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"Ich bin ein lebendes Metronom": Annett Louisan singt im Alten Schlachthof in Dresden

"Ich bin ein lebendes Metronom": Annett Louisan singt im Alten Schlachthof in Dresden

Was es so Neues gebe, wird Sängerin Annett Louisan immer wieder gefragt. "Alles außer Liebe", antwortete die 37-Jährige trotzig, weil man von ihr immer nur Liebeslieder erwartet.

Also wollte sie auch ihr jüngstes Album so nennen. Es ist inzwischen das sechste, das die Wahl-Hamburgerin innerhalb von zehn Jahren veröffentlicht. Sie hat es "Zu viel Information" genannt, weil sie ihren Vorsatz "Alles außer Liebe" dann doch nicht befolgt hat. Morgen tritt Annett Louisan im Alten Schlachthof auf. Sebastian Srb sprach mit ihr.

Frage: Mit "Stars" haben Sie ein Lied an den Anfang Ihres aktuelles Albums gesetzt, das kein schönes Bild von Ruhm und Popularität zeichnet ...

Annett Louisan: Ich würde sagen, dass es ein melancholisches Bild ist. Ruhm kann sehr tragisch enden - in der Vergangenheit war das auch oft der Fall. Und sicherlich hat er seine Schattenseiten mit dunklen Momenten, mit Traurigkeit, Misserfolg und Einsamkeit. Es gibt aber auch Licht, Glanz, Schönheit und Glücksgefühle. Diese Extreme wollte ich mit "Stars" beschreiben.

Ihre ersten fünf Alben erschienen innerhalb von sieben Jahren, nun ließen Sie drei Jahre verstreichen. Nahmen Sie sich Zeit, um Ihre Karriere zu reflektieren?

Ja, allerdings sehe ich nicht nur die drei Jahre Abstand, sondern die gesamten zehn Jahre meiner Karriere. Zehn Jahre, in denen ich Erfahrung auf der Bühne, aber auch dahinter in diesem Medien-Zirkus sammeln konnte. Ich wäre nicht die, die ich heute bin, hätte ich das nicht erlebt.

Was wäre denn aus Ihnen sonst geworden?

Ich kann das nicht genau sagen. Der Ruhm prägte mich natürlich sehr. Im Gegensatz zu früher nehme ich das inzwischen aber sehr viel mehr an: Ich bin die, die ich bin. Ich habe verschiedene Erfahrungen in dieser Branche gemacht. Es gibt Leute, die bodenständig geblieben sind und sich auf ihrer Suche nach einem Sinn für Schönheit und Kunst nicht haben beirren lassen. Ich lernte aber auch den Zwiespalt und Kampf zwischen Kunst und Kommerz kennen. Auch die Traurigkeit, die darin steckt. Zugleich habe ich noch immer eine wahnsinnige Angst, dass sich irgendwann mein Ego verselbstständigt, dass ich irgendwann nicht mehr ohne das Im-Mittelpunkt-Stehen sein kann.

Zehn Jahre sind in der Musikindustrie eine sehr lange Zeit ...

Ja, das stimmt. Ich bin jetzt 37, damals - 2004, als "Das Spiel" herauskam - war ich 26. In dieser Phase ist wahnsinnig viel passiert. Auf der einen Seite habe ich sehr viel gesehen und dazugelernt, auf der anderen Seite sind ein paar Dinge an mir total verkümmert. Und die versuche ich zu pflegen.

Was sind das für Dinge?

Ich versuche, nach meinen Tourneen ins ganz normale Leben einzutauchen und nicht im goldenen Käfig zu sitzen. Es gibt andere Leute, die leben dieses Popstar-Leben komplett, aber das verändert einen stark. Menschen behandeln einen anders, und man verhält sich anders in der Öffentlichkeit. Was ich aber am schlimmsten finde, ist, dass ich mit Fremden nicht mehr so offen und ehrlich sein kann. Ich unterhielt mich früher oft mit wildfremden Menschen. Das fehlt mir manchmal. Ich bin sehr froh, dass ich noch ein paar Freunde habe, die mich bereits vor dem Ruhm kannten.

Es gibt also noch diesen Konflikt zwischen öffentlicher Person und Privatperson bei Ihnen?

Ich würde sagen, Annett Louisan ist meine Schwester. Es steckt sehr viel von mir in ihr. Aber ich weiß, dass viele Menschen mich und die Sängerin Annett Louisan gleichsetzen. Dennoch: Ich war nie auf der Suche nach Öffentlichkeit, sondern wirklich nach Musik. Ich bin Sängerin und ich liebe das. Singen macht mich wahnsinnig glücklich, in vielen Momenten ist das auch so eine Art Meditation für mich. All das Drumherum, das musste ich erst lernen. Ich bin kein Typ für den roten Teppich. Aber ich liebe es, auf die Bühne zu gehen.

Im Vorfeld Ihres Albums sagten Sie: "Musik ist ein Filter, um die Realität zu verarbeiten". Wie verarbeiten Sie denn die Realität?

Wenn der Mensch in der Lage wäre, die Realität komplett aufzunehmen, bräuchten wir die Kunst wahrscheinlich gar nicht mehr. Diese Filter sind dennoch sehr wichtig, und jeder hat seine eigenen Kriterien, nach denen er das Erlebte verarbeitet. Mir fällt das leichter, meine Sicht auf die Dinge und Menschen durch die Musik zu beschreiben.

Sie waren in den vergangenen Jahren auch Synchronsprecherin für die Kinderserie "Der kleine Prinz" und Jury-Mitglied bei der KI.KA-Sendung "Dein Song". Hatten Sie genug vom Singen?

Ich muss mich immer selbst fordern. Wenn ich merke, dass ich unterfordert bin, dann entsteht eine Überforderung, so paradox sich das anhört. Über Weihnachten machte ich zum Beispiel meinen Tauchschein. Ich bin eigentlich ein sehr ängstlicher Mensch, und das muss ich ein wenig angehen und überwinden. Das versuche ich mit meinen Ausflügen wie etwa einem Hildegard-Knef-Abend, einer Brecht-Lesung oder auch diesen Synchronrollen. Ich brauche diese Herausforderungen.

Haben Sie weitere Ambitionen, vielleicht in Richtung Schauspielerei?

Ja, das interessiert mich sehr. Das ist aber auch ein Handwerk, das man können muss, und ich bin sehr selbstkritisch. Wenn mir die richtige Rolle und der richtige Regisseur über den Weg laufen, dann würde ich das nicht ablehnen. Im Grunde ist das, was ich auf der Bühne mache, etwas Verwandtes.

Was sollen die nächsten zehn Jahre bringen?

Die nächsten zehn Jahre in der Musikbranche werden sehr interessant werden. Ich bin mir sicher, dass sich mehr verändern wird als in den vergangenen 30 Jahren. Das werde ich mit Spannung beobachten. Ich persönlich möchte in zehn Jahren natürlich noch auf der Bühne stehen. Zumindest hoffe ich das ... (überlegt) Naja, in zehn Jahren werde ich es wissen. (lacht)

Annett Louisan am Freitag im Alten Schlachthof; ausverkauft; 17. Mai: Konzertplatz Weißer Hirsch; Tickets im VVK ab 39,50 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.05.2014

Sebastian Srb

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