Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Herbert Grönemeyer gab in Dresden ein Sommerkonzert

Und die Welt sperrangelweit! Herbert Grönemeyer gab in Dresden ein Sommerkonzert

Grönemeyer, der Dresden zuletzt 2012 mit einem Open-Air-Konzert beglückt hat und seitdem u.a. für ein Benefiz-Singen gegen Pegida zurückgekehrt ist, besteht seine Feuertaufe im DDV-Stadion mit Bravour. Rund 25000 Zuschauer waren begeistert.

Voriger Artikel
Die Dresdner Galerie am Damm präsentiert Zeichnungen von Jan Tilman Kretzschmar
Nächster Artikel
Dresdner Cellist Friedrich Thiele ist tonali-Stipendiat

Herbert Grönemeyer in Dresden

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Kurz vor Schluss nimmt Herbert Grönemeyer seine Dresdner dann doch noch ins Gebet. Grund: Der Refrain des Abschlusslieds ist „schon nach dem zweiten Ton extrem verhungert“. Richtig grollen mag er seinem Publikum nicht, es hat bis dahin bereits inbrünstig mit ihm zusammen den „Vollmond“ angeheult, die mythische Stadt „Bochum“ besungen (deren „Vau-Äff-Äll“ freilich längst nicht mehr „jeden Gegner nass“ macht) und bei „Alkohol“ den inneren Tiger rausgelassen. Grönemeyer, der Dresden zuletzt 2012 mit einem Open-Air-Konzert beglückt hat und seitdem u.a. für ein Benefiz-Singen gegen Pegida zurückgekehrt ist, besteht seine Feuertaufe im DDV-Stadion mit Bravour. Nicht, dass die Messlatte besonders hoch gelegen hätte, nachdem zuletzt dort u.a. Helene Fischer, nun ja, „gerockt“ hat. 

Die Grönemeyer-Gala vor rund 25 000 Zuschauern lud an einem dieser vermaledeiten Dresdner Montage zu einer Zeitreise von jüngeren Hits wie „Stück vom Himmel“ bis zurück zu den Anfängen, oder jedenfalls bis zum Album „4630 Bochum“ (1984). Über seine ersten musikalischen Gehversuche als föhnfrisierter Schmusebarde breitet Grönemeyer selbst inzwischen den Mantel des Schweigens, und wer sich an eine lyrische Kostprobe vom 1979er Debüt wagt („Guten Morgen, Herr Bäcker, / frische Brötchen!“), der findet das eigentlich auch ganz in Ordnung.

Es ist nur auf den ersten Blick paradox, dass Grönemeyer erst so richtig ernst zu nehmen ist, seitdem er als Künstler die milde Ironie für sich entdeckt hat. Er, der den Dresdnern schmeichelt, sie seien weit herzlicher als die Ostfriesen, vor denen er am Vortag aufgetreten ist, weiß um den Wert spröder Schönheit, die man sich erst erarbeiten muss – vielleicht eine Lehre seiner verstorbenen Frau Anna, deren „nordisch-nobles“ Temperament Grönemeyer in „Der Weg“ besingt. So gelobt er mit sympathischer „Ihr-könnt-mich-mal“-Haltung, seinem vermeintlich ungeliebten Lied „Schiffsverkehr“ auch mit 89 („wenn ich in Ostseebädern vor Kurgästen spielen muss“) noch die Treue halten zu wollen, und preist nicht minder trotzig „Land unter“ an, das „immerhin in Holland ein mittelgroßer Hit“ gewesen sei. Da wird Dresden kurzzeitig zum Wattenmeer, jedenfalls dampfen reichlich Watt aus den Handys, mit denen permanent gefilmt und geleuchtet wird.

Anders als mit augenzwinkernder Sturheit könnte Grönemeyer kaum noch „Männer“ oder seine Parkplatz-Moritat „Mambo“ vortragen. Seitdem er endgültig zum Stadion-Herbie aufgestiegen ist, modernisiert sich der Sänger auf behutsame Weise, nimmt mal nachdenkliche („Bleibt alles anders“) und mal launige Alben auf. Zu letzteren zählt auch das jüngste Opus „Dauernd Jetzt“, ein optimistisches Telegramm zur Lage der Nation. Fürs künstlerische Selbstbewusstsein spricht, dass er es mit immerhin acht Titeln zu Wort kommen lässt, die auch ein Gewinn fürs Repertoire sind: „Unter Tage“ ein famos rhythmisierter, aus der Versenkung nach oben drängender Konzerteinstieg, „Wunderbare Leere“ eine sommerliche Umarmung und „Morgen“ von der Unausweichlichkeit aller guten Popsongs, in denen sich die erste Zeile schon nach der zweiten sehnt.

Der Zeremonienmeister, der unlängst seinen 60. Geburtstag gefeiert hat, befindet sich auf dem Aufstieg in den Rock-Olymp glücklicherweise noch diesseits des Lindenberg-Passes – die eigene Mythisierung fällt zurückhaltend aus, die erprobten Mitspieler (u.a. Armin Rühl am Schlagzeug und Frank Kirchner am Saxophon) werden gut in Szene gesetzt. Echte Raritäten vermisst man im Programm, aber immerhin heben die „Flugzeuge im Bauch“ auch im spartanischen Arrangement noch ab und hat es der quicklebendige „Fisch im Netz“ wieder in die Setliste geschafft. Herbert & Co. tollen zu diesem Zeitpunkt bereits ausgelassen wie beim Kindergeburtstag über die Bühne, Geschenke (u.a. ein Häkelkissen) finden den Weg zum Gastgeber, tagesaktuelle und empathische Titel wie „Roter Mond“ plädieren für ein friedliches Miteinander.

Gute Freunde kann niemand trennen, möchte man da ergänzen, zumal Grönemeyer noch nie mit Fußballer-Pathos gegeizt hat. Nicht zuletzt deshalb sind seine Konzerte auch nicht frei von Widersprüchen – sein wiederholter, ehrlich gemeinter Aufruf zu Zivilcourage und Nächstenliebe will nicht recht im Chor der Tausend aufgehen, wenn im Zugabenblock gleich zwei Fußball-Hymnen bereitstehen, die beim anstehenden EM-Turnier reichlich nationales Selbstbewusstsein befeuern werden. Zumal „Jeder für Jeden“ (Grönemeyer hat es frisch mit dem DJ Felix Jaehn eingespielt) selbst für Onkel Herberts Sprachkantine, in der traditionell Metaphernsalat mit saisonal wechselndem Dressing angerührt wird, eine Zumutung ist. Oder sollten der „Ball der Gefühle“ und der Atem, „der sich alleine anfühlt“, gar versteckte subversive Signale sein? Zuzutrauen wär’s ihm.

Von Wieland Schwanebeck

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr