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Im Dresdner Kulturrathaus wird man in die Bildwelten des französischen Zeichners Joann Sfar entführt

Im Dresdner Kulturrathaus wird man in die Bildwelten des französischen Zeichners Joann Sfar entführt

Wir schreiben das Jahr 1959 n. Chr. Auf dem winzigen Balkon einer Sozialwohnung des kleinen Dorfes Bobigny in Gallien sitzen der Zeichner Albert Uderzo und sein Freund René Goscinny.

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Der französische Comiczeichner Joann Sfar greift mit seinen Luftmenschen auf eine im 19. Jahrhundert entstandene Metapher zurück.

Quelle: Dietrich Flechtner

Um fünf Uhr morgens trinken beide Pastis und überlegen sich - "denk, grübel grübel" - ein Thema für einen mehrteiligen Comic. Es ist die Geburtstunde von Asterix, einer Figur, die ähnlich wie Donald Duck, Lucky Luke oder Tom & Jerry im Gegensatz zu vielen anderen Dingen wirklich Weltkulturerbe ist. Asterix ist derzeit eine Ausstellung in der Nationalbibliothek in Paris gewidmet, eine andere, viel kleinere im Kunstfoyer des Dresdner Kulturrathauses mit dem Titel "Luftmenschen" zeigt nun bis zum 28. März Bildwelten des Comic-Zeichners Joann Sfar, auch er ein Franzose wie Uderzo.

Während in Deutschland die Comics weitgehend noch immer eine Sache für Kinder und Jugendliche, für Nerds und eine Handvoll versprengter Intellektueller wie Patrick Bahners (er beispielsweise widmet sich in seinem neuesten Buch "der ganzen Wahrheit über Entenhausen") sind, sind Comics in Frankreich und Belgien die Neunte Kunst, wie Michel Gribenski, Leiter des Institut français Dresden, bei der Eröffnung der Ausstellung nicht zu erwähnen vergaß. Von manchen deutschen Verlagen wird den Vorbehalten des Publikums damit begegnet, dass man Teile des Programms unter dem Signet "Graphic Novel" vermarktet.

Die Figuren in den reizvollen Bildwelten Sfars bewegen sich zwischen Algier und Odessa, zwischen Paris und Jerusalem. Das künstlerische Konzept des Zeichners wird von einer Figur in dem Comic "Die Katze des Rabbiners" auf den Punkt gebracht. Es lautet: "Es ist nicht meine Aufgabe, die Dinge so darzustellen, wie sie sind." Es geht Sfar also nicht um die detailgetreue Abbildung historischer Fakten und Ereignisse, sondern um die Stimmung einer Stadt, den Zauber einer Kultur, die Magie einer Zeit.

Die Katze des Rabbiners ist kein verfetteter Stubentiger, sondern ein geradezu räudiger Straßenkater, der gerne Bar-Mizwa feiern würde, schon mal über den Namen Gottes reflektiert, sich mit dem Rabbi über religiöse und philosophische (Grundsatz-)Fragen kabbelt. Alles eine Frage der Betrachtung. Der Rabbi kontert beispielsweise die Aufforderung eines Mannes, einen Blick auf die Seine zu werfen, mit der "Weisheit": "Die Armen, sie haben kein Meer." Und auch sonst tickt der Rabbi ein bisschen anders als andere Gelehrte: So lässt er sich, natürlich nur zur Prüfung Gottes, "das unkoscherste Essen der Welt servieren", wie einem Bild-Panel zu entnehmen ist. Es ist nicht zuletzt diese Geschichte, die Sfar den Ruf einbrachte, einer der innovativsten und interessanten Comiczeichner derzeit zu sein. Natürlich muss man den Witz mögen. An einem Satz wie "Odessa ist eine abscheuliche Stadt. Jeder weiß, wie grob man dort mit der russischen Sprache umgeht" dürften nicht nur Odessiten erst mal schwer schlucken.

