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Heute vor 100 Jahren versank die Titanic, kurz darauf erschien das erste Buch zur Katastrophe - auch mit Texten aus den DNN

Heute vor 100 Jahren versank die Titanic, kurz darauf erschien das erste Buch zur Katastrophe - auch mit Texten aus den DNN

Heute vor 100 Jahren versank die Titanic und ein bis heute lebendiger Mythos stieg auf. Noch 1912 erschien die erste ausführlichere Darstellung der Katastrophe auf Deutsch im Leipziger Verlags-Comptoir.

Das neu herausgegebene Bändchen mischt Augenzeugenberichte und Zeitungsartikel. Ein widersprüchliches und verwirrendes, aber gerade auch dadurch aufregendes Zeitzeugnis.

Es ist nur ein "leichtes Erzittern des Schiffes", das der Passagier Beasley wahrnimmt. "In einem Rauchzimmer sah er Kartenspieler sitzen. Sie sahen dann einen großen Eisberg vorbeitreiben und nahmen an, daß das Schiff diesen gestreift habe, ohne zu ahnen, daß der Eisberg mit seinem unter Wasser befindlichen Teil den Schiffsboden durchschnitten habe. Das Kartenspiel wurde daher fortgesetzt..." So beginnt einer der zahlreichen Augenzeugenberichte, die in dem Buch "Der Untergang der Titanic. Nach Berichten von geretteten Augenzeugen" zusammengetragen wurden.

Wie groß wohl weltweit der Bedarf an schneller publizistischer und künstlerischer Aufbereitung und Weiterverwertung war, zeigt allein schon der Umstand, dass noch im selben Jahr zwei Verfilmungen der Katastrophe erschienen. Auch das vom schon lange nicht mehr existenten Leipziger Verlags-Comptoir veröffentlichte Buch kam noch 1912 auf den Markt. Der Verlag, in dem zum Beispiel auch die "Beichten eines praktischen Arztes. Versehen und Fehlschlüsse" oder "Habsburgische Mesalliancen und Liebesaffären im 19. Jahrhundert" erschienen, hat sich in seinem Titanic-Buch nicht die Mühe gemacht, die Schnipsel thematisch oder chronologisch zu sortieren. Eine verlegerische Hauruck-Aktion, in der nicht einmal Autoren namentlich genannt werden. Unklar ist auch, wo die aus den

, dem Berliner Tageblatt und den Dresdner Neuesten Nachrichten entnommenen Ausführungen eigentlich beginnen, wo sie enden und woher all die anderen Augenzeugenberichte stammen. Immerhin wird der Leser darauf hingewiesen, "daß die Erzählungen der einzelnen Geretteten sich vielfach widersprechen und besonders die Angaben über den Umfang der Katastrophe verschieden lauten."

Was ist wirklich passiert, was ist Wahrheit? Eine hochinteressante Frage, gerade wenn die Augenzeugen allesamt aus der Dramatik eines eigenen Überlebenskampfes heraus berichten. Eine weitere Verfremdung entstehe dadurch, dass die Geretteten ihre Erlebnisse einander erzählten, und die Eindrücke sich so gegenseitig verwischten, heißt es im Buch. Gerüchte machen die Runde, etwa das vom Selbstmord des Kapitäns. Andere Mythen wie die von versunkenen gigantischen Geldsummen und dem sagenumwobenen "Blauen Diamanten" werden im Buch für wahr verkauft. Auch die sehr umstrittene Story, die Bordkapelle habe unmittelbar vor dem Untergang den Choral "Näher, mein Gott, zu Dir" gespielt, wird gleich mehrfach erzählt. So vermischen sich von Anfang an Fakten und Fiktionen.

Erschienen ist der Neudruck jetzt im Reprint Verlag Leipzig, der im vergangenen Jahr vom Darmstädter Primus Verlag übernommen wurde. "Wir haben das Original neu gesetzt, aber der Text ist identisch", erzählt Lektorin Regine Gamm. Außerdem seien einige weitere Fotos und Illustrationen hinzugefügt worden.

Wirklich bewältigt wird das Thema nicht, aber es entsteht ein ebenso verwirrendes wie nahegehendes Kaleidoskop. So beschreibt Passagier Beasley eine fast gespenstische Ruhe: "Nirgends herrschte eine Panik (...) Das Schiff lag ganz still." Beim Besteigen der Rettungsboote "zeigte sich keine Spur von Unordnung oder von Drängen nach den Booten". Als er selbst gegen ein Uhr morgens ins Boot stieg, war die Nacht "herrlich und sternenklar ohne Mondschein". Fast ein Idyll, das erst mit dem endgültigen Untergang des schwimmenden Luxushotels getrübt wird. "Dann legte es sich zur Seite und verschwand unter Wasser. Gleichzeitig hörte man den grausen Schrei von Hunderten von Menschen, die in dem Eiswasser um ihr Leben kämpften (...)."

Andere Berichte zeichnen völlig andere Bilder: "Einzelne Passagiere haben mit solcher Wut um den Zugang zu den Rettungsbooten gekämpft, daß sie von den Offizieren niedergeschossen wurden und ihre Körper sofort in die See fielen", berichtet ein gewisser Washington Doge. Paare ziehen es vor, eng umschlungen zu ertrinken, anstatt getrennt zu werden. In Nachtkleidern treiben Menschen ohnmächtig im Wasser, versinken in der eiskalten Tiefe. Verzweifelt versuchen die armen Teufel aus den unteren Decks in die Rettungsboote zu kommen, doch sie sitzen "wie die Ratten in der Falle".

Der gerettete zweite Telegraphist Harold Bride rekapituliert die Erlebnisse so, als hätte er noch im Angesicht des Todes einen Blick für die Ästhetik dieses Untergangs. "Hunderte von Männern schwammen mit ihren Rettungsgürteln um mich herum. Mein erster Gedanke war, fort von dem Schiff, das einen wundervollen Anblick bot. Rauch und Flammen kamen aus den Schornsteinen (...) Dann kamen ganze Ströme Funken. Das Schiff tauchte ein, gerade wie eine Ente, die kopfüber ins Wasser stößt, dabei hörte man noch die Musik spielen, die wohl ausnahmslos unterging."

Das ist, wohlgemerkt, kein Auszug aus James Camerons "Titanic"-Drehbuch. Und wer sich heute wundert, warum ausgerechnet dieses Unglück selbst nach zwei Weltkriegen immer noch als das Fanal für menschliche Selbstüberschätzung, das dunkle Wirken des Schicksals, Untergangsangst und -lust gilt, muss nur diese Berichte lesen.

Jürgen Kleindienst

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.04.2012

Leipziger Neuesten Nachrichten

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