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Im Dresdner Tanzprojekt "multifil identity" vereint alle Tänzer die Andersartigkeit

Im Dresdner Tanzprojekt "multifil identity" vereint alle Tänzer die Andersartigkeit

Max ist noch jung, vielleicht 15 Jahre alt. Er kann kaum alleine stehen und trotzdem tanzt er in dem Stück "multifil identity" mit. Wenn seine Krankheit ihn lässt.

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Zweimann-Rollstuhl-Pirouette: In "multifil identity" ist vieles anders als gewohnt.

Quelle: Stefanie Fugmann

Denn Max ist schwer behindert, hat öfter epileptische Anfälle und schläft viel mehr, als ein gesunder Mensch. Bei einer der Theaterproben in der Turnhalle der Laborschule in Gorbitz wirkt er lange teilnahmslos. Doch plötzlich wird er durch Regisseur und Choreograf Bronislav Roznos erweckt und fast traumwandlerisch durch die Halle geleitet. Zu Liedern von der Berliner Band Seeed. Seine Lieblingsmusik, sagen sie. Manchmal tanze er ziemlich wild, manchmal sei er wie weggetreten. Die Choreografie richtet sich nach ihren schwächsten Teilnehmern und ist immer wieder ein bisschen anders. "Konzipierte Improvisation" nennt der Regisseur seine "multiple Tanz-Performance".

Max ist allerdings ein Extrembeispiel im Inklusionsprojekt. Insgesamt 27 Menschen hat Bronislav Roznos ausgewählt, um eine Idee umzusetzen, die er schon länger mit sich herumträgt: Stellvertretend für alle Ausgegrenzten unserer Gesellschaft soll die Gruppe etwas gemeinsam erschaffen, einen gemeinsamen Ausdruck finden. Die Tänzer eint aber eigentlich nur ihre Unterschiedlichkeit. Da sind die Rollstuhlfahrer, fast alle aus einem Basketballteam heraus engagiert. Der 31-jährige André hatte keine große Lust auf zeitgenössischen Tanz. Er hat seine Meinung geändert, weil Roznos sehr überzeugend war. Es habe sich anfangs trotzdem komisch angefühlt. Doch nun tanzt er, neben anderen Szenen, auch eine witzige Dreier-Rolli-Choreografie, mit roter Nase und Mafiosi-Outfit. "Nothing's impossible" hat er sich auf den Unterarm tätowieren lassen. Er, der gesund geboren wurde und mit drei Jahren auf einmal nicht mehr laufen konnte. Sie diagnostizieren einen Rückentumor, sein Rücken verformt sich. Seitdem sitzt er im Rollstuhl. Er sagt, es fühlt sich an, als wäre es immer schon so gewesen.

Claudia mit den langen Dreadlocks sitzt auch im Rollstuhl, allerdings in einem elektronischen. Dann sind da noch eine blinde Frau und zwei oder drei Mädchen mit Down-Syndrom. Mit ihnen tanzen gesunde Menschen, aus der Ukraine, aus Russland oder Vietnam und Kinder aus Dresdner Förderschulen. Professionell ist hier nur das Team um die bunte Mannschaft herum: Beleuchtung, Ton, Musik, Bühnenbild, Regieassistenz und natürlich der Regisseur Roznos selber. Der ehemalige Solist beim Prager Kammerballett kommt 1990 von Tschechien nach Deutschland, tanzt an Theatern in Ulm, Mannheim, Zwickau oder Rostock, ist sogar mal der jüngste Ballettdirektor Deutschlands. Dann macht er sich selbstständig und versucht sich an schwierigen Themen wie Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche. Einmal hat er auch schon mit spastisch Gelähmten zusammengearbeitet. Es hat ihn so beeindruckt, dass er es nun mit diesem Mischprojekt versuchen will. Viel Ehrenamt und Überzeugungskraft stecken in "multifil identity", das benannt ist nach dem Wort Multifil, einem Faserverbund aus mehreren unterschiedlichen Einzelfasern.

Seit 2013 arbeitet Roznos an der Umsetzung seines Wunschprojekts. Er sagt, er hätte es schon irgendwie ohne Förderung gestemmt. Am Ende hat es aber glücklicherweise noch mit der "Aktion Mensch" geklappt. Die Sozialorganisation zahlt nun 70 Prozent der Produktionskosten, die restlichen 30 stammen aus privaten Taschen, aus einer Crowdfunding-Aktion, aus Spenden, und zukünftig aus dem Ticket- und dem DVD-Verkauf. Auch Gastspielreisen sind geplant: ein Auftritt in Bautzen ist sicher, Termine in Polen und Tschechien sollen folgen. Doch jetzt muss erst einmal der Termin im Hygienemuseum klappen. Nach zwei Morgenstunden Training ist Pause. Vor der Turnhalle versammeln sie sich. Da es heiß ist, werden Wassereis, Kekse und süße Limonade verteilt. Max liegt, mal gemütlich auf dem einen, mal auf einem anderen aus dem Team, und schläft. Die anderen Jungs toben, spielen Ball oder entspannen. Einige reißen sich um die Aufmerksamkeit von "Broni", so nennen sie ihren Chef, der sehr liebevoll und interessiert mit ihnen umgeht. Der erzählt, dass sie sich auch längst nicht mehr nur wegen des Stückes treffen, sondern auch mal zum Eis essen, zum Grillen oder zum Spazierengehen. So klappt die Sache mit der Inklusion vermutlich eh am besten.

Die Tanz-Performance "multifil identity" findet heute (10.30 Uhr öffentliche Generalprobe: 12/6 Euro und 18 Uhr Vorpremiere mit Sektempfang und Dankesrede: 25/15 Euro) und am Sonnabend (18 Uhr Premiere: 22/13 Euro) im Saal des Deutschen Hygiene-Museums Dresden statt. Es gibt 30 Rollstuhl- und 9 Blindenplätze (Deskription über Kopfhörer). Karten gibt es an der Konzertkasse Dresden sowie am Kassenschalter des Museums.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.06.2015

Juliane Hanka

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