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Im Festspielhaus Hellerau verblüffen südkoreanische Tänzer und Choreografen im mehrtägigen Gastspiel in Dresden

Im Festspielhaus Hellerau verblüffen südkoreanische Tänzer und Choreografen im mehrtägigen Gastspiel in Dresden

Wenn das Europäische Zentrum der Künste in Hellerau mehr oder weniger bekannte Künstler aus aller Welt ins Festspielhaus einlädt, dann sollte und kann man stets mit Überraschungen rechnen.

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Überraschende Schwanensee-Inszenierung: Szene aus "Swan Lake".

Quelle: Peter Fiebig

Und selbst jene Besucher, die in den zurückliegenden Tagen möglicherweise glaubten, dass "Swan Lake" aus Südkorea mit weiß-glitzernder Ballettpracht daher käme, erlebten zwar einen tanzenden Flockenwirbel im Freien, aber keine "weißen Bilder" im Großen Saal. Was da allerdings geboten wurde, ließ eventuelle Vorbehalte, dieses Land hätte in der Tanzmoderne keinen Namen, schnell dahinschmelzen. Wir wissen nur zu wenig darüber, und deshalb ist das in Europa tourende Projekt "Kore -A- Moves" ein Geschenk, welches auch vom Publikum in Hellerau dankbar angenommen wurde.

Dass es in den internationalen großen Kompanien längst hervorragende koreanische Tänzer gibt, ist kein Geheimnis. Aber gleich mehrere südkoreanische Ensembles mit neuen Choreografien zu erleben, die sich auf denkwürdige Weise in die weltweite Tanzszene einbringen, das ist dann doch etwas Ungewohntes. Zumal diese Arbeiten trotz launiger Zitate aus dem Ideenreservoire bekannter europäischer oder amerikanischer Choreografen derart eigen sind, dass sie selbst dafür taugen, anderen Impulse zu geben.

Im ersten Stück des zweigeteilten Abends zum Gastspielauftakt gibt es mit drei Tänzern und einer Tänzerin "Swan Lake". Zu den bekannten Schwanensee-Motiven von Tschaikowski, die ja stets mit szenischen Bildern im Kopf einhergehen, bietet die Choreografie von Sooyoung Ahn eine Fülle von Ideen, die das Bekannte spielerisch aufnehmen und mit der eigenen Bewegungssprache konfrontieren. Das geschieht mit feinen Nuancierungen, auch im Musikalischen. Beispielsweise dann, wenn mit der Klangkulisse von Typhon_A die eh schon recht irdische Schwanensee-Welt in eine knisternde Realität aufgebrochen wird.

Diese Choreografie von Sooyoung Ahn ist ein aus Tanz, Licht und Raum geborener Glücksfall, und die einfallsreichen Ideen gehen von der Körpersprache, den Konstellationen auf der Bühne aus. Was daraus entsteht, ist nicht auf Klamauk ausgerichtet, zwängt die Herren auch nicht ins Tutu oder offeriert sonstige Späße. Es ist ernst und gewitzt zugleich, sinnlich und intelligent. Und vor allem - das macht die absolute Qualität des Abends aus - wird es wunderbar getanzt. Wo gibt es schon eine so eigene, umkreiste Odette frei von jeder Pose, eine so raffinierte Mischung diverser Tanztechniken, bei der einfach nichts unmöglich ist.

Das Männersolo am Anfang scheint quasi Programm zu sein - "Schwanensee" im rasanten Durchlauf, mit Momenten von Durch- und Ausblicken, einem sensiblen Zeitgefühl, ganz ohne Eile und geschäftigem Eifer. Die vier kleinen Schwäne kommen liebenswert aufgefrischt ins Spiel, nähern sich jeweils paarweise, versuchen es auch aufgereiht, aber einer schert aus - und dann gibt es rundum Schelte und geordnetes Chaos. Was bei dieser Choreografie so entspannt artifiziell wirkt, dass die Form, die Struktur erkennbar, aber nicht zum Maß aller Dinge erhoben ist.

Und jene besagten "weißen Bilder"? Sie kommen hier als Modernformation auf die Bühne, gespickt mit fantasievoll variierten Zitaten. Unglaublich, wie die Choreografie - das trifft ebenso für die weiteren südkoreanischen Gastspiele zu - mit dem Raum umgeht, wie spannungsreich der Wechsel von Stille und kraftvollen, explosiven Momenten ist. Im zweiten Stück des Abends verändert sich das Gefüge zu drei Tänzerinnen und zwei Tänzern, und diesmal ist mit "Sacre" von Strawinsky musikalisch ein Modernklassiker ausgewählt. Der nicht minder ideenreich als "Rose" von Sungsoo Ahn choreografiert wurde. Da rätselt man hin und her, wer wohl als Opfer auserkoren ist, und zum Schluss passiert etwas, was kaum vorauszuahnen war.

Überraschendes hat auch der dreiteilige Abend "Young Choreographers" gebracht. In "I go" variiert Jinho Lim mit der 2007 gegründeten Gruppe "Goblin Party" das Thema Tod, lässt koreanische Riten der Bestattung und des Erinnerns erahnen. Die wenigen Utensilien des Stückes erweisen sich als denkwürdige, wechselnde Bezugspunkte für das Trio, und die Tänzer umkreisen das Thema derart, dass Betroffenheit gar nicht erst aufkommt. Dennoch erfährt man auf bewegte, teils spielerische Weise, auch mit einem behutsamen Ernst und als Gleichnis etwas darüber, wie die Ahnentraditionen in Korea ein starkes Band schaffen zwischen Lebenden und Toten.

Im Duett von "Projekt S" mit Hyejung Sohn schafft der Tänzer und Choreograf Suksoon Jung ein Beziehungsgefüge, das sich in den Polen von Anziehen und Abstoßen bewegt, und obwohl seine Tanzsprache deutlich "westliche" Impulse erkennen lässt, macht er daraus etwas Besonderes, variiert, verdichtet, lässt Nähe und Distanz entstehen, erzählt dynamisch und zuweilen auch still vom Wechselspiel der Kräfte. Und das hat nur bedingt etwas mit Mann und Frau zu tun - es geht eher um das ewig Menschliche. Erst seit wenigen Jahren besteht die Gruppe EDX2, und Insoo Lee spielt quasi Pingpong mit dem Unsichtbaren, Unwägbaren, lässt die zu erahnenden Bälle in allen Größenordnungen zwischen Ursache und Wirkung, Aktion und Reaktion hin wie her fliegen, schafft einen imaginären Raum.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.02.2013

Gabriele Gorgas

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