Volltextsuche über das Angebot:

13 ° / 10 ° Regen

Navigation:
Google+
"Ikaros" - der dokumentarisch fiktive Theaterabend mit Suchtkranken im projekttheater

"Ikaros" - der dokumentarisch fiktive Theaterabend mit Suchtkranken im projekttheater

Auf der schwarzen Bühne stehen aus Pappe gefaltete Häuser. Vor der hinteren Wand ein Wald kahler Bäumchen. Zwischen Wald und Häusern, wie Schemen im Gegenlicht auszumachen, warten die Akteure.

Voriger Artikel
"Im Auftrag der Liebe" - Dieter Thomas Kuhn & Band spielen 2016 in Dresden
Nächster Artikel
Rund 20.000 Musiker 2016 zu Posaunentag in Dresden erwartet

Sechs ehemalige Drogenabhängige thematisieren im projekttheater ihre Sucht anhand des antiken Stoffes von Ikaros.

Quelle: Danielle Schönfeld

Eine Mitspielerin kommt durch Zuschauerraum und eröffnet das Spiel. Dann treten die Darsteller ins Licht, besser noch, dann geht im Verlauf dieses Theaterabends immer stärkeres Licht von den zwei jungen Frauen und den vier jungen Männern aus.

Immer wieder wenden sie sich an das Publikum, immer wieder beginnen sie mit den mehr einladenden als fordernden Worten, "stellt euch vor...", und in den Köpfen der Zuschauenden entstehen die Bilder dieses dokumentarisch- fiktiven Theaterabends. Die persönlichen Geschichten der Höhenflüge und Abstürze.

Wie Ikaros, der Sohn des Daidalos, sind sie dem tragischen Irrtum verfallen, der Leim, mit dem sie aus Federn sich Flügel zusammengeklebt haben, hielte den Strahlen der Sonne stand.

Schwingen aus Drogen führen zum unvermeidlichen Absturz

Die Darsteller tragen Rudimente der Flügel noch an ihren Kostümen. Wie wir in den Texten erfahren, hatten alle ihre Gründe, ihren Wünschen nach unbegrenzten Flügen in die vermeintliche Höhe der Freiheit über den Wolken zu folgen. Sei es, um persönlichen Abhängigkeiten zu entfliehen, Anerkennung zu erreichen, Beziehungen zu beenden, der Unerträglichkeit alltäglicher Vergeblichkeiten, die schon Abstürzen glichen, zu entkommen. Nur war der Stoff, der sie so hoch fliegen und so tief stürzen ließ, aus Gras, Alkohol, Crystal oder LSD.

Sechs drogenabhängige junge Menschen haben in diesem Theaterstück nach einem Konzept und in der Realisierung von Andreas Mihan eigene Erfahrungen mit denen anderer zu den jeweils individuellen Fluglinien ihrer Aufstiege und Abstürze geformt. Der Regisseur Ulrich Reinhardt hat mit ihnen daraus ein choreografisch komponiertes Spiel der Sprache entwickelt. In chorischen Szenen wird die Sage von Ikaros und der für ihn verwünschten, tödlichen Kunst mit den Schicksalen, von denen wir in den Monologszenen erfahren, verbunden und erhält so die Würde sprachlich verdichteter Dimensionen.

Fynn Schmidt und Jakob Münch zeichnen für Bühne und Kostüme verantwortlich und tragen mit der optischen Faszination ihrer Bilder zum Gelingen dieses persönlich und künstlerisch überzeugenden Projektes bei. Man wird nicht so schnell vergessen, wie die Darsteller einen kleinen Schalter bedienen und sanfte Lichter der Hoffnung ihre Häuser beleuchten, die sie kurz darauf zerfetzen werden.

Sie werden nach einer taumelnden Tanzszene die kahlen Bäume mit bunten Blüten aus Papier schmücken, und aus dem Bühnenhimmel wird kalter Schnee darauf fallen. Sie werden dem Protest des siebten Darstellers, den es gegen Ende nicht mehr auf seinem Sitz im Zuschauerraum hält und der dieses Theater in Frage stellt, stand halten, so wie sie am Ende neue, kleine Häuschen aus Pappe festhalten werden.

Dieses gefeierte Projekt, in dem auf sensible und angemessene Weise, mit hoher Achtung vor der Individualität seiner Protagonisten das Problem der Sucht behandelt wird, dessen Kern als Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft beschrieben wird, ist künstlerisch gesehen, vor allem auch im Zusammenhang mit seinem therapeutischen Ansatz, vielleicht doch ein Höhenflug.

Nächste Aufführungen: 17., 18.Juni, projekttheater www.projekttheater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.06.2015

Boris Gruhl

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr