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Historische Bleiletter in Dresden

Handwerk und Kunst Historische Bleiletter in Dresden

Wohl sortiert lagert hier Blei gewordene Gestaltungskunst. Namen wie „Arabella“, „Marathon“, „Sorbonne“ und „Bodoni“, „Helvetica schmalmager“ oder „Futura halbfett“ stehen auf den Schildern an den flachen Schubkästen.

Ein Kasten mit historischen Monotype-Matrizen aus London.

Quelle: Anja Schneider

Dresden. Wohl sortiert lagert hier Blei gewordene Gestaltungskunst. Namen wie „Arabella“, „Marathon“, „Sorbonne“ und „Bodoni“, „Helvetica schmalmager“ oder „Futura halbfett“ stehen auf den Schildern an den flachen Schubkästen. Eckehart SchumacherGebler zieht einen davon vorsichtig heraus, senkt den Blick in den Setzkasten. „Alte Gotisch“, bemerkt er. „Ein Leckerbissen.“

Schmale Gassen nur bleiben zwischen den Setzregalen aus Stahlblech. Aus Platznot sind sie übereinander gestapelt, bis in drei Meter Höhe. Die Lettern darin sind zwischen vierzig und hundertfünfzig Jahre alt. „Wir verwenden sie nur in ganz besonderen Fällen“, sagt er. Blei nutzt sich ab beim Druck. Erneuert werden aber kann, was hier lagert, nie wieder. „Es ist ein kultureller Schatz.“

Ein Teil stammt aus der ehemaligen Reichsdruckerei, der größere aus den Leipziger Beständen der Offizin Haag-Drugulin, einer wegen ihrer Schriften weltweit bekannten Druckerei, gegründet 1829. Bekannte deutsche Verlage ließen dort in der Messestadt Erstausgaben von Franz Kafka, Georg Trakl oder Heinrich Mann drucken. Nach dem Zweiten Weltkrieg enteignet, wurde sie 1954 in Offizin Martin Andersen Nexö umbenannt. 1990 forderten rund 50 deutschsprachige Verlage per Petition, die Treuhand möge den Betriebsteil mit den alten Schriftbeständen ausgliedern. „Und an irgendeinen Verrückten verkaufen“, erzählt SchumacherGebler. „Das war ich.“

Der Spross einer Buchdruckerfamilie, 1934 in Berlin geboren, aufgewachsen in Mittelfranken und München, lernte den Beruf des Großvaters, machte seinen Meister, studierte Drucktechnik. Dann übernahm er die Münchner Druckerei der Eltern. 1961 gliederte er sein eigenes Satzstudio an. Werbeagenturen und Grafik-Designer waren seine Kunden. Sie brauchten modern gestaltete Schriften. Etwas, worüber er als Buchdrucker zunächst wenig gewusst habe. Also besorgte er sich Literatur und vertiefte sich nächtelang in Schriftproben.

Damals muss es passiert sein: dass ihn die Faszination packte. „Ich war überwältigt von der Schönheit dieses Variantenreichtums.“ Schrift sei eine „spröde Geliebte“, hat er bei dem Gestalter Günter Gerhard Lange gelesen. „Aber wen sie einmal in Bann geschlagen hat, den lässt sie nicht mehr los“, fügt er hinzu. Es ist das Bekenntnis eines Enthusiasten, der gleichwohl vornehm zurückhaltend wirkt, oft eine Weile nachdenkt, ehe er den nächsten Satz spricht.

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In den siebziger, achtziger Jahren löste der Fotosatz die alte Gutenberg-Technik ab. Was sollte nun aus den guten Monotype-Maschinen werden? Wer den Gesetzen der Ökonomie folgte, schrieb sie ab und versuchte sie irgendwie loszuwerden. Doch SchumacherGebler wurde nun erst so richtig klar, welches Wunderwerk der Technik der Amerikaner Tolbert Lanston da 1897 erfunden hatte. Genau genommen sind es zwei Maschinen. Auf der ersten, die einer überdimensionalen Schreibmaschine ähnelt, tippt der Setzer den Text ab und stanzt die Information in einen Lochstreifen. Den legt man in die zweite, die Satzgießmaschine ein. Die presst flüssiges Metall in Gussformen in einer Matrize; heraus kommen fertig gesetzte Zeilen.

Eckehart SchumacherGebler hat seine eigene Vorstellung vom Fortschritt in der Druckerbranche. Bewährtes beizubehalten, gehört für ihn dazu. „Ich bin damit wahrscheinlich Anderen voraus.“ Also kaufte er auf, was zu bekommen war: ganze Matrizensätze, in der Bundesrepublik, in der Schweiz, in England und den Niederlanden. Die versetzten ihn die Lage, in unbegrenzter Zahl eigene Lettern gießen zu können, auch in seltenen, kaum bekannten Schrifttypen, die es im Fotosatz nicht gab – und damit ausgefallene Wünsche seiner Kunden zu erfüllen. Über zwei Millionen Matrizen bewahrt er in flachen Schubfächern in ganzen Reihen von Holzschränken auf. „Heute ist das mehr als Technik. Es ist ein Stück Geschichte und Kultur, nie mehr beschaffbar.“

Neben den fünf Monotypes stehen in seinem 1990 gegründeten Dresdner Typostudio in der Leipziger Vorstadt mehrere Druckmaschinen - mattgrauer Stahl, schwarz lackierte Seiten. Er schiebt den Hebel der Original Heidelberg Cylinder aus den Sechzigern von „Betrieb“ auf „Papier“, dann auf „Druck“. Jaulend, klackend und schniefend setzt sie sich in Bewegung, zieht großformatige Bögen durch ihre rotierenden Eingeweide und legt sie auf einem Stapel ab.

