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Im Kleinen Haus wird Europa ein Requiem dargeboten

Schauspiel Im Kleinen Haus wird Europa ein Requiem dargeboten

Ein Gespenst geht um in Europa: das Gespenst vom Untergang Europas. In Dresden ist es schon eine Weile zu Gast, jetzt sucht es mal wieder die Bühne heim: Aus tagespolitischen Einlassungen, Publikumsfragebögen und Probenworkshops, vor allem aber mit einigen Griffen in die Theatertrickkiste.


Quelle: David Baltzer

Dresden. Ein Gespenst geht um in Europa: das Gespenst vom Untergang Europas. In Dresden ist es schon eine Weile zu Gast, jetzt sucht es mal wieder die Bühne heim: Aus tagespolitischen Einlassungen, Publikumsfragebögen und Probenworkshops, vor allem aber mit einigen Griffen in die Theatertrickkiste – das Ensemble baumelt vom Karabiner, poltert und flüstert, singt und tobt – hat der kroatische Regisseur Oliver Frljić im Auftrag des Staatsschauspiels Dresden ein „Requiem auf Europa“ gestaltet, das am Freitag seine Uraufführung im Kleinen Haus feierte. Frljić versteht sich als Theatermacher, der für seine agitatorischen Themenabende offensiv im kulturellen Archiv sampelt – Pirandello, Beckett und Brecht stehen Pate, wenn die Darsteller aus den Rollen treten (Benjamin Pauquet flucht an einer Stelle über den inszenierenden „Kroaten-Spasti“ und überlässt es dem Publikumsvotum, ob er Arbeitskollegen als heimliche Pegida-Unterstützer denunzieren soll) und in immer neuen Konstellation im Verlauf des kaum 80 Minuten langen Programms aufeinander gehetzt werden. Das trägt nicht unbedingt dazu bei, dem Abend viel vom Mief des pubertären Kinderzimmers zu nehmen, aus dem ab und zu ein verschwitzter Halbwüchsiger taumelt, den man zu lange mit seiner fiebrigen Stirn und dem Reclam-Bändchen mit den aufwühlendsten Frantz-Fanon-Zitaten alleingelassen hat.

Das Darsteller-Quintett tritt zunächst im Gewand des derzeit omnipräsenten Horror-Clowns vors Publikum, Sebastian Pass darf als Quoten-Österreicher in einem ersten Monolog mit Grabesstimme Schockbilder heraufbeschwören, die Unbehagen mit einem Hauch vom Keller-Fritzl verbreiten sollen, und mit schlagzeilengesättigter Konfrontationsklamotte, die vom 13. Februar bis zum Moscheen-Attentat alles in einen Topf schmeißt, geht es kurzweilig weiter. Gegeben werden hier Europa und Dresden in den Schmerzgrenzen von 2016, und man muss Frljić zugutehalten, dass er sein Publikum ohne Rücksicht auf Verluste auf die Folter spannt: Die Lautstärke wird hochgefahren, die unangenehme Pause ausgereizt, das Publikum regelrecht mit gezückter Pistole aufgefordert, doch gefälligst sein Mitbestimmungsrecht auszuüben. Den Abend an mehreren Stellen zu arretieren, bis sich endlich Zuschauer zur Partizipation aufraffen, ist ein guter, ein notwendiger Schachzug, der den Gestus geradezu verzweifelter Aktualität unterstreicht, denn die Verzweiflung – das wusste schon der große Friedrich Dürrenmatt, der in seinen letzten Stücken ein nicht weniger frenetisches, ja beinah debiles Welttheater aufführt – kennt keine Distanz. Zwar unterlässt das Ensemble den erhobenen Zeigefinger, reckt aber dafür umso mehr Mittelfinger (am Schluss gar den nackten Hintern) und taumelt von einer Leichenfledderei in die nächste, um das Publikum mit der eigenen Ignoranz, Duckmäuserei und der Erbärmlichkeit seiner Ikonen zu konfrontieren. Eine Lesung aus den antisemitischen Hetzschriften Luthers trägt immerhin dazu bei, die aus dem Geist des Humanismus geborene Idee Europas als eine von Beginn an auf Inhumanität und Exklusion fußende zu entlarven.

Europas Grenzdichte wird von der Zeichendichte dieses szenischen Sturms im Wasserglas ein ums andere Mal übertroffen – kein Wunder, dass der Abend ebenfalls ein ums andere Mal ins Schlingern gerät, auf Identifikationsangebote verzichtet und sich gar nicht erst bemüht, das Niveau der Debatten, die er persifliert, zu überbieten. Am Schluss zieht Loris Kubeng als Zeus in Django-Manier den Sarg hinter sich her, um die auf der existentialistischen Krankenstation dahinvegetierende Nutte Europa (Alexandra Weis) abzuholen und ihr zu den Klängen einer Donizetti-Arie nochmal richtig die (Toten-)Glocken zu läuten, und da möchte man den großen Robert Gernhardt um Beistand anrufen: „Nichts wird sich ändern hier auf Erden, / bevor nicht alle gorisch werden.“

Das Sterben Europas setzt der Titel des Programms schon voraus, es ist an den Clowns, den Kadaver nochmal auszubuddeln und beherzte Grabschändung zu betreiben. Die Zutaten beim Leichenschmaus stammen aus dem Nachlass des Verblichenen: etwas Kafka, ein wenig Beckett und Lars von Trier, ein Kessel Buntes vom Hundertsten ins Tausend(jährig)ste, abgeschmeckt mit einer Tonspur aus generischem Spannungsgesäusel, damit nur ja keiner auf die Idee kommt, das hier irgendwie für lustig zu halten. Ist es ja auch nicht, besonders wenn das Material an einigen Stellen (etwa der von Annedore Bauer vorgetragene Abgesang auf Griechenland) aus der Kabarett-Gruft kommt. Der etwas zögerlich losgetretene, aber umso beherztere Schlussapplaus, der durchweg Einverständnis signalisiert, deutet an, dass „Requiem für Europa“ Eulen ins marode Athen trägt und Frljićs theatraler Zorn auf offene Ohren trifft. Nur leider ist Zorn, um es mit Hagen Rether zu sagen, auch nur „Wut mit Abitur“.

Von Wieland Schwanebeck

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