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"Hoffnungslos altmodische Handwerklichkeit" - Städtische Galerie Dresden zeigt Werke von Theodor Rosenhauer und Werner Stötzer

"Hoffnungslos altmodische Handwerklichkeit" - Städtische Galerie Dresden zeigt Werke von Theodor Rosenhauer und Werner Stötzer

Die Städtische Galerie Dresden setzt mit ihrer neuesten Ausstellung die Reihe von Retrospektiven zu Künstlern des 20. Jahrhunderts fort. Diesmal handelt es sich um Theodor Rosenhauer und Werner Stötzer, einen Maler und einen Bildhauer, deren Werke in einer konzentrierten, eher sparsamen Auswahl in den Dialog treten sollen.

Zwischen beiden liegt mehr als eine Generation, und doch haben sie manches gemeinsam, wie Kuratorin Carolin Quermann herausfand. Traumatische Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg seien mehr als nur ein äußeres Merkmal, meint die Kunstwissenschaftlerin, denn diese hätten nicht nur Spuren im Werk hinterlassen, sondern es geradezu ganz entscheidend geprägt.

Allerdings ist der Vergleich ein wenig schräg, wenn man ihn an den Erlebnissen im jugendlichen Alter festmacht. Ja, Rosenhauer hatte den Ersten Weltkrieg als Jugendlicher erlebt, war aber nach Revolution und Weimarer Republik von den Nazis 1940 in ein Polizei-Wachbataillon eingezogen und ins polnische Radom geschickt worden - ein Schicksal, bei dem man auch an Erwin Strittmatter denken mag. Als er als heimkehrte, stand er vor einem ausgebrannten Atelier und sah den größten Teil seines Lebenswerks vernichtet. Aber Rosenhauer stand voll und ganz dazu, wie seine - ihn selbst nie ganz befriedigenden Versuche zeigen, Repliken verlorener Bilder herzustellen.

Stötzer dagegen war ein begeisterter Hitlerjunge gewesen, der durch den Krieg seinen Vater verlor, bei dem eigenes Umdenken und allgemeiner Neubeginn zusammenfielen und dem es auch gegeben war, über das Erlebte zu sprechen. Mit Dresden hatte der gebürtige Sonneberger insofern zu tun, als dass er nach Auflösung der Abteilung Bildende Kunst an der Hochschule für Baukunst in Weimar sein Studium in Dresden fortsetzte und danach noch einige Zeit Assistent bei Walter Arnold blieb, aber schon Mitte der 50er Jahre seinen Lebensmittelpunkt nach Berlin und später nach Seelow verlegte. Während Rosenhauer als Exponent, aber auch Original der Dresdner Malschule galt, aber bis ins hohe Alter auf allgemeine Anerkennung warten musste und Zeit seines Lebens ein bescheidenes Nischendasein führte, erlangte Stötzer bald auch hohe gesellschaftliche Akzeptanz und kam in den Genuss entsprechender Privilegien.

Anregende Anachronismen

Mit der Bedeutung der Kunst hat das freilich wenig zu tun, und so kann man das Zusammenführen zweier aus dem öffentlichen Blickwinkel so unterschiedlicher Charakter durchaus zu den anregenden Anachronismen zählen, die den Reiz der Ausstellung ausmachen. "Ich bin ein hoffnungslos altmodischer Handwerker", muss Stötzer einmal gesagt haben, denn dieses Zitat ist Titel eines Kunstgesprächs mit Astrid Nielsen, zu dem die Galerie am 30. November einlädt. Die gleiche geduldige Gründlichkeit, in der Stötzer mittels einfachster Werkzeuge die Form aus den rohen Steinblöcken gewann, zeichnete Rosenhauer aus, als er Schicht um Schicht seine schlichten Farben auf den Malgrund spachtelte wie ein intuitives Bestimmen im Unbestimmten, als Prozess einer Annäherung, der den letzten Schluss immer dem Betrachter überlässt - eine Malweise, die zwar rein optisch Anleihe beim Impressionismus nimmt, aber statt der Auflösung ins Immaterielle dem Bild eine energische, wie greifbare und dabei verletzliche stoffliche Substanz verleiht.

Die wesentliche Übereinstimmung zwischen den beiden Künstlern liege in der Idee des Reliefs, meint Carolin Quermann, also doppeldeutig in einer zurückgenommenen Dreidimensionalität, die die beschriebenen Volumina durch eine vielfach gebrochene Bildhaut bzw. Oberfläche behauptet und gleichzeitig zurückzieht in eine Intimität, die abgeschirmt, aber doch nicht hermetisch ist und in der man sich, wenn man sich einmal darauf einlässt, auf elementare Erfahrungen, Grundwerte der Existenz zurückgeworfen sieht. Mit der oft nur vordergründigen Attraktivität aus raschem Temperament entstandener neuer Kunst hat das nichts zu tun, dafür mit einer Wertbeständigkeit, die über alles Spekulative erhaben ist.

