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Her mit dem Verstand! - Nils Frahm war in Dresden im Konzert zu erleben - zum vorerst letzten Mal

Her mit dem Verstand! - Nils Frahm war in Dresden im Konzert zu erleben - zum vorerst letzten Mal

Beim Melt!-Festival hat Nils Frahm, der Klavierspieler, dieses Jahr gespielt. Ein Uhr nachts auf der Hauptbühne! Er ist Pop geworden. Im besten Sinne. Er berührt mit seinen Kompositionen viele Menschen angenehm, ohne dass sie wissen müssten, was er da eigentlich macht.

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Nils Frahm bei seinem Konzert in Dresden.

Quelle: Dietrich Flechtner

Aber wer will, der verliert sich in den spielerischen Details und der technischen Raffinesse. In Dresden gab Nils Frahm gerade sein vorletztes Konzert in der Konzertmuschel auf dem Weißen Hirsch - danach spielt er nur noch im polnischen Katowice - bevor er für mindestens ein Jahr von der Bühne verschwindet, wie er von dort oben mitteilte.

Wer weiß, womit er dann wieder auftaucht. Kam Frahm bei seinen früheren Auftritten mit drei verschiedenen Tasteninstrumenten aus, hat der 32-Jährige mittlerweile einen musikalischen Fuhrpark dabei. Vermutlich stand deshalb auf den Plakaten, die das Dresdner Konzert ankündigten: "Nils Frahm has lost his mind". Also, dass er seinen Verstand verloren hätte. Natürlich hat er nichts verloren. Er kann sich einfach leisten, Instrumente nach Maß bauen zu lassen und sich so dem Klang annähern, den er in seinem Kopf hört.

Da steht also ein großer Konzertflügel. Und ein für ihn erfundenes, so tragbares wie gehäuseloses Piano namens "Klavins Una Corda", bei dem man sehen kann, wie die Hämmer anschlagen. Daneben ein beeindruckender Kombinationsturm aus einem Mellotron, einem ziemlich alten Tasteninstrument zum Sampeln von Musik, und einem Juno 60-Synthesizer der Firma Roland, auch wieder so ein analoges Urzeitgerät. Daran angeschlossen ein Orgelturm, mit großen, viereckigen Holzpfeifen, die aussehen, als hätte da jemand gerade was Spannendes aus dem Baumarkt zusammengeschraubt. Daneben blinken bunte Computerlichter, und es qualmt - vielleicht ist es doch ein Raumschiff, was Frahms Crew da auf der Bühne in der Dresdner Heide aufgebaut hat.

Von einem klassischen Klavierkonzert ist das, was Nils Frahm macht, also allein optisch schon sehr weit entfernt. Im T-Shirt, angekrempelten Jeans und in seinen typischen schwarzen adidas-Schuhen mit den weißen Streifen turnt er fast zweieinhalb Stunden über die Bühne. Er beginnt ganz sachte am Klavier, irgendwann, bei Stück Nummer drei, kommt der elektronische Bass dazu. Dann schiebt er erste Samples ein, loopt sich selbst und spielt zum elektronisch Aufgebauten seine weichen Pianomelodien. Irgendwann klopft er auch mal mit Klobürsten auf die Saiten des Klaviers, zupft sie und lässt dazu einen elektronischen Beat aus dem Computer. Später zieht er den linken Schuh aus, damit er auch seine Zehen verwenden kann für das komplexe Schauspiel. Zwischendrin kehrt er die Insekten weg, die, ganz besoffen von so vielen hypnotischen Klängen, von der Decke der Konzertmuschel auf seine Tasten fallen. "Ich spiele hier das Dach sauber", kommentiert er entspannt, dass die Bedingungen da draußen, im immer noch ein bisschen regenfeuchten Wald, sagen wir, eher mittelmäßig für so ein Konzert sein müssen.

Hinzu kommt, dass er selbst nicht so recht überzeugt zu sein scheint von der Dimension, die seine Konzerte jetzt haben. "Ich bin so klein, seht ihr mich überhaupt?" oder "Vorn sieht man gut, hinten hört man gut." Er sorgt sich. Schon vor drei Jahren, im vollgestopften großen Saal des Societaetstheaters, vermutete er, dass er bald woanders spielen müsse. Kaum mehr als 100 Leute passten da rein, aber er schätzte die Intimität und die gute Akustik dieses Raums. Heute ist er Nils Frahm, der kleine Popstar.

Nun ist er der Künstler, der aus Versehen schon um neun statt um zehn von der Bühne abgeht, weil er seine Uhr noch nicht auf deutsche Zeit umgestellt hat, da er gerade aus England kommt (laut Tourplan, war er dort allerdings schon vor einer Woche). Jetzt gehen ihm irgendwo auf der Welt die Instrumente kaputt oder bleiben an Flughäfen zwischen Auftrittsorten stecken. Aber Frahm spielt immer. Die Improvisation gehört ja schließlich zu seinem Beruf. Ihr hat er sein Live-Album "Spaces" (2013, Erased Tapes) gewidmet, das auf seinen Konzertreisen entstanden ist, im Energieaustausch mit einem immer wieder anderen Publikum, das für ihn so sehr zum Musikmachen dazu gehört und das er unbedingt beglückt nach Hause schicken will.

Als er beim Dresdner Konzert seinen Irrtum bemerkt, kommt er wieder und freut sich, dass er jetzt noch eine Stunde "für den Wald" spielen darf. Kurz vor der Sperrzeit, wenn also die Bäume und die Vögel schlafen gehen müssen, spielt er noch einen dieser endlosen elektronischen Hypnosesongs. Längst hat das Publikum zwischen Bühne und Sitzreihen einen Dancefloor aufgemacht. "Es hat jetzt zehn Minuten geknallt, zum Abschluss gibt's was Versöhnliches". Auch, damit er wiederkommen kann, wie er in Richtung Messgerät des Ordnungsamts sagt. Er spielt "Said And Done", den Song mit dem vielleicht höchsten Wiedererkennungswert, bei dem er anderthalb Minuten im gleichen Rhythmus eine Taste antippt, bevor irgendetwas anderes passiert. Nils Frahm hat das, was sie "Neo Classic" nennen, zwar unglaublich weit ausgebaut, sein Herz aber schlägt immer noch minimalistisch.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.08.2015

Juliane Hanka

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