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Hochschulstandort Sachsen - Die "Ersatzprofessoren" wehren sich an der Musikhochschule Dresden

Hochschulstandort Sachsen - Die "Ersatzprofessoren" wehren sich an der Musikhochschule Dresden

Der DNN-Artikel vom Donnerstag über das neue akademische Prekariat wirkte wie eine Einstimmung auf die Diskussion am gleichen Abend in der Dresdner Musikhochschule.

Unterhalb des finalen Parkplatzes einer Professur erodiert der akademische Mittelbau. Selber schuld, wer sich als Wissenschaftler über kurzfristige Drittmittelstellen durchschlagen will, anstatt gleich in die Industrie zu gehen. Musiker haben diese Wahl nur selten. Orchesterstellen werden weiter abgebaut, aktuell auch wieder in Sachsen, und Musikschulen müssen in ihrer Geldnot feste Stellen zunehmend durch Honorarkräfte ersetzen. Das gleiche Muster wie an Universitäten und eben auch an Musikhochschulen. Nach dem Motto "Friss oder stirb" bleibt für talentierte und gut ausgebildete Musikprofis oft nur die Möglichkeit, sich als Lehrbeauftragte möglichst an mehreren Hochschulen zu ernähren.

Ganze 7000 Euro brutto im Jahr

"Das ist das Gegenteil von dem, was einmal gemeint war", stellte der Grünen-Hochschulexperte Karl-Heinz Gerstenberg fest. Ursprünglich erhielten gestandene Profis aus Spitzenorchestern oder profilierte Pop-Musiker nebenbei einen Lehrauftrag, um ihre besondere Praxiserfahrung und "etwas Farbe" in die Lehre einzubringen. Inzwischen leisten sie in Dresden die Hälfte des Lehrbetriebs, in Rostock beispielsweise fast drei Viertel. Und kosten dabei nur etwa ein Viertel einer festen Professorenstelle. Rektor Prof. Ekkehard Klemm rechnete selbst vor: Bei einer schon optimistisch angenommenen Entlohnung von 25 Euro die Stunde und der maximal erlaubten halben Semesterwochenstundenzahl einer Vollprofessur "verdient" ein Lehrbeauftragter ganze 7 000 Euro brutto im Jahr.

Für Künstler ungewohnt entschlossen haben sich deshalb die Lehrbeauftragen an Musikhochschulen im Januar dieses Jahres in einer Bundeskonferenz organisiert. Ihre "Frankfurter Resolution" verlangt vergleichbare Entlohnung für vergleichbare Arbeit, minimale Sicherheiten wie Versicherungs-, Mutter- oder Kündigungsschutz und eine Vertretung in den Hochschulgremien. Letzteres ist in Dresden schon der Fall, wo es eine sehr aktive Lehrbeauftragtenvertretung gibt.

Rektor Klemm saß auf dem Podium unverschuldet zwischen Baum und Borke. Sympathie für die Kollegen einerseits, andererseits vom Kunstministerium unter den Zwang gestellt, die Kürzung des Lehrbeauftragten-Etats um ein Drittel auf 800 000 Euro verkraften zu müssen. "Das System ist uns unter dem Finanzdruck entglitten", räumte er ein. Höhere Honorare aber hätten schlichtweg weniger Studenten und weniger Studieninhalte zur Folge. Klemm stellte klar, dass er angesichts weiter steigender Bewerberzahlen nicht an eine weitere Limitierung der Studienanfängerzahlen und an Einschränkungen denke.

Frage, ob das Land Kunsthochschulen will oder nicht

In der überfüllten Aula am Wettiner Platz blieb am Ende nicht mehr als die Genugtuung, das Dilemma öffentlich benannt zu haben. Prof. Friedemann Immer als Sprecher der Bundeskonferenz vermochte mit Beispielen aus Nordrhein-Westfalen etwas Trost zu verbreiten, dass auf politischem Wege trotz schlechter Haushaltlage bessere Bedingungen erreicht werden können. Da geben sich für Sachsen sowohl der Rektor als auch die ehemalige Kunstministerin Eva-Maria Stange, jetzt für die SPD im Landtag, keinen Illusionen hin. Frau Stange setzt eher auf den Umstand, dass die Hochschulen die Vergütung und die Verträge mit den Lehrbeauftragten direkt aushandeln, um mögliche Reserven zu erschließen. "Wir brauchen außerdem eine klare Antwort, ob sich das Land die Kunsthochschulen leisten will oder nicht", verwies sie auf die dann auch erforderliche Qualitätssicherung.

Von den Vertretern der beiden regierungstragenden Fraktionen CDU und FDP kam nur der schwache Hinweis, welche Vorzüge ein schuldenfreier Haushalt dem Land doch insgesamt brächte. Was sie nicht sagten, vielleicht auch selbst noch nicht wussten, was aber die Honorardiskussion erübrigt hätte: Für die ab Jahresbeginn anstehenden Entwürfe für den Doppelhaushalt 2013/14 hat das Finanzministerium auch dem Wissenschafts- und Kunstministerium ein Minus von zehn Prozent vorgegeben.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.11.2011

Michael Bartsch

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