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Holger John holt nun die Malerfürsten und demnächst "entartete Kunst" nach Dresden

Holger John holt nun die Malerfürsten und demnächst "entartete Kunst" nach Dresden

Um Ideen war er noch nie verlegen, und wenn etwas zündet, setzt er es gern mit enormer Energie in die Öffentlichkeit. Holger John, das Gesamtkunstwerk - der 1960 geborene Künstler agiert u.

a. als Zeichner, Grafiker und Impresario -, es erfindet sich gerade mal wieder neu. Der einstige Assistent von Jörg Immendorff und inszenatorischer Begleiter der Band Rammstein hat dazu quasi die Seiten gewechselt und vertritt namhafte Künstlerkollegen nun auch als Galerist. Vor der heutigen Ausstellungseröffnung sprachen wir mit dem vielseitigen Macher über die nächsten Projekte.

Frage: Ein Künstler, der sich für seine Kollegen öffnet, wie kommt es?

Holger John: Ich bin nicht der klassische Galerist, das ist jetzt wie ein neues Kostüm für mich. Ich trage ja einen riesigen Schrank voller Kostüme mit mir herum.

Natürlich kommt man nun erst einmal in die Bredouille, dass keine Zeit mehr zum eigenen Zeichnen bleibt. Aber das kann sich ja wieder ändern. Zu Anfang muss der Wirt immer am Tresen stehen. Als Galerist ist das nicht anders. Holger John ist nun zur Marke geworden.

Heute wird bereits die dritte Ausstellung eröffnet, wie lief die Startphase der Galerie?

Ich hab mich erstmal selbst ausgestellt und zur Langen Nacht der Galerien im Barockviertel eine Auswahl meiner "Mondmädchen" gezeigt, das war der Einstand. Und dann habe ich ein Konzept vorgestellt, das den Vermieter langfristig überzeugte. Die erste Schau als Galerist - ich sage gerne auch Freiläufer dazu - gab es mit dem Sänger Till Lindemann, der hier erstmals als bildender Künstler und Poet aufgetreten ist. Man kennt ihn als Frontmann der Gruppe Rammstein, hier war er als sehr ernsthafter Künstlerkollege zu Gast, das macht einfach Spaß. Als Widerspruch in sich haben wir gleich eine Doppelausstellung daraus gemacht und neben seinen Texten und meinen Entwürfen für die Präsentation der 2011er Best-Of-CD von Rammstein zusätzlich Zeichnungen des Fotografen Matthias Matthies gezeigt. Ein haptisches Ereignis!

Erstaunlich war, wie gut das ankam. Der belesene Professor, der zufällige Tourist, der Musikfan, der nie zuvor eine Galerie besucht hat, die geben sich die Klinke in die Hand! Zwei Leute sind angeblich sogar extra aus Moskau hergeflogen, haben sich hier umgeschaut und sind wieder zurück!

So etwas kann man nicht nebenher machen, das braucht eine hohe Sensibilität und unglaubliche Konzentration. Auf einmal ist das alles Kulturpolitik und vielleicht sogar noch mehr. Da werden Botschaften aus dem Dresdner Barockviertel gesendet!

Botschaften brauchen Kontinuität, wie soll es weitergehen?

Da man in Dresden ja sehr auf Titel und Orden steht, hab ich mir gedacht, ich nehme die großen Vorbilder, die Götter der Nation. Also die bekanntesten der deutschen Malerfürsten: Jörg Immendorff, Markus Lüpertz, A.R. Penck, Georg Baselitz und natürlich Gerhard Richter, alle mit Dresden-Bezug. Die präsentieren wir hier geschlossen mit teils sehr frühen und wertvollen Arbeiten. Nicht alle sind verkäuflich, einige stammen aus Privatsammlungen. Jedes Museum wird da nach Luft schnappen, nehme ich an.

Diese Ausstellung wird sehr farbig und großformatig sein. Grafik von Penck etwa, zwei Meter achtzig hoch. Erstauflagen, Sammlerstücke, die Kerze von Gerhard Richter. Wenn man eine Galerie im Barockviertel aufmacht, muss man sich erstmal mit den Fürsten auseinandersetzen, den Malerfürsten. Immerhin schaut man jetzt selbst viel härter und kritischer, also weniger emotional auf die Galeristenszene und auf die eigene Arbeit, man fragt sich, ob das Substanz hat, was ringsum angeboten wird und sich letztendlich ja auch verkaufen soll.

Worte wie Hinkriegen und Aber und Problem, die haben wir gestrichen. Hier wird nichts halbherzig unternommen, es geht da ja auch um Verantwortung. Ich bin theoretisch auf Jahre ausgebucht, denn es gibt sehr viele interessante Künstler, die ein Podium suchen. Und die Räume hier sind wirklich sehr einladend.

Trotzdem soll es nun erst einmal um die Kunst vergangener Generationen gehen?

Ja, ohne da auf den Wagen zu springen und das zu machen, was andere Galerien auch machen, wird es immer donnerstags unsere Ausstellungseröffnungen geben. Und ein nächster Donnerstag ist der 13. Februar. Dann zeige ich "Entartete Kunst", man kommt da nicht drumrum. Arbeiten von Käthe Kollwitz, Otto Dix, Oskar Kokoschka, von Ernst Barlach werden zu sehen sein. Wenn man weiß, dass in Dresden "Entartete Kunst" sehr hörig und schnell schon 1933 behandelt wurde und der böse Bube in München das sächsische Vorbild für die Ausstellung 1937 gesehen hat, dann ist das natürlich ein Finger in die Wunde, da muss man ran. Man muss sich damit auseinandersetzen!

Das klingt ziemlich unversöhnlich?

Dresden ist ein schönes Tal, habe ich mal gesagt, eine große kuschelige Tupperdose. Wenn man den Deckel öffnet, muffelt es. Dummerweise wurde das in einer großen Zeitung zitiert, danach hatte ich hier viele Freunde. Diese Langsamkeit, die Selbstverliebtheit, das fordert einen zu Höchstleistungen. Auf der anderen Seite ist hier ein sehr treues Publikum. Da kann man ruhig mal was tun.

Vernissage heute, 19 Uhr; bis 10. Februar, Galerie Holger John, Rähnitzgasse 17, geöffnet täglich 14-19 Uhr

www.galerie-holgerjohn.com

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.01.2014

Michael Ernst

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