Kleinere Textmengen werden in Handarbeit gesetzt, mit der Jahrhunderte alten Technik. Ria Mücke hält den Winkelhaken in der Linken, legt die Lettern einer Van Dijk, Größe 16 Punkt, hinein. Rechts liegen griffbereit Ahle, Pinzette und Typo-Maß. Gelernt habe sie das in einer Zeitungsdruckerei, erzählt sie. Seit 2013 steht sie wieder ständig vorm Setzkasten, sitzt nicht mehr vorm Computer. Diesmal hat eine Grafikerin aus Hamburg einige Zeilen für ein Künstlerbuch bestellt.

Warum all diese uralten, umständlichen Verfahren, heute, wo das mit dem Computer viel einfacher, schneller, vor allem billiger geht? Diese Frage hört SchumacherGebler häufig. Dann greift er zu jenem Band in rotem Halbleder mit marmoriertem Papier - ein Nachdruck der berühmten englischen Folio, Shakespeares „Romeo and Juliet“. Er stellt sich vors Fenster, schlägt das Buch auf, hält es waagerecht gegen das Licht und bittet seine Gäste, schräg von vorn über die Seiten zu schauen.

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„Sehen Sie es?“, fragt er.

„Ja, keine glatte Fläche.“

„Richtig. Diese Buchstaben hinterlassen einen Eindruck.“

Schneller machen könne man viele technische Verfahren. „Aber die subtile Feinheit des Ganzen, die hängt mit Langsamkeit zusammen.“ Solide Ausbildung habe Schriftsetzern einst einen Blick für winzigste typografische Details vermittelt.

Man nehme nur das kleine m. Um eine Winzigkeit anders sieht es in einem kleineren Schriftgrad aus. „Da ist es offener, weiter, die Strichstärke kräftiger – damit es besser lesbar ist.“ Im größeren Grad der selben Schriftart besitze dieses m andere Relationen, sei also mehr als einfach eine Vergrößerung.

Studiert hat Eckehart SchumacherGebler solche Gesetzmäßigkeiten immer wieder an einem Buchstaben: dem kleinen a. „Das ist ein besonders signifikantes Zeichen.“ Da hat er Typografie begriffen als Präzisionskunst, die zuerst dem Auge des Lesers dienen, zugleich jedoch Schönheit vermitteln will. „Diesen Reichtum an Formen und Ästhetik nehmen viele nicht wahr. Für sie ist Schrift nicht mehr als ein Vehikel für Information. Doch wäre dem so, dann würde eine Einheitsschrift für alles genügen.“

In seinem Dresdner Typostudio mit vier Mitarbeitern fertigt er bibliophile Kostbarkeiten. Beispielsweise Texte in Büchern, die dann mit Grafiken komplettiert werden und in Kleinstauflagen erscheinen.

Einem Buchständer entnimmt er ein handliches Bändchen seiner „Bibliothek SG“, Peter Härtlings „Die Lebenslinie“, rot eingebunden, gedruckt in der „Fontana“. Im Anhang beschreibt SchumacherGebler Geschichte und Besonderheit dieser Schrift.

Ehe es ganz verlorengeht, will er etwas vom Wissen der alten Meister weitergeben. In Leipzig hat er 1994 das Museum für Druckkunst gegründet und 2000 in eine private Stiftung überführt. Ganz untypisch für ein Museum laufen die Maschinen noch. Man kann die alten Techniken praktisch erproben. Künstler treffen sich dort zu Workshops.

In seinem Dresdner Betrieb organisiert Eckehart SchumacherGebler Führungen. Auf der Dresdner Literaturmesse „schriftgut“ lässt er Besucher mit einer alten Presse drucken. Einmal jährlich lädt er zu einem „Schriftenfest“ ein. 2013 hat er mit anderen Verehrern des anspruchsvollen Handwerks den „Verein für die Schwarze Kunst, Dresden“ gegründet. Die Mitglieder wollen die Kunst des Schriftgießens und Druckens erhalten und fördern, als Teil des handwerklich-industriellen Kulturerbes.

Seine Erfahrungen haben Eckehart SchumacherGebler gezeigt: Auch Handwerker können Künstler sein. Liebe und Sorgfalt brauche es dazu. Und wenn das Buch Bestand haben soll, dann nur in durchdachter Gestaltung, als Buchkunst mit Gültigkeit auf Dauer.

www.offizin-haag-drugulin.de

Von Tomas Gärtner

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