Die Spannweite der Sujets bei Rosenhauer ist nicht allzu groß, bekannt bis berühmt sind seine Stillleben, vor allem die mit den krustigen braunen Broten in vielerlei Formen, Porträts, Stadtlandschaften und einige besondere Szenen, die vom ersten Tage an wie aus einer vergangenen Welt und doch wie unveränderlich dastehen: der alte Bienenvater vor seinem Wagen, die dampfende Elbfähre mit der gerade von Bord gehenden Familie, die sich aber wie zu einem ewig währenden Gruppenbild aufgestellt hat. Rein thematisch wollen da eine Auschwitz-Gruppe aus rotem Porphyr oder eine allegorische Bronze zur Werra, Stötzers Heimatfluss nicht recht dazu passen, eher noch die wirklich nur als Relief gearbeitete Große Liegende als Requiem für den früh verstorbenen Johannes Bobrowski, aber das Elementare, das Unausweichliche, waltet auch hier, auch wenn es sich nicht mit solch fast skurrilem Starrsinn behauptet wie bei Rosenhauer, des wahrhafte Noblesse alles im alltäglichen Sinn Wertvolle und Kostbare ausschloss zugunsten des althergebracht Notwendigen in aller Bescheidenheit, die sich allerdings auch mit Trauer und stummer Anklage mischt, wenn man das "Kind auf gelbem Stuhl" betrachtet oder den "Jungen im Mantel" auf dem frühesten Bild der Ausstellung (1935). Mit dem unschuldigen Leiden sind wir freilich wieder nahe bei Stötzer, der nur die Zusammenhänge manchmal deutlicher anklingen lässt, während Rosenhauers stille Bescheidenheit auf den ersten Blick sich mit den Gegebenheiten abzufinden scheint.

Insofern kann man die sieben Arbeiten von Stötzer, die wohl bewusst einen begrenzten Ausschnitt aus dem Werk repräsentieren, auch als Katalysatoren sehen, die helfen, das Werk Rosenhauers besser zu begreifen.

Atmosphärisch dient dem ein kräftig orangeroter Anstrich der Wände, dessen Ton allerdings etwas erdiger dem Maler angemessener wäre. 27 Bilder hat die Kuratorin ausgesucht, durchweg Hauptwerke, wie sie versichert. Darunter sind sechs der acht Bilder der Städtischen Galerie vertreten, die Galerie Neue Meister verlieh zwei ihrer 13 Bilder. Der Rest stammt vorwiegend aus ostdeutschen Museen (Nationalgalerie Berlin, Schwerin, Rostock) und dem großen Nachlass. Über dessen Schicksal muss nun neu entschieden werden, nachdem Rosenhauers Sohn Stefan Bongers-Rosenhauer, der noch schwerkrank alles Erdenkliche zum Gelingen der Ausstellung beigetragen hat, im September verstorben ist.

Auch hier kann man von einer Konzentration auf das Existenzielle sprechen, das der Auswahl das Motto gibt. Der von Quermann und Galeriedirektor Gisbert Porstmann herausgegebene Katalog geht allerdings (in der Bildauswahl zum Teil verwirrend) darüber hinaus und versammelt hochinteressante Betrachtungen sowie Erinnerungen an die beiden Künstler.

bis 27. Januar, Städtische Galerie Dresden, Di-So 10 bis 18 bzw. Fr bis 19 Uhr

"Ich bin ein hoffnungslos altmodischer Handwerker" - der Bildhauer Werner Stötzer. Kunstgespräch, 30.11., 16.30 Uhr

Führungen am 16. und 23. 11., jeweils 16.30 Uhr

"Der nackte Mann auf dem Sportplatz", am 28.11., 19 Uhr, Filmvorführung mit anschließender Diskussion mit dem Regisseur Wolfgang Kohlhaase

frame II - Musik zu Theodor Rosenhauer und Werner Stötzer, Kompositionen von Fausto Romitelli, Tobias Eduard Schick, Katharina Vogt und Ansgar Beste. Konzert am 7.12., 19 Uhr

Das Brot im christlichen Kontext. Theologische Reflexionen zu Bildern von Theodor Rosenhauer - Kunstgespräch am 11.1., 16.30 Uhr

Zeit ist Gnade. Meine Begegnung mit Theodor Rosenhauer - ein Abend mit Uwe Steimle am 23.1., 19 Uhr

Reservierung Tel. 0351/488-7373.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 03.11.2012

Tomas Petzold

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