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Hubert Seipel präsentierte im Haus des Buches sein Buch über Wladimir Putin

Buchvorstellung Hubert Seipel präsentierte im Haus des Buches sein Buch über Wladimir Putin

Einer, der viel Verständnis für Putin aufbringt, ist der Journalist Hubert Seipel. Er hat ein Buch mit dem Titel "Putin. Innenansichten der Macht" verfasst, das er nun - präsentiert von den DNN - im Haus des Buches vorstellte.

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Putinversteher Hubert Seipel hat sein Buch vorgestellt.

Quelle: Hoffmann und Campe

Dresden. Laut einem Roman der Schriftstellerin Olga Grjasnowa ist der Russe einer, der Birken liebt. Swetlana Alexijewitsch, ebenfalls der Gilde der schreibenden Zunft angehörend und vor nicht allzu langer Zeit mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt, warf in einem Interview, das neulich in der FAZ unter dem Titel "Die Russen ertragen keine Freiheit" zu lesen war, den Russen vor, keine politische Kultur entwickelt und in die Sklaverei zurückgewollt zu haben. Und der 1949 in Moskau geborene, seit 1991 in den USA lebende Kulturhistoriker Michail Jampolsky wiederum warnte: Russlands Gesellschaft sei drauf und dran, eine Sklavenmoral zu entwickeln und sei von Ressentiment, Realitätsverlust und Erschöpfung geprägt.

Literaten, Journalisten, Historiker, Politologen, Bürgerrechtler - sie arbeiten sich an Putin ab, versuchen das System Putin zu analysieren und zu klären, was den Mann im Kreml antreibt. Manche versuchen auch, ihn zu verstehen - ungeachtet der Gefahr, dass der Putinversteher der Warmduscher des 21. Jahrhunderts ist, auch wenn es an sich durchaus erfreulich ist, dass die Warnung vor den Russen und dem "Reich des Bösen" aus der Mode gekommen ist (jedenfalls hierzulande, wo man entspannter ist, weil Polen oder die baltischen Länder als Pufferzone herhalten müssen).

Einer, der viel Verständnis für Putin aufbringt, ist der Journalist Hubert Seipel. Er hat ein Buch mit dem Titel "Putin. Innenansichten der Macht" verfasst, das er nun - präsentiert von den DNN - im Haus des Buches vorstellte. Einen Namen hat er sich mit Fernsehfilmen zu komplexen wirtschaftlichen und politischen Themen gemacht, zudem, weil 2012 die ARD seine viel beachtete Dokumentation "Ich, Putin" ausstrahlte, in der er auf eine "Dämonisierung des ,Systems Putin' verzichtete". Seipel wurden danach wieder und wieder weitere Gespräche gestattet, er durfte den Präsidenten auch auf diversen Reisen begleiten, außerdem einige weitere ausgewählte Akteure aus dem Umfeld Putins interviewen. Eine Erkenntnis: Der im Westen unter Generalverdacht stehende "Putin weiß um seine Wirkung - und er bedient sie gern", wie Seipel die Zuhörer wissen lässt.

Ein Grundproblem des Autors, der erklärtermaßen keine "Kremlogie" betreiben will: Er spricht kein Russisch, ist also ausgerechnet auf deutsche, amerikanische und sonstige westliche Quellen angewiesen, von denen er den einen Teil als einseitig verdammt, den anderen Teil dann doch nutzt - sofern diese Quellen mit dem eigenen Weltbild konform gehen. Störendes bleibt unerwähnt, so wird etwa von Seipel etwa unterschlagen, dass Putin auf einer Pressekonferenz anlässlich des 70. Jahrestages des Sieges über Hitler-Deutschland so frei war, den Hitler-Stalin-Pakt, der es dem NS-Regime überhaupt erst ermöglichte, zu diesem Termin den Zweiten Weltkrieg in Europa vom Zaun zu brechen, zu rechtfertigen und den Polen sogar vorwarf, sie seien selbst schuld an ihrer Aufteilung gewesen. Aber was ist schon diese Information gegen die Mitteilung, dass Pünktlichkeit keine große Stärke Putins ist.

Wirklich Neues hat Seipels Werk nicht zu bieten, das Gros der prägnanten Sätze hat Putin schon andernorts gesagt. Exklusiv-Informationen? Fehlanzeige. Da half wohl alle Nähe zur Macht nichts. Der Ex-KGB-Agent, der auf den guten alten Nationalismus setzt, um die Bevölkerung hinter sich zu scharen, lässt sich nicht in die Karten blicken.

Dass man über den Privatmenschen Putin nichts erfährt (außer dass er eine Sportskanone ist), geht in Ordnung, nicht aber, dass die Maidan-Bewegung in Kiew mit dem Vorwurf, da hätten auch Faschisten mitgemacht, zu diskreditieren versucht wird. Vielleicht sollte sich Seipel mal ein Beispiel an Karl Schlögel nehmen. Der Mann ist 66, emeritierter Professor, Spezialgebiet Osteuropa, und war so frei, sich einzugestehen: "Ich sah die Ukraine als einen Hinterhof Russlands. Das Land hat aber eine selbstständige Geschichte. Nun muss ich auf meine alten Tage nochmal in die Schule."

Ob den Umgang mit Homosexuellen oder das umstrittene Gesetz zur Registrierung von Nichtregierungsorganisation, die Geld aus dem Ausland bekommen und sich deshalb als "ausländische Agenten" anmelden müssen - Seipel betreibt Apologetik in Reinkultur.

Die Ängste der Russen, etwa in Bezug der Osterweiterung der NATO, nimmt er ernst, was statthaft ist, aber dass er die Ängste von Polen, Balten, Ukrainern vor dem seinem alten Imperium nachtrauernden Nachbarn regelrecht abtut, hat etwas von doppelter Messlatte. Apropos Imperium. Putin hat ja recht, dass der Konkurs der Sowjetunion vom eigenen Führungspersonal unprofessionell abgewickelt wurde. Aber der Zerfall der Sowjetunion ist nur aus imperialer Perspektive als die "geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts" zu erachten. Es gibt ein Selbstbestimmungsrecht der Völker. Zu fragen wäre etwa - was Seipel nicht tut -, ob Putin, nachdem er die Modernisierung und den sozialen Ausgleich verspielt hat, im 21. Jahrhundert eine hegemoniale Politik des 19. Jahrhunderts zu etablieren versucht.

Das Werk des Adolf-Grimme-Preisträgers Seipel wird trotzdem seine Leser finden. Wie erkannte doch Julian Hans in einer Rezension verschiedener Russland- und Putin-Bücher: "Russland- Kitsch und Verständnis für autoritäre Herrscher locken in Deutschland mehr Leser als tief gehende Analysen."

Aber natürlich kann man es drehen und wenden, wie man will. Um die Schlächter vom Islamischen Staat auch nur halbwegs wirksam zu bekämpfen, wird der Westen nicht umhin können, mit dem gestern noch als "Buhmann" dastehenden Putin zu reden, ja zu paktieren. Und damit mit Assad, denn der "Pragmatiker" (Seipel) Putin stützt den Diktator. Syrienfrage? "Der Joker ist Assad, Assad, Assad", versichert Seipel.

Hubert Seipel: Putin. Innenansichten der Macht. Hoffmann und Campe Verlag , 365 Seiten, 22 Euro

christian ruf

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