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Hundertzwanzig Kilometer in neun Etappen – Spielbrett ist auf 31. Planwagentour gen Osterzgebirge

Ein Sommerregennachtstraum Hundertzwanzig Kilometer in neun Etappen – Spielbrett ist auf 31. Planwagentour gen Osterzgebirge

Drei Dekaden Planwagentouren haben die Spielbrettler um Chef und Regisseur Ulrich Schwarz in den Beinen, am Sonnabend startete die 31. Tour, die wie in der Regel aller drei Jahre hoch ins Osterzgebirge führt.

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Das Spiel im Spiel: Michael Thiele (eigentlich der Dachdecker, der Bäcker) betrauert als Julia ihren Romeo (den Bäcker, den Weber), gespielt von Steffen Roye.

Quelle: Andreas Herrmann

Hartha. Drei Dekaden Planwagentouren haben die Spielbrettler um Chef und Regisseur Ulrich Schwarz in den Beinen, am Sonnabend startete die 31. Tour, die wie in der Regel aller drei Jahre hoch ins Osterzgebirge führt. Seit 1986 gilt dabei jährlich: Rauf auf den Planwagen, der von Pillnitz startet, oder mit dem Rad hinterher, nur die Flexibelbleibenmüssenden reisen mit dem Auto zum Spielort. Dort wird aufgebaut, dann geworben, aufgetreten und genächtigt, gegeben wird immer Shakespeare, meist in hundert Minuten am Stück und gern mit bänkelnder Musikbegleitung, teilweise abenteuerlichem Gesang und steter Zwischenerzählung aufgepeppt.

Der Stachel der Subversivität, den die bunte, aufmüpfige Spaßtruppe zu DDR- wie Wendezeiten verströmte, ist heute der exotischen Anmutung von echtem Wandertheater gewichen – die melancholisch stimmende Beobachtung von abnehmender Bevölkerung, (auch behördlicher) Kulturbegeisterung und der aktuellen Touristenaffinität ist in der Sachsenschweiz weniger ausgeprägt als im alten Weißeritzkreis, der nach 27 Kilometern bei strahlender Sonne und gehöriger Wärme in Form der Waldbühne Hartha die erste Station für 22 Leute, darunter neun Spieler, stellte und nach dem Aufbau per Wetterumschwung den Start fast ins Wanken brachte.

Das wäre urst schade und auch ein wenig anachronistisch gewesen, denn der jüngste, also elfte Streich in alter Traditionslinie bringt „Ein Sommernachtstraum“ in einer neuen Version zu heiterem Gemüte, der als Landesbühnen-Freiluftversion zuvor 2006 auf der Felsenbühne Rathen zu sehen war und im Theaterhaus Rudi, der Spielbrett-Heimspielstätte, zwei Wochen zuvor Premiere feierte. Dabei geht es dem englischen Altmeister, vor vierhundert Jahren verblichen, um die schönste Hauptsache der Welt: den Leibes- und Liebestaumel in zwischengeschlechtlichen Problemzonen. Die Story um die stets leicht asymmetrischen Paarungsversuchungen der verwirrten Königskinder Hermia (Ireen Bernhard), Lysander (Michael Thiele), Helena (Melanie Wälisch) und Demetrius (René Jäger) ist allgegenwärtige Abendlandkultur – auch wenn währenddessen Elfenking Oberon (Matthias Loeper) noch seine Titania (Sarah Schlootz) von der selbst eingefädelten Liebe zum Handwerkeresel (Steffen Roye als Bäcker statt Zettel) erlösen muss. Nach allerlei Ereignissen in einer heißen Mittsommernacht würden heute zwar postnatale Gentests das wahre Geschehen rekonstruieren können, aber das Stück spielt zum Glück in anderen Zeitwelten und ist, da Jahrgang 1600, kein Dokudrama.

