Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Google+
Im Dschungelcamp: Kolumne von Ernst Elitz

Im Dschungelcamp: Kolumne von Ernst Elitz

"Alles klar?" - Mit diesem aufmunternden Zuruf, der halb Frage ist und halb Befehl, pflegen dynamische Zeitgenossen uns täglich zu nerven. Da bekennt der Vorstandsvorsitzende eines Großunternehmens, dass man mit jeder Entscheidung in seinem Betrieb wahrscheinlich gegen irgendeinen Paragraphen verstoße.

Voriger Artikel
Zögern vor dem Neuen - Eine Vorschau des "KulturHauses Loschwitz"
Nächster Artikel
Steffi Sahre stellt doppelt aus: im Schloss Reinhardtsgrimma und im Kulturhaus Loschwitz

"Alles klar?" - Mit diesem aufmunternden Zuruf, der halb Frage ist und halb Befehl, pflegen dynamische Zeitgenossen uns täglich zu nerven. Was ist schon klar im Zeitalter der Unübersichtlichkeit?

Da bekennt der Vorstandsvorsitzende eines Großunternehmens, dass man mit jeder Entscheidung in seinem Betrieb wahrscheinlich gegen irgendeinen Paragraphen verstoße. Denn angesichts von sich ungehemmt vermehrenden EU-Richtlinien, Landesgesetzen, Bundesverordnungen und sich widersprechenden Urteilen der untereren, oberen und obersten Gerichtsbarkeit könne auch ein Spitzenteam von Juristen nicht jedes Projekt wasserdicht prüfen. Das Lianengestrüpp der Paragraphen erstickt Initiative und macht den Ängstlichen noch mehr Angst. Willkommen im Dschungelcamp!

Das Reich der Unübersichtlichkeit kennt keine Klassenschranken. Es erstreckt sich von der ledergepolsterten Vorstandsetage bis ins bescheidene Reihenhaus, wo die Familie ratlos vor dem Telefon sitzt und sich fragt: Welcher der sich aufplusternden Telekommunikationsanbieter stellt die billigste Verbindung zu Oma her? Dabei surft Oma längst munter im Netz und twittert und simst wie ein Teenie. Die ewige Herumsucherei nach dem billigsten Schnäppchen, verbunden mit dem flauen Gefühl, letztlich doch an der Nase herumgeführt zu werden, wäre der "Preis der Freiheit", teilen liberale Zeitverschwender uns mit. Wem dass nicht passt, der könne nach Nordkorea auswandern. Da gibt es nichts, aber dafür alles zum gleichen Preis. Dann schon lieber Dschungelcamp!

Selbst die Hausfrau, die sich auf Heim und Herd beschränkt, ist Gast in diesem Reich der Zeitverschwender. Läuft die abgelieferte Waschmaschine nicht, muss sie tagelang mail und Telefon heißlaufen lassen, um in detektivischer Kleinarbeit den Weg des defekten Geräts vom Hersteller bis zu dem unfreundlichen Herrn, der die Kiste wortlos vor die Wohnungstür knallte, nachvollziehen zu können. Die Maschine funktioniert bis heute nicht, aber die Hausfrau ist stolz, den Preis der Freiheit gewonnen zu haben.

Pfadfinder sind wir alle im Dschungelreich der Unübersichtlichkeit. Im Finanzministerium gibt es für jeden Steuerparagraphen einen eigenen Sachbearbeiter. Der Bürger kann sich keine Paragraphen knabbernde Beamtenschar leisten und wird - wenn er sich vertut - zur Kasse gebeten. Bei RTL moderiert Dirk Bach die Urwaldshow, im Steuerdschungelcamp sein Kollege Wolfgang Schäuble.

Es gibt kein Entrinnen. Der eine verheddert sich in Paragraphen, deren Sinn sich ihm nicht erschließt. Der nächste tastet sich durch das Gestrüpp der Dienstleistungsangebote und findet auch dort nur die klassische Auskunft: "Nicht zuständig!" oder "Kollege kommt gleich!" - Keine Sorge, auch im Reich der Unübersichtlichkeit lässt es sich überleben. Man braucht nur dreierlei: viel Zeit, starke Nerven und Ausdauertraining. "Alles klar!", sagt meine Frau und telefoniert noch mal wegen der Waschmaschine.

Ernst Elitz, Gründungsintendant des DLF, war u.a. von 1975-84 Berlin-Korrespondent des ZDF und von 1994-2009 Intendant von Deutschlandradio/Deutschlandfunk. Seine Kolumnen sind in den DNN regelmäßig zu lesen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.01.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr