbstbildnisse zeigen es. Der Zerfall der Identität im Bildnis? "Stehende Zeit" heißt ein Abschnitt der Ausstellung. Eine Serie "Spiegelungen" darin mit zeichenhaften Köpfen. Abgekürzt und zeichenhaft die Realitäten, wie mit Peitschenhieben auf den Malgrund geworfen. Wir denken an die Nachtseite bei Paul Klee, hintersinnig und visionär.

Auslöser für den Weg ins Abstrakte wird für Tiedeken die Begegnung mit Gedichten von Nelly Sachs. Die jüdische Dichterin war den Nazis entronnen und hatte in Schweden Asyl gefunden. Die Schatten der Vergangenheit wurde sie indessen nicht los. In einem Buchstaben-Ikonostas hatte Tiedeken mit hebräischen Schriftzeichen dazu Stellung bezogen. Er spricht von "Leibeszumutungen", die als unmittelbare Antwort auf die Gedichte der Nelly Sachs zu betrachten sind.

In einer Folge von "Blaubildern", gemalt auf Kaffeefilterpapier, widmet er sich nunmehr dem polnischen Widerstandskämpfer Jan Karski, der in seinem "Bericht an die Welt" als einer der Ersten vor den beispiellosen Greueltaten der Nazis gewarnt hatte. In den Bildern Tiedekens ist alles Menschliche aufgehoben.

Kein Fabulieren, keine Illustration, keine Handlung. In letzter Konsequenz nur die brennende Gewalt der Farbe Blau. Man gewinnt den Eindruck, in der Ausstellung Günter Tiedekens gleichsam in einem "Buch der Inwendigkeit" blättern zu können. Es ist die Erfüllung des Lebens im Schaffen eines Künstlers. Und es verbinden sich Qualen und Quellen darin. Ein Leben fesselnder Totalität, wenn man so will, von Poesie und Aggression bestimmt, von Sehnsucht und Enttäuschung begleitet, von Jugend und Alter.

ibis 12. Mai, Schloss Königshain bei Görlitz, geöffnet Di-Do 11-15, Fr-So 14-16 Uhr

www.koenigshain.com

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.04.2013

Gert Claußnitzer

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