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„Herztrittmacher“ in der Comödie Dresden

Liebeskomödie mit „Farewell-Fick“ „Herztrittmacher“ in der Comödie Dresden

Der Typ, mit dem Lapared in „Herztrittmacher“ liiert ist, ist ein bindungsunfähiger Mann. Das Stück beruht auf dem Roman „Anleitung zum Entlieben“ von Conni Lubek. Ein Werk, das die These untermauert, dass Liebeskummer unter Umständen Literaten immerhin redlich nährt: Ohne ihn hätte Rosamunde Pilcher keinen Pence verdient.

Dick (Ron Holzschuh) will seine Lapared (Gisa Zach) nach zwei Jahren Beziehung noch immer nicht heiraten.
 

Quelle: Robert Jentzsch

Dresden.  „Generation Beziehungsunfähig“, so heißt ein Text, der millionenfach geklickt wurde. So lautet auch der Titel eines Buchs, das Michael Nast daraus gemacht hat. Darin wirft er einen kritischen Blick auf die Generation Y, die als konsumsüchtig, selbstverliebt und perfektionistisch gilt – und die bindungsscheu, ja sogar beziehungsunfähig sei, wie Nast pointiert meint. Nun muss ja einer schuld sein, und im Zweifelsfall ist nach „guter“ alter Linken-Manier natürlich das „System“ schuld. Laut Nast meiden die Menschen Beziehungen, weil ihnen die Selbstverwirklichung im Wege stehe, weil sie immer auf der Suche nach etwas Besserem seien, vom iPhone über den Turnschuh bis hin zum Partner.

Der Typ, mit dem Lapared in der Komödie „Herztrittmacher“ liiert ist, ist so ein bindungsunfähiger Mann. Das Stück beruht auf dem Roman „Anleitung zum Entlieben“ von Conni Lubek, auch so ein Werk, das die These untermauert, dass Liebeskummer unter Umständen Literaten immerhin redlich nährt: Ohne ihn hätte Rosamunde Pilcher keinen Pence verdient – würden etliche Autorinnen am Hungertuch nagen.

Lubeks Alter Ego hört auf den Namen Lapared, ist „Mitte bis Ende dreißig“ und glaubte, den Traummann gefunden zu haben. Doch Liebe auf den ersten Blick war es nur bei ihr. Nach zwei Jahren „Freundschaft plus“ will der Typ, den sie konsequent „hundertneunzehn“ nennt (was nun nicht heißt, dass es der 119. war), sie immer noch nicht heiraten oder gar Kinder mit ihr haben. Also beschließt sie, Schluss zu machen – was nicht ganz so schmerz- und reibungslos abläuft, wie sie sich das vorgestellt hat. Eingebildete Infarkte, Darmsanierungs-Workshops, ein neues Sexy-Unterwäsche-Konzept und „Farewell-Ficks“ sind die Begleiterscheinungen dieser Trennung, die in einem Blog nach allen Regeln der Kunst beziehungsweise virtuellem Exhibitionsmus publik gemacht wird. Stets mit von der Partie: „Curd Rock“, eine im Internet mittlerweile zum Kult avancierte Stoffpuppe, die hier und da ihren Senf in Gestalt flapsiger Sprüche wie mitunter gar philosophischer Weisheiten dazu gibt.

Inszeniert wurde das Stück vom künstlerischen Comödie-Leiter Christian Kühn, und man muss es klipp und klar sagen, er hat schon bessere Regiearbeiten abgeliefert, seit er 2012 die Nachfolge von Jürgen Mai angetreten hat. Ja, es gibt ein paar flotte Sprüche, etwa wenn Lapared (Gisa Zach) einem „holländischen Homunkulus“ namens Dick (Ron Holzschuh) ihre Telefonnummer mit der Begründung gibt: „Was haben wir Holland im Krieg nicht alles angetan.“ Oder wenn sie in einem Anfall von Torschlusspanik sich fragt: „Wie oft wird mir ein Mann noch sagen, dass er mich liebt, ohne dass er von Abschiebung bedroht ist?“ Aber im Großen und Ganzen ist die Sache vor allem in der ersten halben Stunde ausgesprochen mäßig amüsant, manchmal fasst man sich – jedenfalls als Mann – sogar an den Kopf, wenn der bekennende „Morgensex-Muffel“ Lapared mit „weiblicher Logik“ beteuert, nicht in Dick verliebt zu sein, es aber zu genießen, dass er es ist.

Die ganze Chose ist weitgehend eine One-Woman-Show, die anderen Darsteller (außer Holzschuh wären da noch Katrin Jaehne als Lapareds Schwester Anna oder Thomas Gimbel als kein Nahrungsmittel auslassender und entsprechend beleibter Freund Robert) haben in dieser Liebes(kummer)komödie kaum Chancen, Akzente zu setzten, die übers Schablonenhafte hinausgehen. Auch die Sprüche von Stofftier und Seelentröster Curd Rock reißen nur hier und da vom Hocker. Ein bisschen geht es um die abgedroschenen Unterschiede zwischen Männern und Frauen, etwa wenn „Sie“ sich darüber echauffiert, dass „Er“ Rotweinflecken auf der weißen Couch gemacht hat, dass Männer überhaupt glauben, Spuren in Gestalt von Krümeln hinterlassen zu müssen. Wenn überhaupt, dann überzeugen glatt die wenigen tiefergründigen Momente mehr als die heiteren.

Auch wenn dieser Inszenierung nicht zu den Höhepunkten der Comödie-Geschichte zählen wird, so ist Sachsens größtes Privattheater mit seinen 640 Plätzen alles im allem im Aufwärtstrend. Zum 20-jährigen „Betriebsjubiläum“ hat man sogar das Foyer neugestaltet. Der alte Teppich ist Geschichte, man schlendert jetzt über Holz. Die Besucherzahlen der Comödie gehen stetig nach oben. Zählte man 2011 noch rund 50 000 Besucher, so waren es zwei Jahre später bereits 92 000 Zuschauer, und im vergangenen Jahr konnte man sich sogar über 130 000 Gäste freuen. Nicht schlecht für ein nicht groß subventioniertes Haus, das die Eintrittspreise anderes gestalten muss als andere Bühnen dieser Stadt. Als letzte Produktion der Geburtstagsspielzeit wird die Filmadapation „Der Nanny“ nach dem Publikumsrenner mit Matthias Schweighöfer am 1. Dezember Premiere haben. Darin prallen ein Turbo-Kapitalist und ein Habenichts im Großstadt-Kiez aufeinander. Der eine will Kohle machen, der andere dort wohnen bleiben.

Nächste Vorstellungen: Sonnabend und dann 2. bis 9.Oktober, Comödie Dresden
Karten Tel. 0351/866 410

 
www.comoedie-dresden.de

Von Christian Ruf

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