Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
Google+
"Ich knie nicht!" - "Verschwörung des Fiesko zu Genua" im Dresdner Schauspielhaus

"Ich knie nicht!" - "Verschwörung des Fiesko zu Genua" im Dresdner Schauspielhaus

Warum jetzt zu diesem Zeitpunkt, an diesem Ort dieses eher selten gespielte "Republikanische Trauerspiel" von Friedrich Schiller? Gibt es einen äußeren Anlass, "Die Verschwörung des Fiesko zu Genua" als eines seiner frühen Bühnenwerke am Staatsschauspiel Dresden herauszubringen? Darüber mag man auf dem Weg zur Premiere noch nachdenken, hat vage Vermutungen, kaum Erinnerungen, vielleicht aber Erwartungen.

Voriger Artikel
Gedenkkonzerte in Dresden mit der Philharmonie, der Staatskapelle und dem Kammerchor der Frauenkirche
Nächster Artikel
Medienkunst-Ausstellung im Festspielhaus Hellerau öffnet Blick für die Kultur Taiwans

Muley Hassan (Thomas Braungardt), der Mohr von Tunis, schleicht um Fiesko (Christian Erdmann), den Grafen von Lavagna.

Quelle: David Baltzer

Und weiß nach der Aufführung doch sehr genau, warum es einmal mehr lohnt, sich mit diesem "Trauerspiel" auseinanderzusetzen.

Dass Friedrich Schiller damit auch ein zeitloses Stück geglückt ist, haben schon viele herausgefunden. Nur bedingt interessiert ihn die umstrittene historische Gestalt des Fiesko. Vielmehr, und das ist auch noch in der "Strichfassung" des Textes am Staatsschauspiel Dresden zu erkennen, will er zeigen, was Mächtige und ebenso jene, die ihnen zu Diensten sind, umtreibt und antreibt. Wie verantwortlich sie mit der Macht umgehen. Und wie menschlich? Fiesko ist ein nur schwer durchschaubarer Charakter, sorgt selbst noch in der instrumentalisierten Liebe für ein Fiasko. Und erwägt jegliches unter nur einem einzigen Gesichtspunkt: ob es für ihn auch nützlich ist. Selbst der von ihm verschuldete Tod von Leonore bringt ihn nicht zur Besinnung, zum Einhalten. Weil er längst jedes Maß, jeden Skrupel verloren hat. Er ist nicht aufzuhalten in seinem Machtrausch, entledigt sich derer, die ihm behilflich waren beim Aufstieg. Und stirbt letztlich einsam. Wie, das muss man hier nicht zwingend beschreiben. Man sollte es sich im Theater selbst anschauen. Vielleicht auch auf die Gefahr hin, ab und an ein Stück weit enttäuscht zu sein.

Ist Fiesko nun ein Monster, ein Taugenichts, ein hartherziger Machtmensch? Christian Erdmann spielt den Grafen heutig, fast gelassen, mit Kalkül, aber ohne spürbare Bosheit agierend, ein launiger Spielball seiner selbst, der im Intrigengeflecht eher zufällig nach oben treibt. Er gewinnt und verliert im gleichen Atemzug. Und zuweilen ist man auch versucht, ihm zu glauben. Ein Wechselbad der Gefühle, mit Nähe und Distanz, Wärme und Kälte. Fiesko benutzt jeden in seinem Umkreis, um ihn ins Spinnennetz zu locken, zieht an den Fäden, wickelt ein, führt vor, wirft weg. Und im Moment, wo man gerade glauben mag, er sei bis ins Mark erschüttert, steigt er quasi aus der Rolle heraus und erläutert seine Vorgehensweise. Selbst dann, wenn Gloger diesen Mann mit Licht und Ortswechsel unmittelbar ins Publikum schickt, um daselbst Fragen des stets aktuellen, hier und jetzt öffentlichen Interesses anzusprechen, sollte man ihm einfach nicht trauen.

Zugegeben, die Art, wie Regisseur Jan Philipp Gloger mit unser aller Schiller umgeht, ist vielleicht nicht gerade ausgewogen und lässt auch zu, dass Sprache an Prägnanz verliert, Worte beim Publikum nicht ankommen. Gloger wie auch dem einfallsreichen Bühnenbildner Marc Bausback geht es deutlich um ein Erleben, das umfassend ist ebenso in Raum und Bewegung, wo das Publikum aufgestört wird, die Bühne bis in den Zuschauerraum hineingezogen ist.

Was die Frauen in diesem Stück betrifft, so sind sie wohl auch schon von Schiller weitgehend vernachlässigt worden in der "Verschwörung". Und es braucht überhaupt einige Zeit, bis er ihnen etwas mehr Eigenart und Handlungswillen zugesteht. In der überzeichnenden Lesart von Gloger hat Dorias Schwester Julia mit Karina Plachetka zunächst vollauf damit zu tun, sich mit verführerischer Körpersprache ins Spiel zu bringen. Und erst spät wird ihr auch eingeräumt, verletzlich zu sein, Charakter zu zeigen. Ebenso ist Fieskos Gemahlin Leonore (Ines Marie Westernströer) in dieser Inszenierung zu einseitig gezeichnet. Die Frauen erscheinen da fast wie ein Schema.

Es braucht schon Zeit, bis das Geschehen endlich kulminiert, die Intrige rundum gesponnen und der Wagen ins Rollen gebracht ist. Aber dieses Charakterisieren und Warten auf Entwicklungen hätte uns Gloger doch etwas differenzierter bieten sollen. Weil eben alles Verfremden und jegliches Überzeichnen nichts bringt, wenn dabei das Wesentliche und Charakterisierende verloren geht. Wirklich fein gesponnen ist die Inszenierung nur in Momenten, aber diese bleiben in Erinnerung. Und Gloger schafft auch Gratwanderungen, assoziiert, wie schnell Stimmungen umschlagen können, Pathos hohl, Macht vergänglich ist. Zuweilen unterfordert er die Zuschauer - das Geschehen zieht sich hin, besser noch, es schiebt uns weg. Und dann wieder fühlt man sich angesprochen, hat Bilder vor Augen, Worte im Ohr, wenn es um Ränkespiele, Demokratie, Diplomatie, Angst und Verunsicherung geht. Gloger jongliert geschickt mit bekannten Szenarien. Zum Beispiel dann, wenn er im Bunde mit Eva Martin (verantwortlich für Kostüm) Fiesko mit den Insignien des Herzogs spielen lässt und diese zur Patronenkette eines Kämpfers verwandelt.

Zum Schluss applaudiert das sehr aufmerksame Publikum weit mehr als nur freundlich. Und weiß über den Beifall für die Schauspieler hinaus auch ganz offensichtlich zu schätzen, dass das kein bloßes Schaustück ist, sondern ein ernsthaftes Nachdenken über menschliches Verhalten. Sämtlich Fragen, auf die es bekanntlich keine schlüssigen, keine verallgemeinernden und schon gar keine endgültigen Antworten gibt. Da ist man spürbar gefangen genommen von dieser Szene, in der Tom Quaas als eher zurückhaltend angelegter Verrina, der zu den Verschworenen gehört, von Fiesko dazu veranlasst wird, vor ihm niederzuknien. Er weigert sich: "Ich knie nicht. Ich habe hier nie gekniet." Und ist hin- und hergerissen, vom Geschehen im Innersten erschüttert, macht aber schließlich doch, was Fiesko ihm abverlangt. Aus gutem Grunde, wie später zu erfahren ist.

nächste Aufführungen: heute, 8. und 19.3.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.02.2015

Gabriele Gorgas

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr