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"Ich brauche keinen Orgelstimmer" - Der Organist Cameron Carpenter gastiert bei den Dresdner Musikfestspielen

"Ich brauche keinen Orgelstimmer" - Der Organist Cameron Carpenter gastiert bei den Dresdner Musikfestspielen

Der Organist Cameron Carpenter bevorzugt Konzertsäle, am 8. Juni installiert er seine selbst entwickelte, digitale "Touring Organ" im Alten Schlachthof. Jakob Buhre sprach mit ihm.

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Cameron Carpenter

Quelle: Heiko Laschitzki

Frage: Haben Sie bereits in Dresden auf einer Orgelbank gesessen?

Cameron Carpenter: Nein, bisher war ich noch nicht in Dresden, daher weiß ich über die Orgeln der Stadt nur wenig. Ich bin mir aber der deutschen Orgeltradition bewusst und habe zum Beispiel in München verschiedene Kirchenorgeln gespielt. Im Orgelstudium lernt man auch vieles über die historischen Instrumente. Andererseits ist die historische Orgel für mich nur bis zu einem gewissen Grad interessant.

Eine Orgel mit vier Manualen wie in der Dresdner Kreuzkirche reizt Sie nicht?

Nun, im Vergleich zu Orgeln in den USA sind sie hier nicht besonders groß. Mich haben insbesondere Instrumente wie die in der Disney Hall in Los Angeles, in der Londoner Royal Albert Hall und in der Town Hall von Melbourne geprägt. Wobei ich sagen muss, dass mein Interesse immer zuerst der Musik und nicht dem Instrument galt.

Und die Kirchen-Atmosphäre, inwiefern waren Sie davon beeinflusst?

Nur insofern, als dass ich mich davon so schnell wie möglich entfernen wollte. Das ist keine Umgebung für mich. Ich habe ja bereits mehr als zwei Jahrzehnte allein auf einem Balkon verbracht, versteckt vor den Leuten und weit weg von all den anderen Musikern. Ich habe schon lange abgeschlossen mit dem Konzept der Orgel als einer Stimme Gottes und noch viel mehr mit einem Orgelbaukonzept, das so viel Feindschaft gegenüber dem Individuum ausdrückt.

Das müssen Sie erklären!

Schauen Sie sich doch die Kirchenorgeln an, bei welchem anderen Instrument trifft es zu, dass Sie den spielenden Musiker nicht sehen? Und welchen Grund gibt es dafür, außer die Unterordnung der Idee vom Individuum unter die Propaganda von Gott?

Den Organisten als Diener Gottes lehnen Sie ab...

Ich meinte gar nicht "Diener", sondern ich sehe den Organisten in der Kirche eher als Propagandaminister für die christliche Religion.

Ein geistliches Orgelwerk zu spielen, wäre demnach Propaganda?

Ja, deswegen wird es das bei mir auch kaum geben. Ich spiele ein breites Spektrum von Werken, in denen meine musikalische Persönlichkeit voll zum Ausdruck kommen kann. Sicher habe ich das komplette Orgelwerk Bachs gespielt, aber ich wäre zum Beispiel kein guter Interpret für seine Choralbearbeitungen, weil ich keine ideologische Verbindung dazu habe. Auch Olivier Messiaens Werke sind für mich aus diesem Grund nur begrenzt wichtig.

Sie konzentrieren sich seit vielen Jahren auf die Orgel als Konzertsaalinstrument...

Ja, ich habe dafür über eine Million Dollar ausgegeben und mich zehn Jahre damit beschäftigt, den Orgelbau hin zu etwas nie Dagewesenem zu entwickeln. Um ein Publikum für die Orgel zu gewinnen, das sich für dieses Instrument noch nie interessiert hat, um die Orgel buchstäblich zu den Leuten zu bringen.

Entstanden ist so Ihre mobile, digitale "Touring Organ", die aus dem Spieltisch und einer großen Batterie von Lautsprechern besteht. Welche Vorteile hat dieses Instrument für Sie?

