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Herbert Grönemeyer im großen DNN-Interview

Vor Gastspiel im Dynamo-Stadion Herbert Grönemeyer im großen DNN-Interview

Er ist eine feste Größe im deutschen Musikzirkus. Mit seinem jüngsten Album ist Grönemeyer auf Tour, im Mai wird er auch in Dresden spielen. Im Interview spricht er darüber und auch über den Eurovision Song Contest und über sein politisches Engagement in diesen Zeiten, erzählt, warum er immer noch ein Menschenfreund ist.

So kennt man ihn: Grönemeyer in voller Bühnen-Aktion.
 

Quelle: Kempner

München. In München steht ein Hofbräuhaus. Und drinnen sitzt Herbert Grönemeyer – und ordert Tee. Earl Grey wäre gut, Darjeeling geht aber auch in Ordnung. Kredenzt wird der Tee aber nicht in der „Schwemme“, wo die Musi spuit und es „Oans, zwoa, gsuffa“ heißt, sondern in einem separaten Raum in zweiten Stock von Münchens weltweit berühmtester Wirtschaft, in der Gamsbart- und Lederhosenträger aber eine Minderheit sind. Dorthin hat Deutschlands vielleicht erfolgreichster Popstar eine kleine Journalistenrunde einladen lassen, um für seine Open-Air-Konzerte 2016 zu werben. Am 30. Mai wird der dann 60-Jährige im Dresdner (Dynamo-)Stadion spielen. Ein Interview mit ihm.

Frage: Kurios, Sie ausgerechnet im Hofbräuhaus zu treffen?

Herbert Grönemeyer: Na also Stammkunde bin ich nicht. Aber 2015 waren wir nach einem Konzert für Flüchtlinge und deren Helfer mit den Sportfreunden Stiller abends für ein Bier hier oben, das fand ich sehr nett .... Also dachte ich, bevor wir uns in ein komisches Hotelzimmer setzen … Aber vorher war ich noch nie im Hofbräuhaus.

„München sagt Danke und Willkommen“ hieß dieses Konzert auf dem Münchner Königsplatz ...

Es war ein fast magischer Abend, die Reaktion der Leute klasse. Wir konnten den Menschen signalisieren, dass wir es toll finden, wie sich engagieren. Und wie schnell und unbürokratisch das alles auf die Beine gestellt worden war. Das ist eben eine Münchner Qualität, die haben es drauf, unbürokratisch, pragmatisch und ohne Profilneurosen zu handeln. In Berlin hätten wir vor dem Reichstag spielen wollen, aber das scheiterte, weil sich der Bundestagspräsident, der verrückterweise in Bochum auf der gleichen Schule war wie ich, profilieren wollte und umgehend eine Presseerklärung herausgab.

In München haben Sie Dankeschön gesagt, in Dresden dann im Januar 2015 gegen Pegida Flagge gezeigt?

Naja, es war keine Abwehrveranstaltung. Es war einfach der Versuch, die Leute dahin zu bringen, doch mal genauer darüber nachzudenken, worum es ihnen geht.

Hat‘s funktioniert?

Die eine Vorsitzende trat aus Pegida aus und gründete eine eigene Initiative.

... Frau Oertel …

… genau. Meinetwegen hat die das aber wohl nicht gemacht. Es ist ja das gute Recht der Leute, gegen etwas zu demonstrieren, wenn ihnen etwas nicht passt, aber überlegt doch mal, auf wen ihr das kanalisiert. Bei Pegida gibt es ja zum Teil völlig irrsinnige Typen, die da rumtröten, aber ich sehe schon auch, dass da Leute mitlaufen, die sich einfach nicht gehört und gesehen fühlen. Aber sie lassen sich vor den Karren spannen. Ich verstehe, dass manche Leute unsicher sind in manchen Dingen. Problematisch ist halt, dass die Leute, die dagegen sind, am lautesten sind. Es gibt nach wie vor einen großen Teil der deutschen Gesellschaft, der helfen will. Ich stand diesem Land immer skeptisch gegenüber, aber ich mag das Land auch. Und man kann es mal sagen: Ich finde es beeindruckend, dass die Menschen so von sich aus das Signal gesetzt haben: „Wir heißen die Flüchtlinge willkommen“, das ist schon eine beachtliche Leistung. Es ist, das ist nicht zu verleugnen, eine sehr komplexe Situation, das kann aber auch sehr sinnstiftend sein für eine Gesellschaft. Wir müssen jedenfalls darauf achten, dass dieses Land nicht auseinanderbricht, das wäre das Allerblödeste.

