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Ian Anderson lud im Dresdner Kulturpalast mit "Thick as a Brick" zum Nostalgietrip

Ian Anderson lud im Dresdner Kulturpalast mit "Thick as a Brick" zum Nostalgietrip

lang, lang ist's her und die CD war noch nicht erfunden - erschien in merry old England die Vinyl-Platte "Thick as a Brick", die Karikatur eines Konzeptalbums, das es wie so vieles andere in der DDR natürlich nicht zu kaufen gab.

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Ian Anderson und sein Markenzeichen, die Querflöte.

Quelle: Dietrich Flechtner

1972. Das Opus war wie eine Zeitung gestaltet, samt Nachrufen, Kleinanzeigen und einer Meldung, die in jenem Jahr die Runde gemacht hatte. Ihr zufolge hatte ein Zehnjähriger namens Gerald Bostock einen Dichterwettstreit gewonnen - und zwar mit seinem Gedicht "Thick as a Brick", einer launigen Ode über die Dummheit seiner Mitmenschen.

Die Presse hatte den Jüngling gefeiert als "Little Milton", nach John Milton, dem Hofpoeten Oliver Cromwells. Aber dann musste Little Bostock in psychiatrische Behandlung, wurde ihm der Preis aberkannt. Daraufhin habe er das angeblich anstößige Material an die Band geschickt, die daraus das Album mit seinem operettenhaftem Kunstrock strickte. Es wurde das erste, mit dem die Band Jethro Tull Platz 1 der Billboard-Charts erreichten, und es gilt bis heute als maßgebliches Manifest in der Rockgeschichte.

Und nun ist Gerald Bostock wieder da. Der ewige Kauz Ian Andersen, selbst mittlerweile 64 Jahre alt, hat den Faden weitergesponnen, hat Bostock in "Thick as a Brick 2" zurückkehren lassen. Und spielte mit musizierenden Jethro-Tull-Zeitarbeitern beide Alben im Kulturpalast. Der war ausverkauft, gefüllt mit vielen alten, aber auch nicht zu knapp jungen Käuzen. "TAAB2" sei keine Fortsetzung aufgrund des großen Erfolgs und mangels neuer Einfälle, sei nicht ,Rocky VII', ,Harry Potter VIII' oder ,Bat out of Hell IX'", hatte Anderson unlängst in einem Interview versichert, wobei es dem Gros der Fans egal sein dürfte, wenn dies doch der Fall wäre.

Dankbar ist man als Kritiker, dass ein verkleideter Anderson in einem eingestreuten Video den Saal wissen lässt, dass es "nicht Pop, sondern Progressive Art Rock" heißt. Es gibt viele Video-Schnipsel zu sehen, die nicht alle überzeugen, die den Sprung vom Gestern ins Heute aber offenkundig machen. Auf Fotos von GIs in Vietnam in den 1960ern folgen nach der Pause beispielsweise welche von US-Soldaten, die dem Postulat der Freiheit heute irgendwo zwischen Hindukusch und Euphrat zum Durchbruch verhelfen zu müssen glauben.

Es ist das gleiche Instrumentarium wie anno 1972: Viel akustische Gitarre, etwas E-Gitarre, eine fauchende Hammond-Orgel, die schon mal wie ein Cembalo klingt. Andersons musikalische Mitstreiter dürfen bei knappen Soli ihr Können zeigen, dazu hampelt Ryan O'Donnell über die Bühne. In der Hand ein Stöckchen, mit dem er gelegentlich fuchtelt, dass er schon fast wie ein britischer Drill Sergeant wirkt.

TAAB2 erzählt, wie es Gerald ergangen ist in den vergangenen 40 Jahren. "What-Ifs, Maybees, Might-Have-Beens" heißt ein Song. Ja, es häufen sich bei älteren Menschen eben die Momente, da er nicht mehr daran denkt, wer er ist. Sondern daran, wer er sein will und hätte werden können, wenn nicht ... Nicht zuletzt der Song "Banker Bets, Banker Wins" ("Der Banker wettet, der Banker gewinnt") macht klar, dass Andersons Alter Ego in der Gegenwart angekommen ist. Aus dem kleinen, dicklichen Pop-Gespenst Bostock ist ein staatlicher Investment-Banker geworden (kurzfristig jedenfalls), der bekommt, was diese Spezies nun mal anstrebt: fette Boni.

Das überrascht ein bisschen bei einer Band, die eben nicht auf Sozialkritik machte wie so manche Kollegen aus den Gründerjahren der Rockmusik. Sah Anderson sich nicht vorzugsweise in der Tradition mittelalterlicher Bänkelsänger? War er es nicht - ja, dieser Mann, der heute in Piratenmanier ein Kopftuch trägt -, der einst der Politik der eisernen Lady Margaret Thatcher viel Gutes abgewinnen konnte?

Auch Teil II spielt jedenfalls virtuos mit allen nur erdenklichen Stilistiken von Folk über Rock bis hin zum Jazz Fusion, steckt voller listiger (Selbst-)Zitate, die dem Zuhörer unweigerlich ein Déjà-vu bescheren. Aber die Stücke sind jetzt zahlreicher und knapper, weil die Zeiten komplizierter sind. 2012 weiß jeder, dass sein Leben von ihm selbst geprägt wird, aber auch vom Schicksal und den Umständen. Hier und da kommt auch zusammen, was sonst nicht zusammengehört: melodische Motive und psychedelisches Material. TAAB 2 erscheint komplexer, weil noch eine Spur verspielter.

Als Zugabe gab's noch den Song "Lokomotive Breath", was den Enthusiasmus der Fans endgültig in Rekordhöhen trieb.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 31.05.2012

Christian Ruf

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