Künstlerisch gesehen ist es für mich fast eine Art Lebensretter, wenn ich an die Energie-Effizienz denke. Ich kann jetzt nicht nur mehr, sondern auch viel besser spielen. Weil ich eine Orgel spiele, die viel klarer und präziser ist, die ein größeres Dynamikspektrum hat und mir viel mehr Optionen bietet. Bislang war für mich ein Konzert auf einer Orgel mit zwei Tagen Proben verbunden, an deren Ende ich erschöpft das Konzert gegeben habe, auf einem Instrument, das ich immer noch nicht richtig kannte. Heute muss ich mich nicht mehr auf die Technik konzentrieren, sondern kann mich komplett dem Werk widmen. Und ich brauche keinen Orgelstimmer.

In Ihre digitale Orgel wurden mittels Sample-Technik Klänge von verschiedenen Pfeifenorgeln integriert...

Ja, dazu gehören zum Beispiel Klänge von zwei der wichtigsten amerikanischen Kinoorgeln, sowie Instrumente von Ernest Martin Skinner aus dem Raum Boston, die als die besten Orgeln der USA gelten. Diese Klangästhetik ist in Europa kaum bekannt. Das heißt, Sie können nicht nur dem Publikum eine komplett neue Hörerfahrung bieten, sondern auch das Instrument internationalisieren, wie es keine herkömmliche Orgel kann.

Und das nur mit Ihnen am Spieltisch oder stellen Sie das Instrument auch anderen zu Verfügung?

Aufführungen und Aufnahmen mache nur ich damit. Es ist mein persönliches Instrument, aber ich wünschte mir, dass alle Organisten Zugang zu so einer Orgel haben. Wir haben bereits andere Organisten eingeladen, auf meiner Orgel zu spielen, u.a. Wayne Marshall aus England. Das ist für sie eine neue Erfahrung, dieses Instrument hat mehr zu geben, als jede andere Orgel in der Welt. Ich glaube auch, dass sich das Verhältnis zwischen Organist und Orgel verändern muss.

Inwiefern?

Damit die Orgel im 21. Jahrhundert eine starke Identität bekommt, muss sich die Institutionalisierung ändern. Das ändern wir, wenn wir Orgeln im privaten Besitz haben. Und damit es zahlreiche dieser Instrumente gibt, wäre zudem eine Diskussion interessant, wie man die digitale Orgel global standardisiert. Wie man in der Klavierwelt gesehen hat, kann eine Standardisierung, wie sie durch den Steinway D-Flügel erreicht wurde, sehr positive Auswirkungen für die Interpreten haben.

Müssen sich die traditionellen Orgelbauer jetzt Sorgen machen?

Die digitale Orgel ist glaube ich nicht deren größte Sorge. Eher ist es die Frage in Bezug auf herkömmliche Orgeln: Wie hält man an einem Produkt fest, dessen Kosten immer weiter steigen, das sich aber immer weniger verwenden lässt und das im 21. Jahrhundert immer weniger den kulturellen Ansprüchen gerecht wird, auch nicht mehr denen eines Gottesdienstes? Diese Frage stellt sich sowohl in den USA als auch in Europa.

Sie hatten früher Ballettunterricht und haben getanzt. Würden Sie das Organisten-Kollegen empfehlen?

Ich finde, jeder sollte Tanzunterricht nehmen. Tanz ist in der Tat wichtig, um Orgel zu spielen. Nicht unbedingt, weil man als Balletttänzer die Füße entsprechend bewegen kann. Sondern weil die Beschäftigung mit dem Körper physische Hemmungen abbaut. Man muss ja bedenken, dass die Kirche über Jahrhunderte den menschlichen Körper gehasst hat, genauso wie Sinnlichkeit und Sexualität. Deswegen hat man auch den Organisten versteckt, der sich expressiv während des Spiels bewegte. Tanz dagegen existiert nicht ohne den menschlichen Körper.

Konzert am Sonntag, 20.30 Uhr im Alten Schlachthof. Werke von Walton, Bach, Carpenter, Mozart, Dupré, Leonard Cohen u,a.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.06.2014

Jakob Buhre

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