Sie sagten mal, dass Sie sich nicht mit Frau Merkel treffen möchten, weil sich Kultur und Politik nicht so verbinden sollten. Ist das noch immer Ihre Grundhaltung?

Ja. Es passt einfach nicht. Kunst und Kultur sind per se eine Art von Protest. Die Überheblichkeit mancher Politiker ist nur zu bekämpfen, indem man nicht zu denen geht. Kultur ist dafür da, immer wieder die Politik in Frage zu stellen. Interessant finde ich es, dass die Flüchtlinge, von denen viele aus einem islamischen Land kommen, auf eine Regierungschefin treffen, die aus einem kirchlich-christlichen Haushalt kommt. Frau Merkel hat einen wissenschaftlichen Hintergrund, ist extrem analytisch, aber nun ist sie, die Pfarrerstochter, an einem Punkt getroffen, mit dem sie wohl selber nicht gerechnet hat. Die im väterlichen Haushalt geprägte Nächstenliebe bricht sich Bahn. Das hat schon rührende Züge.

Engagiert und gelassen zugleich

Engagiert und gelassen zugleich: Herbert Grönemeyer.

Quelle: ali kepenek

Haben Sie Angst in Zeiten, wo selbst Rockkonzerte zum Ziel von Terroristen werden?

Angst nicht, aber ich ging immer schon mit Respekt auf die Bühne. Wenn die Leute alle nach vorn vor die Bühne drängeln, da guckst du schon immer genau und hoffst, dass das auch alles schön entspannt bleibt. An sich sind meine Konzert ja sehr fröhlich und lebendig, ich halte auch nicht die ganze Zeit irgendwelche politischen Vorträge. Mir ist schon klar, dass ich bei einigen aufgrund meiner politischen Ansichten nicht wohlgelitten bin. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, dass auch Pegida-Anhänger zu einem Konzert von mir kommen.. Das sind ja nicht 10 000 Dumpfbacken, das ist viel differenzierter. Man kann die nicht alle über einen Kamm scheren.

Sind Sie so eine Art Therapeut unserer Gesellschaft? Immer wenn’s schwierig wird, ruft man „Herbert, hilf“. Dann kommt Herbert und macht allen Mut...

(lacht schallend) Ha, „Herbert, hilf“, der ist gut. Die Internetseite mach ich auf. Im Ernst: Wir Künstler haben nun mal die Möglichkeit, eine breite Öffentlichkeit zu erreichen, können eine Stimmung oder eine Thematik öffentlich thematisieren, stellvertretend für andere. So war das damals, als man gegen die Pershing-Stationierung war oder gegen Atomkraft. Man ist als Künstler Trommler, mehr nicht. Wir trommeln, um Leute zu motivieren, Stellung zu beziehen.

Nervt es Sie, wenn manche vom „Gutmenschen“ Grönemeyer reden?

Das ist ein extrem unangenehmes Wort. Ich versuche einfach, meinen Job als Künstler vernünftig zu machen. Andere gehen morgens in die Fabrik und kommen abends fertig nach Hause. Wir Kulturschaffenden sitzen in der Zeit rum und machen uns Gedanken über den Zustand des Landes. Das ist unser Job, genau so wie andere Autos montieren oder so. Nur haben die abends meist weder Kraft nach Zeit, in eine Politgruppe zu rennen.

Wie motiviert man Leute, sich zu engagieren?

Indem man Ihnen zuhört, sie ernst nimmt. In den 90ern habe ich ein Jugendheim in Leipzig unterstützt, das sich um rechte Jugendliche kümmerte. Die machten da ziemlich Randale, das war sehr schwierig. Mir war klar, die Eltern können ihren Kinder die Situation nach der Wiedervereinigung nicht erklären, die sind verwirrt und deprimiert, und keiner kümmert sich um die Jugendlichen. Damals haben das viele nicht verstanden. Und ich habe bald gemerkt, dass alles nicht so schnell geht, die kann man nicht bekehren, von rechts nach links oder so. Das zog sich dann gut sieben Jahre hin, bis wir es zumindest geschafft haben, dass die Aggression da raus war. Sieben Jahre für 25 Leute. Das sind einfach ganz langwierige Prozesse. Darauf stellt sich aber keiner ein, alles soll immer schnell erledigt sein, Ergebnisse zeigen.