Schwarz inszeniert das in eigens entworfenen Kostümen mit erstaunlich üppiger Ausstattung (Bühnenbild: Romy Rexheuser). Dabei lässt er die Handwerker in Doppelrollen agieren, hat aber nur ein Quintett zur Verfügung und lässt – durchaus witzig – „Romeo und Julia“ statt „Pyramus und Thisbe“ spielen und gibt ihnen dafür neue Namen und teils andere Berufe, weil Kessel- und Blasebalgflicker heute sehr selten sind. Gut auch die Idee mit dem Barzentrum, hinter dem Keeperin Annette Bundy für rhythmische wie musikalische Untermalung sorgt und die Geschichte beisammen hält – und der übermotivierte Puck von Dorothee Ebert-Bientz. So gelingt die Dreifachhochzeit, denn auch König Theseus ehelicht seine sichtlich gelangweilte Amazone Hippolyta, die als Oberon und Titania zuvor im Tharandter Wald zu Athen herrschten.

So war der Harthaer Beifall, der kurz nach zehn nach einem abschließenden Hoftanz durch den Abend hallte, wohlverdient, auch wenn im Lauf der Tour alles noch ein Stück gestrafft gehört, was mit einigen Gesangnummern weniger recht einfach wäre.

Was Besucher auf jeden Fall wissen sollten: Förderungen oder gar Gage gibt es dafür keine. Im Gegenteil: Jeder der Reisenden hat im Voraus eine Verpflegungspauschale entrichtet – das herzblutreiche Bretterspiel ist und bleibt Amateurtheater auf recht hohem Niveau. Dabei haben Veranstalter kaum noch Geld, die nur halbwegs verrückte Compagnie einzuladen, die kleine Orte in bester Wandertheatermanier schon allein durch offensive Anwesenheit für zwanzig Stunden inklusive Anreise in Kutschpferd-Echtzeit und anschließende Aftershowfeier rundum bespaßen.

Schlimmer noch: In Tharandt, zu dem der Kurort Hartha seit einiger Zeit gehört, wurde man wie vor drei Jahren regelrecht veralbert. Viereinhalb Wochen vorm Tourstart wurde ein altes Gutachten aus der Tasche gezogen: Die Burgruine sei nicht bespielbar. Vor drei Jahren wich man noch in die darunterliegende Kuppelhalle, nun auf die Waldbühne Hartha aus, bei der man ohne Taschenlampe leicht am Mittelpunkt Sachsens statt am Parkplatz landen kann. Rund dreißig Besucher warteten den Regenstart ab und hielten fast zwei pausenlose Stunden durch, wobei auch der Regen nach der Hälfte ein Einsehen hatte, dass gegen solches Volkstheater kein Kraut gewachsen ist. Fast alle Profis hätten angesichts der Vorgeschichte kapituliert.

Schwarz ist echt sauer: Man werde sich den Weg hierher künftig sparen, auch weil die Gemeinde nichts zur Werbung für einen gelungenen Abend beiträgt – und nicht einmal einen Gesandten zur Interessenbekundung vorbeischickt. Zum Glück für die Zukunft der Osterzgebirgstour gäbe es Orte wie Lauenstein, wo es auf der Barocktreppe des Schlosses echte Heimspiele mit einhundert Fans, also dem Optimum, gibt.

Heute Abend wartet erstmal die Burgruine Frauenstein auf theatrale Erhitzung. Und bis zum Sonntag, wenn der geduldige Kutscher nach der Rückfahrt ausgezahlt und auf dessen Pferdehof die Abschlussparty steigt, liegen noch nette Stationen auf dem Weg: die Parkbühne Bärenfels, der Hüttenteich in Geising, die Barocktreppe Lauenstein oder auch der Kunsthof Maxen laden so doppelt zum Ausflug.

nächste Vorstellungen: Burgruine Frauenstein (26. Juli); Parkbühne Bärenfels (27. Juli); Hüttenteich Geising (28. Juli); Schloss Lauenstein (29. Juli); Kunsthof Maxen (30. Juli)

www.spielbrett.info

Von Andreas Herrmann

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