Es waren nicht zuletzt die Bildwelten Marc Chagalls, die Einfluss auf den Comic-Kosmos Sfars hatten. Die Metapher des Luftmenschen, die Sfar aufgreift und in seine Bilder überführt, entstand im 19. Jahrhundert und umfasst viele Bedeutungen, wie der Kulturwissenschaftler und Ausstellungskurator Jonas Engelmann erklärt: "von der Selbstbeschreibung einer prekären ökonomischen Situation bis hin zum antisemitischen Vorwurf der Wurzellosigkeit". Immer ist da die Hoffnung, der Armut durch ein Wunder zu entkommen, ihr zu entschweben. Das Schweben, Nichtverwurzeltsein berge, so Engelmann, die Möglichkeit einer Unabhängigkeit von religiösen wie gesellschaftlichen Zwängen und die mindestens erzählerische Rettung der vom Nationalsozialismus zerstörten Lebenswelten durch ihre Überführung in den Comic. Das in der Realität zerstörte Schtetl wird ja nur in der Kunst errettet, aber zu hinterfragen wäre, ob unser heutiges Bild vom Schtetl nicht ziemlich idealisiert ist. Dort waren Armut, dort waren ultraorthodoxe Glaubensfanatiker. Wer immer die Möglichkeit hatte, flüchtete. Ins liberalere Warschau, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sprich Amerika, überzeugte Zionisten gingen sogar nach Palästina.

Manche von Sfars Comics sind bevölkert von Golems, Dibbuks und anderen Figuren der jüdischen Tradition. Wer da neugierig geworden ist, dem sei auch die Schau "Wurzellose Kosmopoliten" mit Comics "zu jüdischen Identitäten in Europa, USA und Israel von den Zwanziger Jahren bis heute" ein paar hundert Meter entfernt im Kunsthaus Dresden in der Rähnitzgasse 8 empfohlen. Sie zeigt bis 4. Mai anhand von rund 30 Comic-Bänden verschiedener Autoren das jüdische Europa vor der Shoah, aber auch die Spuren von jüdischen Einwanderern in den USA. Dass die Schöpfer vieler auch heute noch bekannter Comics Juden waren, spielte dort über Jahrzehnte hinweg kaum eine Rolle, was eigentlich als gutes Zeichen zu werten ist.

Der Action-Held Superman beispielsweise ist, was kaum einer weiß, eine jüdische Erfindung. Okay, um präzise zu sein, die Erfindung zweier Söhne jüdischer Einwanderer, die sich nicht über ihren Glauben definierten, sondern sich wie die meisten Comic-Künstler vor allem als Amerikaner begriffen: Jerry Siegel und Joe Shuster. 1938 ließen sie ihren Helden erstmalig in der Reihe "Action Comics" auftreten, und schon bald war er nicht nur im Einsatz gegen Mutanten, sondern auch die Nazis mussten sich - "krach", "wumm" - warm anziehen. Die Figur des grünhäutigen Berserkers "Hulk" wiederum trägt unverkennbar Züge des mystischen Golem, ja ein früher Hulk-Comic thematisiert diese Verwandtschaft sogar explizit.

Hingewiesen sei auch noch auf die bis 23. März laufende Schau "Dresden 5774" im Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde am Hasenberg 1. Hier wird in vier Comics von Elke R. Steinern von vier Dresdnern mit jüdischem Hintergrund erzählt. Sie ist ebenfalls Teil des vom Kunsthaus Dresden in Zusammenarbeit mit dem Institut français initiierten Projekts "Vot ken you mach?" über jüdische Identitäten in Europa heute.

Der Eintritt zu den Ausstellungen ist frei.

Am 24. und 25. Januar läuft in den Technischen Sammlungen jeweils 20 Uhr der 2011 von Joann Sfar gedrehte Film "Die Katze des Rabbiners".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.01.2014

Christian Ruf

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