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"Ich vermisse den Zweifel" - Konstantin Wecker über das Ende des Kapitalismus

"Ich vermisse den Zweifel" - Konstantin Wecker über das Ende des Kapitalismus

Erst die Banken- und Finanzkrise, dann die Aufstände der Völker in Afrika, nun die Eurokrise: Eigentlich bieten diese stürmischen Zeiten einem politischen Liedermacher wie Konstantin Wecker Themen ohne Ende.

Doch lieber widmet sich der 63-jährige Bayer seit einiger Zeit den ganz großen Gefühlen - wie auch in seinem aktuellen Programm "Wut und Zärtlichkeit", mit dem er am 2. November in Dresden gastiert. Im Interview mit Christoph Forsthoff beschreibt der Barde die politische Kraft der Liebe.

Frage: Gedankliche Anstöße sind in stürmischen Zeiten wie diesen eigentlich ebenso gefragt wie das politische Lied - doch stattdessen haben Sie sich in den letzten Jahren vor allem auf Lieder über die Liebe konzentriert, und auch in Ihrem aktuellen Programm "Wut und Zärtlichkeit" überwiegen die unpolitischen Lieder.

Konstantin Wecker: Die Liebe ist beileibe nicht unpolitisch - vor allem, wenn man sie von verschiedenen Seiten und aus ihren verschiedenen Dimensionen her betrachtet. Ja, vielleicht sind alle Lieder und Gedichte, die jemals geschrieben wurden, eigentlich Liebesgedichte: Denn selbst politische Gedichte sind doch aus einer liebevollen Sehnsucht nach einer besseren und gerechteren Welt entstanden.

Klingt nach einer sehr sanften, ja fast zu sanften Form der politischen Aussage.

Wenn wir jetzt eine politische Änderung brauchen, muss diese mit einem liebevolleren Umgang untereinander einhergehen und mit reiferen Menschen. Denn im Endeffekt sind die wirklich guten linken Ideen - und zuerst mal ist alles, was der Sozialismus und auch der Kommunismus von ihrer Grundidee her wollten, gut und anständig gewesen - daran gescheitert, dass die Menschen sich nicht im Griff hatten. Ich denke, für eine neue Politik bräuchte es auch eine neue Spiritualität: Ohne ein neues Bewusstsein wird es keine wirklich neue Politik geben.

Aber ist der Mensch dafür wirklich geschaffen? An die Stelle seines offenbar ganz natürlichen Egoismus' müsste ein altruistisches Gemeinschaftsdenken treten...

...ja, das wird seine Aufgabe sein. Dieses brutal egoistische Denken ist doch erst ein paar tausend Jahre alt - im Verhältnis zur Erd- und Menschheitsgeschichte keine wirklich lange Zeit. Das heißt doch aber nicht - was uns die Neoliberalen gern einreden möchten -, dass der Mensch des Menschen Wolf ist und daran nichts zu ändern wäre: Das ist alles eine Frage des Bewusstseins. Jeder, der mit Liebe Kinder aufwachsen sieht, wird feststellen, dass der Mensch zwar auch egoistische Züge hat, doch vom Grunde seines Herzens ein empathisches Wesen ist...

Liegt in dieser angestrebten Bewusstseinsänderung auch der Grund, dass Ihnen derzeit Lieder über die Liebe näher stehen als die klassischen politischen Lieder?

Ich glaube grundsätzlich an die Kraft von Liedern - allerdings ausschließlich bezogen auf den einzelnen Menschen, der sie hört. Natürlich würden wir, selbst wenn wir alle guten Lieder dieser Erde zusammenfassen und gebündelt auf die Welt losließen, immer noch nicht die Politik ändern. Doch vielleicht ändern wir dadurch die Politik, dass wir den Menschen die Möglichkeit geben, sich selbst zu begegnen. Und durch diese Selbstbegegnung im Einzelnen wird sich dann auch im Großen und Ganzen etwas verändern.

In Krisenzeiten, heißt es, habe die Kultur Hochkonjunktur - haben Sie das zuletzt auch gespürt?

Kommerziell gesehen nicht - aber dafür spüre ich etwas anderes, das mir eine große Freude macht (lacht): Viele Journalisten fragen mich plötzlich: "Sagen Sie mal, Herr Wecker, empfinden Sie jetzt eigentlich eine Schadenfreude, wenn Sie sehen, dass Sie mit Ihren Analysen in den letzten Jahrzehnten doch Recht gehabt haben?" Wo ich noch vor ein paar Jahren als ewig gestriger Linker verpönt wurde, da machen sich plötzlich andere Töne breit - und das finde ich interessant.

Und was antworten Sie dann?

Ja, ich empfinde eine richtig kleine Schadenfreude bei dem, was da passiert ist. Nicht, weil ich mir sage, ich hätte ja doch Recht gehabt, denn wer etwas so vehement vertritt wie ich, der muss auch glauben, dass er Recht hat. Aber ich finde es heilsam, wenn Leute in ihrem Hochmut gestürzt werden.

Doch keineswegs alle...

In der Tat müssen wir erleben, dass die gleichen Politiker, die uns vor Jahren noch in dieses Desaster hineinmanövriert haben, sich jetzt als Retter und schon wieder als ökonomische Fachleute aufspielen. Ich vermisse da eine Eigenschaft, die auch einem Politiker gut anstehen würde, nämlich zu sagen: Ja, ich habe mich geirrt, wir müssen da jetzt etwas anders machen. Ein Zweifel, ein kleiner Zweifel nur...

Bei einem Auftritt im vergangenen Jahr haben Sie angemerkt, Sie hätten nie gedacht, dass Sie das Ende des Kapitalismus noch erleben würden - nun scheint das mit dem Ende doch erst einmal nichts zu werden.

Der Kapitalismus muss zu Ende gehen oder die Welt geht zu Grunde. Es muss ein radikales Umdenken her und ein anderes System, das sich aus den Hirnen und Gedanken und dem Bewusstsein ganz vieler Menschen entwickelt: Ein Netzwerk vieler Menschen, die an neuen Dingen arbeiten. Der Kapitalismus hat sich genauso überholt wie das kommunistische System - der liegt in den letzten Zuckungen.

Aber vielleicht braucht der Mensch den Kapitalismus, da er sich am Ende doch gern im Wettkampf erproben möchte?

Das wollen uns die Verfechter des freien Marktes, des Neoliberalismus seit Jahrzehnten einreden: dass der Mensch den Wettbewerb braucht, den Kapitalismus mit all seinen Schweinereien. Aber das ist einfach Quatsch!

Immerhin hat der Kapitalismus vielen auch einen gewissen Wohlstand gebracht.

Kapitalismus kann den Menschen materiell nur kurzzeitig befriedigen, aber er ist kein Weg zum Glück. Für Milliarden ärmster Menschen sowieso nicht, doch auch noch nicht mal für diejenigen, die am meisten von dem System profitieren. Wir brauchen wieder Utopien von einer gerechten Gesellschaft. Daran sollten wir arbeiten, nicht daran, ein marodes System kurzfristig vor dem Untergang zu bewahren.

"Wut und Zärtlichkeit", 2.11., Alter Schlachthof, 20 Uhr, Karten ab 36,50 Euro unter Tel. 0351/ 86 66 00

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.10.2011

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