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Heute geht im Societaetstheater die kroatische "Off Europa"-Woche mit "Montazstroj" aus Zagreb zu Ende

Heute geht im Societaetstheater die kroatische "Off Europa"-Woche mit "Montazstroj" aus Zagreb zu Ende

Die Stadt bietet kulturell scheinbar alles, und doch kommen manche Ereignisse nicht aus der Geheimtipp-Nische heraus. Das spürt die freie Theaterszene besonders, die in der Landeshauptstadt nicht das Gewicht hat wie die Leipziger Konkurrenz.

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Die Besucher sind mehr als nur Beobachter in der JohannStadthalle

Das "Montazstroj"-Theater aus Zagreb ist am Freitag im Societaetstheater zu erleben.

Quelle: Szerda Zsofia

Von dort kam 2007 auch das kleine "Off Europa"-Festival herüber, das vor 24 Jahren als "Manöver" startete und in Leipzig wiederum als der kleine Bruder der "euro-scene" gelten kann. In Konkurrenz zu diesem ihm schon wieder zu konventionellen und etablierten Festival mag sich Knut Geißler, der Kopf von "Off Europa", auch gar nicht sehen. Beizeiten hat er mit den jährlich wechselnden Länderschwerpunkten einen eigenen Weg und ein eigenes Gesicht gefunden. Dafür reist er in die jeweiligen Länder, fahndet nach noch wenig bekannten und vernetzten Künstlern, nach Leuten, "die sonst keiner holt". Das Mindeste, was sie versprechen, sind Entdeckungen, meist auch Originalität und Bodenhaftung.

Als "handgemacht" bezeichnet denn auch Geschäftsführer Andreas Nattermann vom Dresdner Societaetstheater dieses sympathische Festival. 2007 war man gerade dabei, ein eigenes Festival "szene: Europa" zu kreieren. Das gibt es bis heute. Mit seiner eher westlichen Ausrichtung wird im kommenden Frühjahr Österreich im Fokus stehen. Als Pendant passte der vor allem nach Südosteuropa gerichtete Blick von Knut Geißler gut dazu, und so gibt es seit 2007 die "Westausdehnung" von "Off Europa" nach Dresden. "Aha, ein Zweistädte-Festival", berichtet Geißler von Leipziger Reaktionen und der daraufhin auch gewachsenen Reputation.

Kroatien ist 2015 Gastland, ohne dass bei den Planungen schon absehbar gewesen wäre, welche Rolle beim Flüchtlingstransit das erst 2013 der EU beigetretene Land spielen würde. Zum größten Teil ist das diesjährige Programm des einwöchigen Mini-Festivals schon gelaufen. Es begann am 18. September zunächst mit Filmen in Leipzig, ab Montag dann auch mit einem Filmabend im Dresdner Societaetstheater. Dabei fiel besonders "Potroseni" auf, die Verfilmung eines Projektes, das an die Bürgerchöre von Theaterregisseur Volker Lösch erinnert. Die Generation 55+ erzählt von sich und probt den Aufstand.

Neben dem Film dominierte der Tanz in dieser Kroatien-Woche. Einen anrührenden Abend bereiteten am Dienstag zwei Tänzerinnen im Societaetstheater. Petra Hrascanec vermittelte einen Eindruck, wie ihr Tanz zum Lebensbedürfnis wird. Aus dem Gestus sorgfältig ausgewählter Pop-Musik heraus illustriert sie diese mit ihren tänzerischen Assoziationen. Das strahlte Unmittelbarkeit und Ehrlichkeit aus, ebenso ihre stille Interaktion mit einem Gast aus dem Publikum. Um eine Paarbeziehung auf der Bühne und darüber hinaus ging es am Mittwoch in der sensiblen Doppelperformance von Silvia Marchig und Darko Japeli. Eine Hommage an die 2009 verstorbene Pina Bausch, die die Tänzerin ihre "künstlerische Oma" nennt.

Gespannt darf man nach den Leipziger Erfahrungen auf die Dresdner Rezeption des "Montazstroj"-Theaters Zagreb heute Abend sein. Eineinhalb Stunden Empörungspower, ja Protestgeschrei gegen das Establishment und gegen so ziemlich alles, gegen den "altbösen Feind", um es mit Luther zu sagen. Der 68-er-Slogan "Macht kaputt, was euch kaputt macht" drängte sich unwillkürlich auf. Kaputt gemacht hat das kroatische Establishment eine Inszenierung dieses Theaters mit einem "Chor der einfachen Leute". Musikalische Urheberrechtsgründe sollen für das Verbot ausschlaggebend gewesen sein, die Truppe empfand den Behördenakt als Zensur. Beinahe wäre sie daran zerbrochen, aber die Überlebenden von "Montazstroj" nehmen nun coram publico verbale Rache. Permanent laufen im Hintergrund vermutlich Originalaufnahmen der Ursprungsvariante und der verwendeten Songs. Davor verausgaben sich live an den Mikrofonen drei junge Frauen in kurzen schwarzen Kleidern völlig. "Für uns existiert kein intellektuelles Eigentum", rufen sie. Der Chor damals sei "im Namen des Profits abgewürgt worden", nun träten sie an die Stelle der Arbeiterklasse. Das Dauerbombardement in Flugzeuglautstärke wird verstärkt durch einen E-Gitarristen und einen Drum-Pad-Spieler. Am Ende dieser "erzieherischen Aufführung" taucht die 1990 für gescheitert erklärte Konvergenztheorie wieder auf, die weder Sozialismus noch Kapitalismus, sondern ein "neues Zivilisationssystem" will. Selbstverständlich unter roten Fahnen.

Auch für solchen stark vereinfachenden Agit-Pop ist eben "Off Europa" gut. Mit nur 50 000 Euro Zuschuss aus Leipzig und einer kleinen Spende aus Dresden überlebt es gerade so. Ob nun alle dieser auswärtigen Entdeckungen tragen oder nicht, sie taugen allemal dazu, die zur Behäbigkeit neigenden deutschen Bühnen etwas aufzumischen.

heute, 20 Uhr, Societaetstheater

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 25.09.2015

Michael Bartsch

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