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Ideenwettbewerb zur Wiederbelebung von Schloss Übigau

Ideenwettbewerb zur Wiederbelebung von Schloss Übigau

Schloss Übigau ist ein zweigeschossiger Barockbau mit großem Garten, der sich Richtung Elbe ausbreitet. Man kann über den Alberthafen in Richtung Innenstadt schauen oder auf den Kran einer Schiffswerft.

Ein seltsamer, schöner Ort ist das. Trotzdem verfällt er seit über 20 Jahren. Das denkmalgeschützte Gebäude kann man nicht nutzen, es ist von der Eigentümerin nur notdürftig repariert worden. Was kann man da machen? Der Dresdner Verein Jugend- & Kulturprojekt e.V. lud internationale Kulturkenner ein, die Ideen zur Wiederbelebung des Schlosses entwickeln sollten. Ab Sonnabend kann man im Kunsthaus Raskolnikow ansehen, was ihnen so eingefallen ist.

Die internationalen Teams frieren und wärmen sich ihre Hände an dampfenden Kaffeebechern. In Griechenland, der Türkei oder Neapel ist es jetzt viel angenehmer als im unbeheizten Saal des Schlosses Übigau, wo ein Dresdner Architekt gerade einen Vortrag zur Geschichte des Gebäudes hält. Doch die 25 Menschen aus sieben europäischen Ländern sind hier, weil sie sich austauschen wollen. 35 arbeiten insgesamt mit. Sie wollen Kultur erobern, auf Englisch, damit es alle Teilnehmer verstehen: "CaptureCulture - Vergessene Bauwerke" ist der Projektname. Gekommen sind junge Architekten, Historiker, Filmemacher und Fotografen. Sie haben schon in ihrer Heimat jeweils ein verlassenes Gebäude auserwählt, dem sie zu neuem Leben verhelfen wollen: In Hakkâri in der Türkei eine Kirche, in Zagreb eine Ölmühle, in Toulouse ein ehemaliges Gefängnis. Was daraus einmal werden kann, darf völlig grenzenlos diskutiert werden. Das italienische Team sah in einem alten Gebäude ein Planetarium. Wenn alles möglich ist, warum nicht auch der Blick ins Unendliche?

Der Dresdner Verein Jugend- & Kulturprojekt e.V. entwickelte dieses Projekt. Vereinsvorstand Stefan Kiehne hat es auf Onlineplattformen in ganz Europa ausgeschrieben, und Europa hat sich gemeldet. Junge Menschen sollten sich mit der Welt vernetzen, das ist seit der Gründung im Jahr 2004 die Idee des Vereins, was er mit Theaterprojekten, jährlichen Eisskulpturenausstellungen am Goldenen Reiter oder einem Feuerkunstfestival an der Elbe tut. Immer mit internationaler Besetzung, mit Workshops und auch mit europäischen Fördergeldern. "Wir haben für das CaptureCulture-Projekt ungefähr 25 000 Euro von ,Jugend für Europa: Programm JUGEND IN AKTION' und vom sächsischen Staatsministerium für Soziales - ,Wir für Sachsen' zur Verfügung gestellt bekommen", sagt Kiehne. "Die gehen zum größten Teil für Anreise, Unterkunft, Catering und die Ausstellung drauf."

23 Jahre alt ist der jüngste Teilnehmer, die meisten sind eher um die 30, und einer will sein Alter schon nicht mehr verraten. Sie sind studiert oder sogar promoviert, an Stadtentwicklung interessiert und projekterfahren. Nach zwei Tagen im Workshop wollen sie ein vorzeigbares Ergebnis präsentieren. Dafür filmen und fotografieren sie, was sie sehen. Sie fahren mit der Straßenbahn durch die Alt- und die Neustadt, durchs Industriegebiet oder laufen durch Übigau, ein Stadtteil Dresdens, der eine Art Grenze zwischen Stadt, Dorf und Ödnis zieht. Dass die Wahl auf das Schloss fiel, liegt an seiner wechselhaften Geschichte. Es war Anfang des 18. Jahrhunderts als Lustschloss für August den Starken erbaut, wurde zu Napoleons Zeiten geplündert und verfiel dann eine Weile vor sich hin. 1836 zog der Industrielle Andreas Schubert dort ein und entwickelte seine Dampflokomotive weiter. Um 1900 wurde das Schloss von der Dresdner Maschinengesellschaft und Schiffswerft AG übernommen, in der viele Übigauer Arbeit fanden. Zu DDR-Zeiten wurde es dann zum Verwaltungsgebäude der VEB Dampfkesselbau Übigau, die schmucklose Röhren-Deckenbeleuchtung zeugt heute noch davon. 1991 bis 1999 stand es herrenlos herum, dann kaufte es ein westdeutscher Zigarren- und Immobilienunternehmer, der aber nichts damit anstellte. Seine Gattin ließ nach seinem Tod im Jahr 2010 immerhin von Studenten der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden Konzepte für eine öffentliche Nutzung der Anlage vorschlagen. Die Ideen reichten von einem Schokoladenschlösschen über ein Rokoko-Zentrum, eine Tanz- und Musikschule, Ateliers für Künstler bis zur Büronutzung. Doch davon sieht man bisher nichts.

Am Sonnabend werden die sieben vergessenen Bauwerke des internationalen Projekts vorgestellt - in Fotos, Kurzfilmen und Texten. "Man kann sich vorstellen, dass Leute aus der Türkei anders auf ein Gebäude schauen, als Leute aus Neapel, Toulouse oder eben Dresden. Es geht um die Idee Europa", sagt Frederik Hartig. Er ist eigentlich Journalist und lebt in Holland, kümmert sich aber auch um die Öffentlichkeitsarbeit. "Wir machen jetzt die Ausstellung, die Zeitung schreibt darüber, so bleiben die Häuser in der öffentlichen Wahrnehmung. Deswegen werden sie noch nicht saniert, aber es ist ein kleiner Schritt dahin, dass sie wieder genutzt werden können." Auch der Architekt Jörg Möser aus dem Dresdner Team will das Schloss erwachen sehen. Er unterstützt den Förderverein Schloss Übigau für Kunst und Kultur e.V., der dafür sorgte, dass der Park geöffnet wurde und eine Gartenwirtschaft einzog. Nun ist wenigstens ein bisschen Leben da. Die Fenster sind nicht mehr vernagelt, das Dach ist vorläufig geflickt, und Olaf Schubert hat sein Fernsehwohnzimmer im großen Saal eingerichtet, in dem er einmal im Jahr ein paar Folgen "Olaf TV" abdreht. Da geht noch ein bisschen was in Sachen sinnvoller Nutzung.

Eine Bürgerinitiative setzte sich schon vor Jahren dafür ein und auf Konfrontation mit der aktuellen Eigentümerin, die in Heidelberg lebt und von den Bedingungen in Dresden nicht viel Ahnung haben dürfte. Möser hofft nun auf Kooperation zwischen allen Parteien. Er lobt das Denkmalamt, zumindest seinen guten Willen. Er findet auch, dass man das Haus nicht losgelöst von seiner Umgebung betrachten kann. "In der Nachbarschaft stehen eine alte Schiffswerft, einige Industriebauten und ein angrenzendes Wohngebiet, die müssen stadtplanerisch mitgedacht werden. Das Schloss wäre nur das Zentrum des Areals." Dieses Vorhaben schließt eine Beteiligung der Stadt Dresden als Finanzierungshelfer explizit mit ein. Das ist seine Vision. Deshalb haben sich all diese Menschen ja getroffen. Um zu spinnen und um Visionen zu teilen, die erst einmal nicht durch die Realität ausgebremst werden können. Die Umsetzung wäre ein nächster Schritt, der erst gegangen werden kann, wenn ihre Idee irgendwo Gehör findet.

Eröffnung der Ausstellung "CaptureCulture - Vergessene Bauwerke", Sonnabend, 20 Uhr, Kunsthaus Raskolnikow, bis 24.11. täglich 14-19 Uhr.

www.jkpev.de.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.11.2013

Juliane Hanka

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