Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Google+
Im Dresdner Museumsdepot lagern alte Hightech-Schätze

Im Dresdner Museumsdepot lagern alte Hightech-Schätze

Wer die Technischen Sammlung Dresden (TSD) besucht, bekommt nur einen kleinen Ausschnitt der historischen Technologieschätze zu sehen, die das Museum an der Junghansstraße verwahrt: Mangels Ausstellungsfläche sind Tausende Radios, Rechenanlagen, Schreibmaschinen und andere potenzielle Exponate hinter verschlossenen Türen deponiert.

Wer die Technischen Sammlung Dresden (TSD) besucht, bekommt nur einen kleinen Ausschnitt der historischen Technologieschätze zu sehen, die das Museum an der Junghansstraße verwahrt: Mangels Ausstellungsfläche sind Tausende Radios, Rechenanlagen, Schreibmaschinen und andere potenzielle Exponate hinter verschlossenen Türen deponiert. In unserer Reihe "Die DNN öffnen Türchen" haben wir diesmal die Pforten der TSD-Depots aufgeschlossen, hinter denen technikgeschichtliche Bonbons lauern - zum Beispiel der Beweis, dass Lichtleiter keine Erfindung der Internet-Ära sind.

Von Heiko Weckbrodt

Kaum hat Andreas Walther den Schlüssel umgedreht und die schwere Tür unterm Dach der früheren Ernemannfabrik aufgestoßen, ist der Besucher in einer untergegangenen Technologie-Ära gefangen, die bis heute kaum etwas an Faszination verloren hat. Der 62-jährige Elektronikingenieur hat eine Pforte in jene Zeit aufgetan, in der Rundfunk das Multimedia-Zeitalter einläutete, Radios neuester Hightech-Chic aus Elektronenröhren waren, die Langwelle weit entfernte Städte in die Wohnstube rückte: Kapstadt, Boston, Moskau, Göteburg, Rom...

Das Neonlicht reißt eine lange Reihe Stahlregale aus dem Dunkel, vollgepackt mit Rundfunkgeräten, die von deutschem Erfindergeist künden. Sachsenwerk-Radios zum Beispiel, die Jahrzehnte vor der Erfindung der Leuchtdiode durch raffiniert ausgetüftelte Lochscheiben die eingestellten Sendestationen leuchten ließen. Daneben Mende-Radios im schicken Jugendstil-Holzdesign.

Radiotruhen im Geist der 1950er

Aus einer Ecke stimmt plötzlich klackernd ein alter Schlager im typischen Schellack-Klang an: Walther hat eine alte Rundfunk-Truhe in Gang gesetzt. Ein Luxusartikel, nach dem sich jeder Sammler heute alle Finger lecken würde. Massiv in Holz gearbeitet, strahlt das hüfthohe und schummrig leuchtende Möbel ganz den Zeitgeist der 1950er Jahre aus: In der Mitte ein Röhrenradio im satten Elektronenröhren-Sound - "bis heute gibt es klangtechnisch nichts besseres", so Walther -, darunter ein vollautomatischer Schallplattenspieler, auf dem eine Schellackscheibe kreist. Auf der einen Seite ist ein Nähkästchen für die Damen integriert, auf der anderen eine Mini-Bar für die Herren - jede Feministin würde heute Sturm laufen.

Frühe Lichtleiter in Handarbeit

Besonders stolz ist Ingenieur Walther, der ehrenamtlich im TSD-Förderverein das Rundfunk-Depot betreut, auf ein auffälliges Stück weiter hinten: Der Rundfunkempfänger "Geographic 39" der längst untergegangenen österreichischen Fabrik "Ingelen" zeigt eine Karte des "großdeutschen Reiches" und Europas, die eingestellte Funkstation wird als leuchtende Stadt illuminiert. Mit LCD-Bildschirmen und LEDs wäre dies heutzutage problemlos realisierbar - vor 73 Jahren musste sich Ingenieur Ludwig Neumann (= Ingelen) etwas ganz besonders Ausgebufftes dafür einfallen lassen: Er setzte auf eine Frühform heutiger Glasfaser-Lichtleiter und ließ seine Arbeiterinnen in mühevoller Handarbeit hauchdünne Glasröhrchen so zu zurechtflechten, dass das Licht eines Lämpchens hinter der Verkleidung genau zu der Stadt beziehungsweise der Station gelotst wurde, die per Drehrad eingestellt worden war. "Ein Rarität, für die Sammler heute ein paar Tausender hinblättern würden", schätzt Walther ein.

Natürlich finden wir auch die "Goebbels-Schnauze" im Depot, denn ein Teil dieser Volksempfänger wurde auch in Dresden hergestellt. Ebenso Rundfunkempfänger von Robotron, Blaupunkt, Telefunken, Koch & Sterzel und all den anderen Herstellern, die einst den Markt mit ihren Kreationen fluteten.

1320 Radios sind es insgesamt, die allein im Rundfunkdepot der TSD lagern - gar nicht zu reden von den über 1500 Schreibmaschinen, unzähligen Rechenmaschinen und historischen Computern, einer kleineren Weckersammlung und vielen anderen Gerätschaften, die das Technikmuseum in Striesen hinter verschlossenen Türen verwahrt. Viel zu viel, um es alles auszustellen, wie TSD-Sprecherin Maren Dose mit Bedauern einräumt.

Wenigstens einige dieser - europaweit teils einzigartigen - Technikschätze könnten in naher Zukunft vielleicht wieder der Öffentlichkeit zugänglich werden. Denn die alten Kamera-Werke, in denen die Technischen Sammlungen residieren, werden schrittweise von der Stadt saniert, ein größere Abschnitt ist gerade im Bau. Museumsdirektor Roland Schwarz schmiedet Pläne, eine größere Dauerausstellung über die Rechentechnik "Made in Saxony" zu etablieren - die Finanzierung dafür steht allerdings noch aus.

Weitere Infos und Video im Netz: computer-oiger.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.12.2012

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr