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"Ich habe nie ein Lehrkonzept gehabt" - Dresdner Bühnenbildner Günther Hornig im Interview

"Ich habe nie ein Lehrkonzept gehabt" - Dresdner Bühnenbildner Günther Hornig im Interview

Die Idee zu dieser Serie von Künstlergesprächen entstand, nachdem die Dresdner Kunstakademie den Schriftsteller Volker Sielaff um einen Beitrag zu ihrem 250-jährigen Bestehen gebeten hatte.

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Günther Hornig studierte an der Dresdner Kunstakademie. Hier war er später selber als Dozent und Professor tätig.

Quelle: Galerie Läkemäker Berlin

Er wollte einige von denen, die als Künstler oder Lehrkräfte oder beides prägend für diesen Ort der Künste waren oder es bis heute sind, treffen und ihnen zuhören. Günther Hornig lehrte über zwei Jahrzehnte im Fach Bühnenbild der Dresdner Kunstakademie und war später Professor. In seinem eigenen Werk mischen sich informelle und konstruktive Stilmittel. Spätere Documenta-Teilnehmer wie zum Beispiel Jana Milev und Via Lewandowski waren seine Schüler.

Frage: Sie haben 1957-1962 an der Dresdner Kunstakademie studiert, waren vorher drei Jahre an den Theatern in Halle und Potsdam. Sie sind dann aber nicht auf direktem Wege zum Bühnenbild an die Güntzstraße gekommen?

Nein, meine Aufnahmeprüfung habe ich im Fach Malerei gemacht. Mit mir kam Klaus Weber aus Potsdam an die Schule, der aber gleich zum Bühnenbild ging. Da wir das Grundlagenstudium beide auf dem Brühl hatten, sind wir danach immer zusammen - durch Trümmerpfade, vorbei an zerstörten Häusern - zur Güntzstraße rübergelaufen. So blieb ich meistens in der Bühne hängen, weil dort meine Freunde waren. Es zog mich zu den kommunikativeren Bühnenleuten - die Maler sind ja eher Einzelgänger.

Wer waren Ihre Lehrer in dieser Zeit?

Das waren Erich Fraas, Hans Mroczinski, Gerhard Augst und Herbert Kunze.

Wie viele Studenten waren es?

Um die dreißig. Alle in einem Saal und alle Fachrichtungen zusammen. Wir hatten fast ausschließlich Aktzeichnen, dafür waren zwei Modelle da. Fraas, der schon ein älterer Herr war, begegneten wir Studenten mit großem Respekt.

Und die beiden anderen?

Waren oft auch mit im Saal. Und wissen Sie, das Interessante für mich war, dass die Herren sich unwissentlich manchmal gegenseitig korrigierten. Der eine hatte auf einer Zeichnung eine Korrektur gegeben, da kam der andere und verbesserte die Korrektur.

War die Ideologisierung dieser Zeit im Alltag der Studenten zu spüren?

Nun, Augst beispielsweise hatte so Bleistiftzeichnungen von Pieck, Grotewohl und anderen gemacht. Das brachten diese Leute dann als Hintergrund schon mit ein.

Spürten Sie diese Konflikte auch in sich selbst?

Ich hatte meine Schwierigkeiten mit den Lehrern dann schon. Meine Aktzeichnungen tendierten immer mehr zum Abstrakten, zu einer Auffassung der klaren Linien, und das merkte ich natürlich. Im 3. Studienjahr bin ich, seiner liberalen Auffassungen wegen, zu Professor Michaelis gewechselt.

Wer war noch an der Schule in dieser Zeit, wem sind Sie begegnet?

Da muss man unbedingt Hans Theo Richter nennen! Zudem waren Lea Grundig, Rudolf Bergander, Herbert Schmidt-Walter und Heinz Lohmar - letzterer für die Wandmalerei - als Lehrkräfte an der Schule. Lohmar war ja in Frankreich gewesen und hatte dort die Resistance unterstützt. Er hatte Picasso kennengelernt und sprach von ihm wie von einem Freund.

Lohmar hatte als Aspirant auch einen gewissen Gerhard Richter unter seinen Fittichen...

Ja, richtig. Und ich kann mir vorstellen, dass die beiden recht gut miteinander ausgekommen sind. Richter hatte sein Atelier an der Güntzstraße. Ich habe einmal angeklopft. Es war die Zeit, als er sich intensiv mit Picasso auseinandersetzte. Es steht ja jeder auf den Schultern von Vorgängern.

Wie ging bei Ihnen der Übergang von der figurativen zur abstrakten Malerei vonstatten, der für Ihre Biografie nicht ganz ohne Bedeutung ist?

Es beginnt oft damit, dass man an einem Punkt sagt: So geht es nicht. Dem gehen innere Kämpfe voraus, das ist klar. Ich hatte mein Diplombild in Prima-Malerei gemalt. Eine Baubrigade mit drei Figuren, die Steine karrten. Das Motiv traf auf helle Begeisterung. Aber dann habe ich das Bild mit einer Lasur übermalt. Also mit Fett gesättigt. Damit waren alle Schönheiten weg. Die pastosen Stellen waren verschwunden, aber für mich bedeutete das die Einsicht, dass Malerei etwas mit Materie zu tun hat! Aus Sicht des sozialistischen Realismus war ich damit allerdings ein hoffnungsloser Fall.

In den 80er Jahren waren Sie Dozent im Fachbereich Bühnenbild. Ihre Unterrichtsmethoden werden noch heute von Leuten, die bei Ihnen lernten, als sehr unkonventionell bezeichnet. Was haben Sie denn mit Ihren Studenten gemacht?

Ich verrate Ihnen mal ein Geheimnis: Ich habe nie ein Lehrkonzept gehabt, und es wurde auch nie eines von mir verlangt. Es ging mir um die lebendige Begegnung, den Austausch. Wir Lehrkräfte waren auch jeden Tag da, jeden Tag für unsere Studenten erreichbar. Wir waren zu dritt - neben mir Helmut Wagner und Klaus Briel - und wir haben die Abteilung 25 Jahre lang ohne größeren Streit zusammen geführt! Ich habe viel mit Interaktion gearbeitet. Wir haben im Unterricht mit Körper und Raum experimentiert, und später sind dann die Autoperforationsartisten Micha Brendel, Else Gabriel, Via Lewandowsky und Rainer Görß auf den Plan getreten und haben diese Tendenz kreativ und höchst künstlerisch erweitert.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.08.2014

Volker Sielaff

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