Auf Ihrem jüngsten Album „Dauernd Jetzt“ gibt es zwei Lieder über die Flüchtlingsthematik. Haben Sie, als das Album herauskam, geahnt, was da auf uns zukommt?

Mir war klar, dass uns das die nächsten 40, 50 Jahre beschäftigen wird. Aber selbst wenn man mich für debil hält: Ich glaube, dass die Welt in diesem Jahrhundert zusammenrücken wird, und zwar im positiven Sinn. Das 20. Jahrhundert war für mich das Jahrhundert der Ich-AGs, wo jeder ellbogenschubsend auf sich fixiert war. Allmählich begreift der Mensch aber, dass andere Dinge wichtig sind. Zum Beispiel haben wir verlernt zuzuhören. Aber das kommt wieder, weil es eine Sehnsucht der Menschen ist, an einander Anteil zu nehmen, einfach mal zusammenzusitzen und zu quasseln oder auch etwas gemeinsam zu erleben.

Woher nehmen Sie den Optimismus?

Ich bin, glaub ich, einfach ein Menschenfreund. Ich glaube schon, dass der Mensch eine wunderbare Spezies ist. Und ich habe selber persönlich erlebt, wie andere mir in schwierigen Situationen geholfen haben. Man kann nicht immer nur sagen: „Oh Gott, oh Gott, wie ist die Welt furchtbar“. Es gibt es noch andere, gute Seiten, daran glaube ich. Das hat eine unheimliche Schönheit, das lass ich mir nicht wegnehmen. Mein Vater war auch so ein unheimlicher Lebens- und Menschenfreund. Der hat seinen Vater mit vier Jahren in der Grube verloren, als er daneben stand; dem wurde in Stalingrad der Arm abgeschossen, aber er hat sich nicht beirren lassen. Der hat das Leben geliebt, fand es wunderbar. Dabei war gar nichts besonders passiert. Das heißt nicht, dass ich eine rosarote Brille aufhabe, dafür bin ich bestimmt nicht bekannt.

Sie leben in Berlin und in London...

Seit einigen Jahren mehr hier in Deutschland. Mein erster Wohnsitz ist Berlin. Inzwischen sind meine Kinder auch wieder in Deutschland. Und, Achtung, ich zahle meine Steuern in Deutschland. Schon immer.

Was ist anders in England?

Die Briten sind ein Inselvolk und müssen sich nicht um Nachbarn kümmern, jetzt mal abgesehen von den drei Nachbarn, die sie nicht mögen: die Schotten, die Waliser und die Iren. Die Engländer, die die Attitüde haben, sich schnell auszuklinken, neigen weniger zur Hysterie. Ich finde es aber absurd und zynisch, dass die sich jetzt komplett aus der Nummer rausziehen und keine Flüchtlinge aufnehmen. Die Briten und die Amerikaner müssten sich zumindest mal im Mittleren Osten dafür entschuldigen, was sie da angerichtet haben. Bush und Blair gehören vors Kriegsgericht.

Apropos Hysterie, die Aufregung um Xavier Naidoo und den Eurovision Songcontest haben Sie nicht verstanden?

Ich habe den Grand Prix noch nie gesehen, der war für mich schon immer eine Spaßveranstaltung. Und plötzlich ist das Ding staatstragend? Als ob da Deutschland repräsentiert würde, das ist ja fast schon wie die Biennale in Venedig. Ich glaube, selbst Abba haben das damals als Spaß gesehen. Xavier und ich kennen uns schon lange. Ich verstehe nicht, was da abgeht. Auf der einen Seite haben die den gefragt, und es gibt es irgendwelche Bedenkenträger, die da was gefunden haben, die ihm was andichten.

Es gab ziemlich merkwürdige Äußerungen von ihm. Zum Beispiel, dass er Deutschland nicht für souverän hält.

