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Hintern-sinniges Erbsenprinzip - Junge Szene der Semperoper mit der "Prinzessin auf der Erbse"

Hintern-sinniges Erbsenprinzip - Junge Szene der Semperoper mit der "Prinzessin auf der Erbse"

Früher war auch nicht alles besser. Minister waren machtgeil wie eh und Kleriker verlogen wie je. Manches war aber einfacher, wenn es um die Teil- habe am Regierungszirkus ging.

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Richtige Prinzessin? Die Anwärterin (Vanessa Goikoetxea) muss sich dem Test des Prinzen (Mert Süngü) und des Königspaares (Christiane Hossfeld und Johannes Stermann) stellen.

Quelle: Matthias Creutziger

Da wurden weder Doktorarbeiten auf geistiges Eigentum noch Kreditsätze auf freundschaftliche Gegenleistung geprüft. Unter Umständen hat eine einzige Erbse gezählt.

Sie erinnern sich? Im allen Kinderstuben bestens bekannten Märchen "Die Prinzessin auf der Erbse" - wer hat nicht um die himmelhoch schwankende Bettstatt gebangt? - wurde die einzige für den Prinzen und seine Erbfolge in Frage kommende Dame auf ihren blaublütigen Empfindungssinn hin mit solch einem Früchtchen geprüft. Ihr ach so sensibles Hinterteilchen spürte die winzige Erbse noch dutzende Matratzen hindurch - erst so gab sich der Hofstaat davon überzeugt, hier eine wirkliche Adlige für den Krösus gefunden zu haben.

Der 1887 in Wien geborene Komponist Ernst Toch hat aus diesem Märchen frei nach Hans Christian Andersen eine kleine Oper verfasst, die er bescheiden als Musikmärchen apostrophierte. Es währt in der Tat nur gute vierzig Minuten lang, besticht in dieser Kürze der Zeit aber noch heute mit filigranen Einfällen, emotionaler Akkordik, irritierenden Melodien sowie mit recht originären Klangkonstrukten, die an sämtliche Vokal- und Instrumentalinterpreten erhebliche Ansprüche stellen. Es ist ein Verdienst aller Beteiligten, ein Stück Musik dieses viel zu vergessenen Künstlers (er floh 1933 von Italien aus vor den Nazis nach London und ging wenig später nach Kalifornien, wo er 1964 starb) hiesigem Publikum vorzustellen. Nach Kriegsende fand Toch in Europa nie wieder die einstige Anerkennung, die diesem Wanderer zwischen später Romantik und formaler Freiheit eigentlich zustünde.

Ekkehard Klemm, der die musikalische Leitung dieses Projekts der Jungen Szene an der Semperoper innehatte, war gut beraten, als er auf einen Ortswechsel von Semper 2 ins Hygiene-Museum bestand. Im dortigen Saal konnte sich der Orchesterklang prächtig entfalten, musste das aus Studierenden der Musikhochschule bestehende kleine Orchester nicht bangen, die Expressivität des Materials im Klangmulm zu opfern. Denn diese Musik ist vital, steckt voller Witz und Ironie, will ausgebreitet und nicht versteckt sein.

In diesem Fall ging das leider ziemlich zu Lasten der Textverständlichkeit. Das Libretto von Ernst Tochs Bildhauer-Freund Benno Elkan hätte den Charme noch verstärken können, der in Manfred Weiß' Inszenierung steckt. Als Leiter der Jungen Szene hat er ganz spielerisch einen märchenhaften Hofstaat erschaffen, der auch dank der farbkräftigen Ausstattung von Okarina Peter und Timo Dentler selbst beim jüngsten Publikum für gute Unterhaltung sorgt. Alles ist ein bisschen übertrieben, vom Meter-Bart des Königs über den Riesen-Dutt der Königin bis hin zum Putzfimmel der Bediensteten.

Denn das Öperchen persifliert - und damit passt es besonders gut in dieses etwa zeitgleich entstandene Haus - anspielungsreich auch ein Stück immanente Fremdenphobie und maßlos übertriebenen Hygienewahn; letztlich dürfte gar die Perversion der nazi-deutschen Rassenidiotie hineingedeutelt werden. Die für den Prinzen in Frage kommende Prinzessin scheint nämlich nicht "blaublütig" zu sein, kommt ganz leger in bunten Kleidern ins Schloss. Da muss man prüfen. Ganz zentral wird ein gewaltiges Matratzenlager errichtet. Der Ausgang des Spiels ist bekannt.

Vanessa Goikoetxea hatte als Prinzessin sichtlich Spaß an dieser Intrige, und Mert Süngü durfte sich als Prinz darüber freuen. Beide sind Mitglieder der Jungen Szene und bestanden wacker neben Christiane Hossfeld und Johannes Stermann als selbstherrlichem Königspaar. Zwei Dutzend Zofen und Diener wuselten um die zentralen Figuren, zu denen auch die skurrile Amme der Andrea Ihle sowie Jeremy Bowes und Gerald Hupach als Herren vom Hofe zählten.

Für den sängerischen Nachwuchs eine gute Gelegenheit, sich neben gestandenen Künstlern auszuprobieren, für das Publikum eine köstliche Dreiviertelstunde spaßiges Musiktheater - und für alle Beteiligten die Entdeckung eines Hauptwerkes von Ernst Toch.

Weitere Vorstellungen: 28. Februar bis 2. März, jeweils 11 Uhr, 4. März, 16 Uhr, Hygiene-Museum

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.02.2012

Michael Ernst

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