Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Google+
Historischer Vorklang zum Wagner-Jahr 2013: Die ersten Dresdner Nachkriegsaufnahmen in der CD-Archivreihe der Semperoper-Edition

Historischer Vorklang zum Wagner-Jahr 2013: Die ersten Dresdner Nachkriegsaufnahmen in der CD-Archivreihe der Semperoper-Edition

Dem Forscherdrang des Chefproduzenten Steffen Lieberwirth von der Hörfunkdirektion MDR Klassik ist zu danken, dass jetzt beim Label Profil Edition Günter Hänssler (im Vertrieb durch Partner NAXOS) eine Box mit drei CDs als Vol.

3 der Semperoper-Edition unter dem Titel "Wieder Wagner" erscheinen konnte. Sie schließt an Vol. 22 und 23 der Edition Staatskapelle Dresden mit Aufnahmen aus Dresdner Wagneropernaufführungen der Jahre 1938 bis 1940 und 1944 an. Nun sind es erste Wagner-Produktionen mit Repräsentanten des berühmten Dresdner Opernensembles nach Kriegsende 1945 bis in die 50er Jahre, die aus Beständen des Deutschen Rundfunkarchivs in Potsdam-Babelsberg bzw. des Archivs des Mitteldeutschen Rundfunks Leipzig in mustergültigem Remastering präsentiert werden. Lobenswert ist auch das reich bebilderte Booklet mit aufschlussreichen Beiträgen u.a. von Lieberwirth, dem langjährigen Operndramaturgen Wolfgang Pieschel und dem legendären einstigen Orchesterdirektor Arthur Tröber.

Gleich der zu Beginn der CD 1 erklingende Live-Mitschnitt des MDR-Senders Dresden von der Eröffnung des wiederaufgebauten Schauspielhauses am 24. September 1948 und der gleichzeitigen Feier des 400. Gründungsjubiläums der Staatskapelle ist ein wahrer "Paukenschlag", handelt es sich doch um die bislang einzige archivierte Dresdner Wagner-Aufnahme mit dem damaligen Chefdirigenten Joseph Keilberth, der das "Meistersinger"-Vorspiel äußerst klangprächtig musiziert.

Die anschließenden Szenen aus "Tannnhäuser" entstammen Leipziger und Dresdner Rundfunk-Koproduktionen von 1948 und 1953, die im Sendesaal des MDR-Senders Leipzig in der Springerstraße mit dem dortigen Rundfunk-Sinfonieorchester unter den Dirigenten Gerhard Pflüger und Rolf Kleinert aufgenommen wurden. Als herausragende Dresdner Solisten neben namhaften Leipziger Künstlern wie beispielsweise die auch in Dresden gastierenden Margarete Bäumer (Venus), Ernst Gruber (Tannhäuser) und Hans Krämer (Landgraf) prägen sich vor allem Brünnhild Friedland (Elisabeth) und Bernd Aldenhoff (Tannhäuser) ein, Rollen, die beide Künstler auch in der ersten Dresdner Nachkriegsinszenierung der Oper 1949 gesungen haben, nachdem das von der sowjetischen Besatzungsmacht verfügte vierjährige Verbot szenischer Wiedergaben Wagnerscher Bühnenwerke aufgehoben worden war (deshalb der Titel der CD-Box: "Wieder Wagner"). Die CD 1 endet mit noch einem Ausschnitt aus "Tannhäuser", Wolframs "Lied an den Abendstern", glänzend gesungen von dem gerade zu Beginn der Spielzeit 1949/50 an die Dresdner Staatsoper neuverpflichteten Bariton Karl Paul.

Diese Aufnahme wie auch die auf der CD 2 nachfolgenden Auszüge aus "Lohengrin" - Vorspiel und "Lohengrins Ermahnung an Elsa" aus dem dritten Akt und wieder mit Bernd Aldenhoff in der Titelpartie - wurden mit Keilberths Nachfolger Rudolf Kempe an der Spitze der Staatskapelle im Sendesaal des MDR-Landessenders Dresden, dem Steinsaal des Hygiene-Museums, am 22. Dezember 1949 aufgenommen. Am gleichen Ort entstand mit Staatskapelle und Staatsopernchor am 7. Dezember 1950 die Aufnahme des Spinnchors der Mädchen aus dem 2. Akt des "Fliegenden Holländers" mit der Mezzosopranistin Emilie Walter-Sachs als Mary unter Kempes Leitung, dem noch eine ausgezeichnete Interpretation von Sentas Ballade durch Brünnhild Friedland mit dem Leipziger Rundfunkorchester unter Gerhard Pflüger folgt.

Besonderes Interesse beanspruchen des weiteren zwei Aufnahmen aus "Lohengrin" mit der Staatskapelle und dem zu jener Zeit noch zur Staatsoper gehörenden Tenor Hans Hopf. Vor allem dessen Darbietung der Grals-Erzählung des Titelhelden ist hervorzuheben, dirigiert von dem langjährigen Staatskapellmeister Kurt Striegler, der um die Evakuierung der Staatskapelle zwischen April und Juni 1945 nach Bad Elster, wo diese Aufnahmen entstanden, große Verdienste hatte.