Naidoo, der ein toller Musiker und ein klasse Kerl ist, sagt ja nicht, Deutschland ist blöd oder alle Deutschen sind doof. Ich glaube, er, der aus einer stark amerikanisch geprägten Ecke Deutschlands kommt, wollte wohl einfach sagen, dass wir uns klar sein müssen, dass die Amerikaner hier bei uns nach wie vor machen können, was sie wollen – und da hat er ja auch nicht ganz Unrecht. Oder dieses Lied, in dem es um Pädophilie geht. Das ist doch so ähnlich wie damals, als Falco „Jeanie“ gesungen hat. Es ist vielleicht nicht Xaviers allerbestes Lied, aber es ist Kunst. Da kann man ihm doch nicht unterstellen, er sei homophob und weiß ich noch was. Da sind wir wieder bei der ständigen Pöbelei in dieser hysterischen Zeit. Man kann Naidoo nicht einfach an den Pranger stellen.

Ist Ihr Auftritt im diesem Jahr im Dynamo-Stadion ein Bekenntnis zu Dresden?

Nicht unbedingt. Steht ihr nicht ganz oben in der Dritten Liga? Also: wir erwarten, dass Dynamo aufsteigt. Und unser Konzert im Dresdner Stadion wird dann die Aufstiegsfeier.

Sie sind ein bekennender Fußballfan?

Ja schon. Ich habe da diese Box, die alles live überträgt, und gucke schon intensiv. Gesungen habe ich immer schon, aber ich wollte auch Fußballer werden. Ich habe zehn Jahre im Verein gespielt.

Auf welcher Position?

Als Mittelstürmer hab’ ich angefangen und als Libero aufgehört. Ich war ziemlich, aber nicht richtig gut. Ich hatte auch immer nur zwei Idole in meinem Leben: (den zeitlebens mit der Nummer Zehn spielenden Fußballer) Günter Netzer und (den Musiker) Randy Newman. Als die Sportfreunde Stiller auf unserer Tour Gast waren, haben sie mir eine Netzer-Biografie geschenkt. Und als Widmung haben sie reingeschrieben: „Du bist die Nummer 10 der deutschen Musikszene“. Großartig.

Aber das Sommermärchen der WM 2006 ist durch den DFB-Skandal ruiniert. Sie haben damals den Soundtrack dazu geliefert mit ihrem Song „Zeit, dass sich was dreht“...

Es hat sich doch offensichtlich einiges gedreht. Leider haben die beim DFB nicht direkt gesagt: So und so ist das, das ist so gelaufen, fertig. Da hätte doch jeder zwar eingeräumt, dass das nicht so toll ist, letztlich aber verstanden. Wenn du Mist gebaut hast, musst du dazu stehen. Damals hat uns übrigens Andre Heller gefragt, ob wir bei der WM-Eröffnungsfeier mitmachen wollen. Heller wollte das komplette Spielfeld mit so einer LED-Matte auslegen. Das kostete über sechs Millionen, das weiß ich noch. Ist dann ja nichts draus geworden. Aber Sommermärchen bleibt für mich Sommermärchen, daran hat sich nichts geändert.

Sie haben mit Grönland ein eigenes Label?

Naja, anfangs habe ich da viel Geld versenkt, nach zehn Jahren war es echt eng. Aber zum Glück hat es sich, wohl auch dank des Umzugs nach Berlin, zu dem entwickelt, was ich immer wollte: zur kleinen Heimat für junge Leute. Inzwischen macht das viel Spaß. Ich bin nicht im Tagesgeschäft, treffe mich nur einmal im Monat mit den Verantwortlichen. Aber ich bin neugierig, was sich so tut. Ich will nicht in meiner eigenen Glocke sitzen.

Wenn Sie im Mai nach Dresden kommen, haben Sie gerade den 60. Geburtstag hinter sich. Schlimme Aussichten?

Nö. Ich werde doch nur noch immer toller, kräftiger, größer.

Steigt eine große Party?

Ich feiere jeden Geburtstag heftig. Ich bin nämlich ein ganz großer Geburtstagsfeierer. Der Mensch muss sich feiern lassen und seinen Freunden Gelegenheit geben, ihn zu feiern.

Irgendwas im Leben, was Sie noch machen möchten?

Ich möchte mal ein Musical schreiben. Das ist mein größter Traum. Aber ich suche noch einen guten Stoff, den es Spaß macht zu vertonen. Ein Musical mit meinen eigenen Liedern soll es aber, das zur Klarstellung, nicht werden.

Am 30. Mai, 20 Uhr, spielt Grönemeyer im Rahmen seiner „Dauernd Jetzt“-Tour im Dynamo-Stadion, Karten: Stehplatz Innenraum 63,55 Euro, Stehplatz Tribüne: 61,55 Euro

Von Christian Ruf

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