Aber auch die vier letzten Nummern der CD 2 sollten besondere Aufmerksamkeit finden, wurden sie doch mit einem Klangkörper produziert, den sowohl Mitglieder der Staatskapelle wie vornehmlich der Philharmonie bildeten: das sogenannte "Große Rundfunkorchester Dresden", das unter der Leitung des Kapellmeisters und Komponisten Hans-Hendrik Wehding, in den Jahren 1947 bis 1953 der Musikchef des Senders Dresden, meist im Sendesaal des Rundfunks, also dem Steinsaal des Hygiene-Museums agierte. Dieser war ohnehin in den Jahren 1946 bis 1958 zugleich die ständige Wirkungsstätte der Philharmonie. Hier erfolgten auch die auf der CD 2 dokumentierten Live-Mitschnitte aus dem Neujahrskonzert 1948 des Senders Dresden mit den Solisten Bernd Aldenhoff, der Ausschnitte aus "Siegfried" bot und dem Heldenbariton Josef Herrmann, der die Schlussansprache des Hans Sachs aus den "Meistersingern" interpretiert sowie dem Staatsopernchor, der den "Wach auf"-Chor beisteuert.

Kostbarkeit für Opernfreunde

Die CD 3 beginnt wiederum mit einem bemerkenswerten Live-Mitschnitt, nämlich des Festkonzertes der Staatskapelle vom 28. Juni 1956 zur 750-Jahrfeier der Stadt Dresden im Großen Haus der Staatstheater unter Leitung von Rudolf Kempe, aus dessen Programm das Vorspiel und "Isoldes Liebestod" in der Orchesterfassung ausgewählt wurden. Gleichsam "nachgereicht" wird unmittelbar anschließend - nunmehr in originaler Besetzung - der "Liebestod" aus dem 3. Akt von "Tristan und Isolde" mit der hervorragenden Christel Goltz. Auch das Duett Elisabeth-Tannhäuser "O Fürstin" aus dem 2. Aufzug dieser Oper mit der Goltz und Bernd Aldenhoff ist eine Kostbarkeit für jeden älteren Opernfreund, der die Künstler noch erlebt hat. Ungeklärt ist freilich, ob die beiden Aufnahmen aus dem Jahre 1947, wie die Sängerin in ihren "Erinnerungen" meint, der Staatskapelle unter Joseph Keilberth zuzuordnen sind oder, wie die Herausgeber der CD vermuten, dem Leipziger Rundfunksinfonieorchester unter seinem damaligen Chef Gerhart Wiesenhütter.

Die zweite Hälfte dieser CD ist Archiv-Aufnahmen mit der Dresdner Philharmonie gewidmet, Live-Mitschnitten des MDR vom 5. Februar 1950 und vom 2. April 1950 aus dem Steinsaal des Hygiene-Museums von "Richard-Wagner-Abenden" des Orchesters. Das erste Konzert dieser Reihe dirigiert Walter Stoschek, 1950/51 zweiter Dirigent der Philharmonie. Solist ist wieder Bernd Aldenhoff, d e r Dresdner Wagner-Tenor, der mit Tannhäusers Rom-Erzählung, Walters Preislied aus den "Meistersingern" und mit dem Gebet des Rienzi aus der gleichnamigen Oper, wahren Highlights seines Faches aufwartet. Das zweite dieser sogenannten Prominentenkonzerte, im Verbund der Philharmonie mit der Konzertdirektion Rabofsky einst veranstaltet, leitet Kurt Striegler, ein seinerzeit beliebter ständiger Gastdirigent des Orchesters. Ihm ist auch der würdige Abschluss der CD-Box zu danken, vereinen sich doch in der Szene "Du salbtest mir die Füße" Parsifal, Amfortas und Gurnemanz mit dem Karfreitagszauber die Stimmen des auch in Dresden geschätzten Tenors Joachim Sattler aus Hamburg, der Dresdner Publikumslieblinge Arno Schellenberg und Kurt Böhme mit dem Chor der Staatsoper zu einer eindrucksvollen Wiedergabe.

Dass jetzt Archivaufnahmen mit der Dresdner Philharmonie an die Öffentlichkeit gelangt sind, sollte Orchesterleitung und Förderverein anregen, auf diesem Felde weiter tätig zu sein, wie dies schon seit geraumer Zeit Kreuzchor, Staatsoper und -kapelle, ebenso Thomanerchor, Leipziger Oper und Gewandhausorchster sind. Bereits seit der zweiten Hälfte der 20er Jahre bestand unter dem Chefdirigenten Eduard Mörike (1924 bis 1929) eine erste intensive Beziehung der Philharmonie zum Mitteldeutschen Rundfunk (Mirag), die danach dem Holländer Paul van Kempen (1934 bis 1942 im Amt) zugute kam, der zudem die ersten Plattenproduktionen mit dem Klangkörper einspielte. Die rege Gastspieltätigkeit von Dirigenten wie Fritz Busch, Erich Kleiber, Karl Schuricht, Hermann Abendroth und vielen anderen bei der Philharmonie dürfte sich ferner ebenfalls in den Schätzen der Rundfunkarchive widerspiegeln. Und dass in der DDR-Zeit die Philharmoniker mit ihren Chefs Heinz Bongartz, Kurt Masur oder Herbert Kegel, um nur einige zu nennen, regelmäßige Sendeplätze erhielten (anders als heute, wo solche eher Ausnahmen sind), steht außer Frage. Es dürfte also genügend interessantes Archivmaterial aufzuspüren und zu erschließen sein.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.12.2012

Dieter Härtwig

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr